Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-02-26 · N° 9. (26.2.1885) · p. Seite 66

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 9. (26.2.1885)
Date
1885-02-26
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9586215-9584675--5634-9584677
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

berüchtigte „Judenschul-Unterhaltung" wird er erträglich; wo keine Predigt ist, da geht man aus der Synagoge so leer heraus, wie man hineingegangen, Mit dem Gefühle: Gott sei Dank, es ist zu Ende! „Zu En d c"? Nein — schon nach Keduscha läuft alles hinaus, bis auf die Paar alten Stammgäste, Kurz, es ist ein Jammer! — Und die so große Zahl der Neugläubigen ist nicht im Abnehme», sondern in rapidem Zunehme» begriffen. — Diese Behauptung wird man angesichts des der Orthodoxie zuneigcndcn Zuges in den letzten 2 Jahrzehnten bezweifeln. Dieser Zug zur Orthodoxie hat aber in ganz ephemeren Verhältnissen seinen Grund, und sieht man auf seine Ursachen, so muß man sagen: Die Zunahme der Orthodoxie ist die sicherste Garantie für ihren Untergang! Das klingt j paradox, ist aber wahr: In Folge der Freizügigkeit sind die früher auf dem Lande zerstreuten, noch nicht vom Liberalismus des 19, Jahrhunderts erfaßte», orthodoxen Elemente an der Bildslächc des städtischen Lebens erschienen. Die j liberalen städtischen Elemente aber wünschen nichts weniger, > als mit diesem ländlichen Zuzug in Berührung zu kommen,! Sic sind gewohnt, daß man den Juden nicht gleich an seinen j mittelalterlichen Manieren erkenne, was bei diesem letzter» ' gewöhnlich der Fall ist, Run ist es eine vom Landleben! her bcibehaltene gute Gewohnheit, jeden Sabbath die Syna- , gogc zu besuchen: darum bleiben die ursprünglichen städtischen ' Gemeindemitglicdcr der Synagoge fern. — Es ist dies nicht zu billigen, aber es ist Thatsachc, — Auch eine rege Be- \ theiligung an den Gemeinde-Angelegenheiten ist eine naturgemäße Eigcnthümlichkeit der ländlichen Juden, Sie reißen also die Gemeindeämter an sich. Diese aus dem Lande zugczogeuc Bevölkerung findet ihre Befriedigung noch in den alten Forinen, hält auch fest dran, würde auch eine Scparirung im Gottesdienste nicht scheuen, wenn es die gewohnten alten Formen, in denen es sich so bequem gedankenlos beten und plaudern läßt, entbehren sollte. Die sogenannten Neugläubigen wollen aber auf die Zusammengehörigkeit mit den Altgläubigen nicht verzichten, weil sic in ihrer Besonderheit sich keiner jüdischen Eigenthümlichkeit bewußt sind, sich für keine zuverlässigen Säulen des Judenthums für die Zukunft betrachten zu dürfen glauben. Sie überlassen daher den ländlichen Zuzüglern die Führerrolle — und die Folge ist eine scheinbare Zunahme und Erstarkung der Orthodoxie bei den Juden, In der Thal ist aber diese Phänomen das sicherste Anzeichen dafür, daß die jüdische Orthodoxie immer mehr abnimmt, Denn nichts wirkt zersetzender auf die Altgläubigkeit, als das städtische Leben, Die Schule, der Umgang in der Stadt wirkt bewußt und nnbewußt in negativer Richtung; die gesteigerte Concurrcnz in der Stadt macht den Sabbath als Geschäftstag unentbehrlich. So gebt es immer vorwärts: und schon lange, ehe der zugezogene Landjudc aufhvrt, sich für einen streng Orthodoxen zu halten, hat er schon aufgehört, es zu sein, — So wird die Zahl der sogenannten Neugläubigen immer größer, aber während überall die Eriveiterung eines Kreises das Bestreben größerer Gcltcndinachung der darin herrschenden Grundsätze erweitert, ist hier das Gegentheil der Fall: die Neugläubigcn selbst schaudern vor einem Regime in ihrem Sinne zurück, weil sie es für gleichbedeutend mit dem Ruin des Judenthums halten. Sie sind aus Ignoranz keines positiv jüdischen Inhaltes sich bewußt, um unter ihrer Firma ein Judenthum zu ctabliren, — Einen solchen Schauder hat der Verfasser der „Gedanken eines Juden" empfunden, wenn es wahr ist, daß er das Judenthum verlassen hat. Gegen seine Ueberzeugung zu allem „Ja" zu sagen, das drückte ihn mit der Zeit zu sehr, er zitterte davor, daß er eines Tages nicht mehr im Stande sein werde, „Ja" zu sagen, wenn seine Ueberzeugung „Nein" diktirte. Er wußte aber, daß er in seiner Gemeinde eine große Anzahl Gesinnungsgenossen habe; er zitterte vor der Möglichkeit, daß er eine Spaltung in