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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-02-19 · N° 8. (19.2.1885) · p. Seite 58

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 8. (19.2.1885)
Date
1885-02-19
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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— 58 — daß die Juden nicht die Führerrolle werden erstreben dürfe»; sic werden sich zum Gefolge der ohnehin nach dieser Richtung thätigen Männer des Christenthums zählen müssen, und da werden sic wichtige Dienste leisten können: sie werden — hört und staunt! — Gedanken und Erfahrungen auf religiösem und kirchcnpolitischen Gebiete zutragen können; sie wissen „als Jude», das; eine Religion sich auch bei einfachem Vcrwaltungsapparat kräftig erhalten könne"; sie wissen, „wie das Bild der Kirche nach außen hin aussieht: können die Berechtigung des „Wahlrechtes" vertreten; sie können, „wenn ein Stein geworfen wird auf die Juden, fragen, ob man sich frei weis; von eigner Schuld". — Sind das nicht herrliche Dienste, die die Neophiten der Kirche leinen könne»? Ich kann mich dabei, so ernst mir um's Herz ist, nicht einer komischen Reminisccnz ans einer stenographischen Uebnng cntschlagen, die lautete: „Du hast ein komisch Bild", — sprach Minna einst zu Fritzen — Ich möcht' cs wirklich nicht, nicht ähnlich so besitzen. Dir ward des Reichen Gold, der Zielpunkt Deiner Ruh, Du konntest König sein, und wurdest doch sein . . . Schuh". Also: im fremden iöefem.tniffc ist auch nicht alles, wie es sein soll; aber nur flugs hinein, denn der — Jude hat die Pflicht, die Schäden des C y r i st c n t h u m s heilen zu helfen. Aber dort heißt es, leise anstrcten, denn von den Juden erwartet man jetzt nicht mehr das Heil; dort heißt es, mit bescheidener Wirksamkeit zufrieden sein. Bei de» Juden ist auch viel Arbeit — aber man kann ja auch als Christ im Dienste des Judcnthums stehen. Michels Haus ist baufällig , aber Nachbar Johanns Haus nicht minder. Michel, in seiner Gulmüthigkcit, überläßt sein Haus sich selbst und hilft dem Nachbar bei der Reparatur an dessen Hause, damit Michels Kindern, wenn das Stammhaus cingestürzt sein wird, bei Nachbar Johann eine angenehme Micthswvhnung zur Bcrfügnng stehe — — difficile est satyram non scribere. (g-mtietmug folgt.) Die Schulmälmer-Conserenz i« Berlin und der Dormallehrpkan für den israekit. Nekigionsnnterricht. Besprochen von I. K liugenstein in slber-Jngelheim. III. Der specialisirte Lehrplan für jede einzelne Schule ist stets ein provisorischer. Er ändert sich mit den Verhältnissen. „Längere Erfahrungen bringen die nothwcndigc» Modifieationen. Mir den Lehrern, mit der Litteratur je. ändern sie sich zum Theil. Ans dieser Welt gilt Alles nur für einstw ei t e 11; wie wir Alle provisorisch sind, so auch unsere Institutionen und Machwerke, und zwar Alle ohne Ausnahme. Ob das, was heute gilt, auch morgen noch gilt, wird sich — m argen zeigen. Nichts hat auf die Geltung am morgenden Tage Anspruch, >vcil es heute gegolten. Die Zweckmäßigkeit für den morgigen Tag und an deniselben muß entscheiden, nichts Anderes. Die Todten haben nicht das Recht, Gesetze zu geben für die Lebenden. Nur der Lebende hat Recht"?) Ist nun anzunchinen, daß in einem solchen Normallehrplan oder selbst in einem Spccialplan religiöse Parteirichtungen sich positiv geltend machen sollen oder dürfen? Wir wollen nicht leugnen, daß in der Discussion in einer gemischten Versammlung verschiedene religiöse Richtungen hervortreteil können und wo möglich zur Geltung zu kommen suchen. Wir geben sogar zu, daß in dem voin Standpunkte der Pädagogik übrigens ausgezeichneten Plane der Berliner Fachkommission, in tvclchem wir nur einige allgemeine Andeutungen über Zwecke und Ziele rc. vermißten, sich Lücken finden lassen, die dem, der die Herren Verfasser kennt, der also mit einer gewissen Voreingenommenheit an den Plan *) $ie)tciu>cg’£' Wegweiser (5. Auflage, III. Seite 577i über Tieeiplin, Lehr- und Arbcitsplan. herantritt, auch die religiösen Anschauungen derselben verrat Heu. Sind ja bekanntlich schreckliche Menschen, diese „Refornnnüchte der Berliner jüdische» Schulen": die Herren Professor Or. Steinthal Dr.