Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 14-15. (3.4.1885)
- Date
- 1885-04-03
- Page
- Seite 113 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 113 — hohe Geldstrafe gezahlt werden und das unverzahlte Steuergut wurde conficirt. Ursprünglich von der Regierung verwaltet, gelangte der Fonds gegen das Ende der sechziger Jahre in die Selbstverwaltung der mährischen Judenschaft, die dazu aus den Gemeinden durch ein complicirtes Wahlsystem ein Curatorium wählt, welche die Subventionen an Gemeinden, die Personalsubventionen zu de» Gehälter» der Cnitusbeamten und der sehr spärlichen Stipendien für RabbinatS- und Lehramts- Eandidaten verleiht. Amerika. M. Aittsburg, 15. Marz. (Or.-Corr.) Sie haben g. H. Red., in Ihrem geschätzten und auch in Amerika gern gelesenen Blatte schon öfter Bcraulassung genommen, das Streben und Wirken des unabhängigen B'ne Brith-Ordeus Ihren Lesern vorzufllhreu. Ich halte es deshalb für eine passende Gelegenheit, Ihnen über den Delegaten-Cvnvent, der am 1. März a. c. in New-Port stattgefunden, zu berichten. Eine solch zahlreiche imposante Delegation von jüdischen Notabeln hat an und für sich schon etwas Erhebendes. Nahezu zweihundert Männer*) aus allen Theilcn des Landes, den verschiedenartigsten Berufssphären angehörend, in der Metropole des Handels und Gewerbes, im Lande des allmächtigen Dollars, für die Förderung und Hebung der höchste» Ziele unserer Mission zusammentretcnd — diese Thatsache allein ist wcrth in allen Kreisen bekannt zu werden. Das freudigste Zeugnis) vom Wachsen und Gedeihen des Ordens, der Anerkennung und Würdigung seiner erhabenen Prinzipien, fand den deutlichsten Ausdruck in der Gründung der deutschen Reichs löge. Diese sprechende Thatsache wurde während der sechstügigen Versammlung öfters rühmend erwähnt, und als ein Band der Liebe und Zusammengehörigkeit unserer Staminesgenossen in beiden Hemisphären begrüßt. — Hervorgehoben und betont wurde mit Recht, daß es d e u ts ch e I u d eu waren, welche Seit Orden vor 43 Jahren m s Leben riefen, und daß trotz mancher betrübenden Zeitereignisse die Segnungen deutschen Geistes auf die Entwicklung des Judenthums nie außer Acht gelassen iverden dürfen. — Die rasche und schöne Blüthe des Ordens im Mutterlande wurde durch die Schaffung einer neuen — der achten — Distrikts löge mit eigener Jurisdiction gewürdigt. — Daß die Versammlung fast eine Woche dauerte, hat seinen Grund vor Allein in den heißen Debatten über gesetzliche oder ungesetzliche Diskussionen; denn im Lande der Freiheit wird das freie Wort oft dazu benützt, um haarspaltende Gesetzesfragen aufzuwerfen, und die vielen Advokaten, besonders die jünger» Adepten der Rechtswissenschaft, welche bei der Versaniinlung stark vertreten waren, suchten Alle ihr Licht leuchten zu lassen. Der Uebereifer galt im Grunde aber doch der guten Sache, und Geist und Gemüth wollten gleichmäßig befriedigt werden. Der Rabbinerstand war vertreten durch: die Herren: Or. Felsenthal von Chicago, Or. Max Lands berg von Rochester und Or. L. Mayer von Pittsburg. Nur in Fragen, die das Wesen des Judenthums berührten, ließen sich die letzgenannten Herren vernehmen. Die Rede des Herrn Or. Max Landsberg iiber die U n - zulässigkeit von Geheimnisthuerei in einem jüdischen Orden, wirkte zündend auf alle Zuhörer. Von Wichtigkeit war auch die Anregung des Vorsitzenden des „Comits's für geistige Fortbildung" (Jos. Cohen), wonach jede Loge wenigstens einmal monatlich eine Sitzung, ausschließlich intellectuelleu Zwecken gewidmet, abhalten solle, zu welcher die Familien und Freunde der Mitglieder einzuladen sind. — (Auch wir halten diesen Punkt — die *) Es hatten sich 180 Dclegatc aus den bereinigten Staaten und Eanada, und 9 Vertreter für die Logen in Deutschland eingejunden. Diese Convente finden sonst