seiner hochbedeutenden Gemeinde veranlassen könnte, und um solchen Schaden zu verhüten , , . , verließ er die Synagoge, Er glaubt damit dem Judenthum einen kleinern Schaden zugefügt zu haben; im Schovße des Christenthums hat das Judenthum eine Spaltung durch ihn nicht mehr zu fürchten. — Das ist in den „Gedanken eines Juden" zwischen den Zeilen zu lesen. Wenn jemand das für zu spitzfindig hält, so ist er im Jrrthum, Er mag nur bei den Führern der Orthodoxie herumfragen und er wird überall der ganz naiven Anschauung begegnen: Die „Reformer" können dem Judentbum keinen größeren Dienst leisten, als — ausgenommen sie wollten Orthodoxe werden — wenn sie vom Judenthum sich lossagen! Ich berichte nur Thatsachc», und ich glaube nicht, daß dem von orthodoxer Seite widersprochen werden wird?) Was soll nun daraus werden'? Wo ist ein „Gilead", das „Balsam" für solche Wunden böte? — Schreiber dies erklärt offen: Erhaltung dcs Jndenthums ist ihm der höchste leitende Gesichtspunkt innerhalb des JudcnthumS, Er würde nicht im Geringsten vor der äußersten Conscquenz znrllckschreckcn, er würde auch sagen: aut Cäsar aut nihil, entweder Orthodoxe, oder gar keine Inden, weg mit den Nengläubigen! — wen» er nicht der festen Ueberzeugung wäre, daß dies den sichersten Ruin des Judcnthums bedeutete. Den sicheren Ruin darum, weil er nun einmal nichts dafür kann, daß er ans den Thatsachen die Ueberzeugung gewonnen hat, die Stabilität der Orthodoxie sei nicht für die Dauer lebensfähig, und die Stabilität der Orthodoxie sei von dem Judenthum eines MoscS, eines I e s a j a h, eines E s r a h, eines S i m o n Hazzadik, eines H i l l e l, eines Jochanan den Saccai so entfernt, lvie daS Leder, in dem der Schulchan-Aruch eingebunden ist, von dem lebendigen Organismus, aus dessen Gefüge es hcrauSgewnchscn ist, — Für Jede», der so denkt, wie Schreiber dies, erhebt sich das Schreckgespenst des absoluten Pessimismus, und schauernd fragt er sich und andere: Was soll geschehen? Was kann geschehen? (3ct)üm folgt.) Die Lchulmänner-Conferenz in Berlin und der Normallehrpkan für den israekit, Hkekigionsunterricht. Besprochen von I. li ngenst ein in Ober.-Ingelheim. IV. Nein, weder der Lehrplan noch der Untevricljt darf zur Parteisache gemacht werden! Wir haben dafür die Zeugnisse der gewiegtesten Pädagogen: wir berufen uns auf das *) Der orthodoxe Moniteur, der „Israelit", hat sich inzwischen mit klinischer Offenheit in diesem Sinne geändert. In Wv. 103 des abgclanfenen Jahres schreibt er: „Hannover. Herr Amtsrichter vr. 2, von hier ist mit seiner Famlic zur reformirten Kirche übergetreten. Dies Ereignis; erregt hier großes Aussehen — mit Unrecht; was soll derartige Menschen, die schon ganz unjüdisch erzogen sind, die alles spezifisch Jüdische längst von sich abgestrcift baden, noch an das Judenthum fesseln? Solche Juden sind nicht stark genug, irgend welcher Versuchung zu widerstehen. Der geringste Windstoß entführt die vergilbten Blätter; aber der lebcnsstarke Baum des JlldenthumS grünt imb blüht bis in alle Ewigkeit." — — Ich fasse diese offene Erklärung so auf: alle Inden, die das spezifisch Jüdische von sich abgestreift haben, sind vergilbte Blätter, die abfallen werden, abfallen sollen, damit die grünen Blätter mit „spezifischem Judenthum" allein den Schmuck des Stammes darstcllen. Also alle, die den S abdath rc. ni ch t me hr ha lten. sol len sich taufen lassen. — Denken auch die prinzipiellen Gegner des „Israelit" so in diesem Punkte? Sollen die, nur dem Geiste nach dein Judenthume angehörenden Juden, lieber Juden bleiben, oder ist es im Interesse des Judenthums, wie der „Jraelit" sagt, daß sie Christen werden? lJn ähnlichem Sinne, wenn auch in weniger cynischer Form, orakelte auch das in Hannover selbst erscheinende romantisch-orthodoxe Blatt: daß alle Ganz- und Halbreformer am Taufbecken enden oder orthodox werden würden. Wir erhielten die betr. Nr. zur Zeit von einem mit der Orthodoxie liebäugelnden Rabbiner mit der Randbemerkung zugesandt: „Wo die religiösen Gebräuche nicht mehr geübt werden, da sind die Taufen nur eine Frage der Zeit!" Ob diese Herren denn gar nicht ahnen, welches Armuthszeugniß sie damit dem Geiste des Judenthums ausstellen! Red.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.