‘ Holzmann, Dr. Kirschstei», Dr. Jutrvsinski, Cohn u. A. m.l Allein: Konnte das den pädagogischen Werth des Planes vermindern? Hätte es auch für die Praxis der Schule in religiöser Beziehung eine positive Bedeutung? Wäre es nicht leicht möglich gewesen, in diesem klaren Plane die Lücken auszufüllen, die Spuren der Grundsätze der arge» Reformfreunde zu verwischen? Waren die Reformmtzc, die da in der Hattptstadt des deutschen Reiches gesponnen wurden, so unzerreißbar? Waren wirklich die „Seelen der arglosen armen" Lehrer und war damit das Seelenheil der ganzen deutschen Judcnhcit in Gefahr? Wäre es z. B.; raktisch wirklich erheblich, ob im Plane beim Pentateuchllbersetzcn die Stellen vom Tempel --**) und Opferdicnst genannt werden —> oder nicht? Beim Religionsunterrichte der Kinder kommt es immer und überall in erster Linie auf die Bildung des Herzens und des Charakters an. Es ist ein Anderes, Kinder zu nntcrrichtcn, oder Erwachse ne zu belehren. Alle die Dinge, die u»s trennen, kommen in der Schule, beim Unterrichte der Kinder, nicht in Betracht. Wehe dem Lehrer, der die Hadersachen, die die Religionsgcsellschaft in Parteien spalten, in die Schule trägt; der de» Samen des Zweifels und der Zwietracht in die Gemüthcr der reinen, ihrem Lehrer unbedingt vertrauenden, unschuldigen Kinder streut! Haben denn allein die Orthodoxen daS berechtigte Verlangen, Schonung der Gewissen zu fordern? Sind diejenigen Juden, die mit Herz und Seele, mit ihrer ganzen geistigen Lebenskraft, mit der das Leben heiligenden Pietät am Judenthume hängen, — wenn sic euch den Anordnungen des Schulchan Arnch nicht überall folgen, — nicht auch berechtigt, zu verlangen, daß in der Schule Nichts gelehrt werde, was sich zwischen die Eltern und ihre Kinder stellt? Wohlan! Talmud und Schulchan Arnch sind nicht Allen unantastbareHeiligthümer; nicht Jeder ist Willens und im Stande, sein ganzes Leben in diese vielfach veralteten Schranken cinzuzwängen! Hat der Lehrer das Recht, die Kinder zu Richtern zu machen über die Eltern? Hat der Religionslehrer, weil zum heiligsten Amte berufe» und dabei der Beauftragte der Familie und Gemeinde, das Recht, Mißtrauen, Haß und Verachtung zu streuen in die Herzen guter Kinder — gegen die Familie, gegen das Haus, dem sie entsprossen, gegen —■ Vater und Mutter? Dort Zwiespalt zu säen, wo das höchste Sittengesetz Pietät, Liebe und Ehrfurcht vorschreibt? Der Schulmann, der seine heilige Pflicht kennt, kommt in solchen Dingen weder mit seinem Gewissen »och mit de» Anschauungen Einzelner aus der Gemeinde tc. in Conflikt. Er weiß, daß er nicht der Lehrer einer religiösen Partei, weder der Reform noch der Orthodoxie ist, sondern der Lehrer der jüdischen Religion! Hier gilt es, klar zu sehen und zu erkennen: Weder zur Rechten noch zur Linken! Die jüdische Religion ist so klar und wahr, ihre Grundsätze sind so einfach und überzeugend, daß der Lehrer, wenn er nicht Verräther sein will am Heiligsten in Pflicht und Beruf, nicht abirren kann! Das, was uns Alle einigt, ist so viel und groß und erhaben, daß wir die uns gebotene Schulzeit wohl ausfüllcn können mit der Aussaat des Guten, Unangreifbaren; mit den ewigen Wahrheiten, mir dem lautern Siltengesetz, mit denl ans der unerschütterlichen Grundlage der Thora aufgeballten lebendigen Religionsgesetze! Liebet (und lehret) die Wahrheit und den Frieden! **) Halt, da treffen wir ja die frommen Orthodoxen auf einer argen — Stöckereil „So e bissel Fälschung is alleweil dabei!" Vom Tempel dienst, der nach unscrcm armen theologischen Wissen im Opferdicnst durchaus nicht ausging, war in der Versammlung der Schul Männer nicht die Rede. Das hat die „Jiid. Presse" aus Eigenem ad maiorem dei gloriam daxugel—egt.

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