alle 7 Jahre statt (der lchie war 1879 in Philadelphia), diesmal aber, hauptsächlich wegen der deutschen Reichslogen, «in Jahr früher. geistige Veredlung — für eine der wichtigsten Aufgaben jeder Loge. Red.) Trotzdem die Versammlung 6 Tage in Anspruch nahm, wurde das Angenehme mit dem Nützlichen in passenden Pausen in Verbindung gebracht. Die Besichtigung des großen Waisenheims, gegründet von den Logen von New- Iork und Umgegend, galt als eine Ehrenpflicht und wurde von den Delegaten mit Vergnügen ausgeführt. Das Bankett fand im Metropolitan-Opernhaus statt. Bezeichnend für amerikanische Verhältnisse war die Aukündigung, daß das Essen „koscher" sei: doch hätte dabei das „Benschen" nicht vergessen werden sollen. In ihrem Blatte vom 12. Februar a. c. in der Correspondenz von Wiesbaden, wird berichtet, daß bei einem Festessen das Tischgebet für Mk. 322 versteigert und der Rabbiner vom Bestbietendcn damit beehrt wurde. — Hier waren 3 Rabbiner anwesend und dennoch wurde diese religiöse Pflicht übersehen; nicht etwa nach dem Grundsätze: „Dir ist Schweigen Lob", denn an Toasten fehlte es nicht, sondert, einfach deshalb, weil man vor lauter „Purim-Freude" das „Boruch" vergaß. Doch nur die Form fehlte, der Sache ward genügt, denn aus den verschiedenen Toasten quoll sein Geist der Dankbarkeit gegen die gütige Vorsehung, die zu allen Zeiten Männer der That und Ucberzeugungstreue erweckte, die für Israel und seine Mission: „Werde ein Segen" in die Schranken traten, und manches gesprochene Wort erinnerte an den Ausspruch des deutschen Dichters: „Die Red' ward Ulis gegeben, Damit wir nicht allein,, Für uns nur sollen leben, Und fern von Menschen sein. Wir sollen uns befragen, Und seh'n auf guten Rath, Die Roth einander klagen. So uns betreten hat." Aus der Statistik des Ordens seien hier noch einige Zahlen mitgetheilt: In den bisherigen sieben Distrikten des Ordens befinden sich 320 Logen mit 24,350 Mitgliedern, außerdem bestehen noch 9 Logen in Deutschland mit 654 Mitgliedern (deren Zahl inzwischen jedoch gewachsen ist. Red.). Dies weist eine Zunahme von 27 Logen und 2.190 Mitgliedern seit 1879, dem letzten Zusammentreten der „Constitutions-Großloge" auf. Seit 1879 starben 1,454 Mitglieder. In den letzten sechs Jahren sind D. 2,119,254 aus dem Wittwen- und Waisen-Fond an die Hinterbliebenen verstorbener Mitglieder und D. 248,214 sind an kranke und bedürftige Mitglieder bezahlt worden. Die Krankeu-UnterstützungfondS der verschiedenen Logen beziffern sich auf zusammen über D. 800,000. Die Alliance Jsraelite Universelle wnrde von der Versammlung zu ihrer 25 jährigen Jubiläumsfeier telegraphisch beglückwünscht. — Dieser heilbringende Verein wurde überdies dieses Jahr von dem amerikanischen Judenthume reichlich bedacht. — Bis dahin gab es nur Zweigvereine iir folgenden Städten: Albany, Baltimore, Rochester, Pittsburg, und Philadephia, und nur in den beiden letztgenannten Städten zählte der Verein eine ansehnliche Zahl von Mitgliedern. Doch Dank der einmüthigen Aufforderung der „Minister-Association" (des Rabbiner-Vereins) wurde das allgemeine Interesse für die Alliance erweckt, und dieser Verein, der sich zur Aufgabe stellt, die drei Grundsäulen des Judenthums: „Thora, Abodah und Gmilut Chaßadim" nach Kräften zu fördern, ist dadurch, daß er nicht allein mit schönen Worten, sondern auch mit Thaten und sprechenden Zeugnissen vor die Welt tritt, zu Große»! berufen. Da« Ausschreiben einer theologischen Preisaufgabc und die Hebung des Gemeinsinnes innerhalb Israels, ist ein Beweis, was unsere Rabbiner leisten können, wenn sie von jeder Parteirichtung absehen und nur für das Ewige und allgemeingiltige Humane im Judenthum ihre Stimme erheben. Dadurch und nur dadurch wird dem „Licht undWürde" unseres Glaubens zum Siege über alle Vorurtheile verholfen.