Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-01-15 · N° 3. (15.1.1885) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 3. (15.1.1885)
Date
1885-01-15
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9586215-9584621--5580-9584623
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Stelle eines 9teIifitPll& J I- P» -» — 18 — unseres Volkes stolz, der andere beklagt es. Daß aber die Protestanten, bei denen jedes Schulkind biblische Geschichte gelernt hat, den Ursprung des Christcnthums vergessen haben sollten, kann nur einer behaupten, der vielleicht selbst in seiner Jugend keine biblische Geschichte gelernt hat. In England und in Amerika hat bekanntlich gerade der Protestantismus dem ganzen Leben ein altbiblischcs Gepräge ausgcdrückt. „Das Land ihrer Geburt", sagt der Vers, von den Juden, „ist nicht ihre religiöse Hcimath". Was versteht der Vers, unter „religiöse Hcimath?" Wir vergiften all unser Denke», indem wir die Nationalität in Dinge hincinbringen, wohin sic nicht gehört, und es ist unendlich viel Heuchelei und Schwindel dabei. Unsere religiöse Heimath ist nicht Deutschland, sondern unser Gemllth, oder in einem gewissen Sinne der Himmel; darum kann das Jndenlhum zur Weltrcligion werden, darum waren Juden die Propheten, die ersten Verkünder einer Welt religion. Geradezu spaßhaft für den Kritiker eines Glaubens, dem er so lange angehört hat, ist sein Gerede — wir können es wirklich nicht parlamentarischer bezeichnen — über die jüdischen Feiertage. Auch sic sollen nur national sein. Hierbei passirt dem Autor, daß er Passah, Sukkoth, Rosch haschona, Purim und Chanuka in einer Reihe nennt, und „Schabuoth" und „Jomkippur" w e g l ä ß t. Wo bleibt da die Ehrlichkeit? Das Fest der Ofscnbarung und der Tag der Versöhnung haben ein allgentein menschliches Gepräge, daruin läßt er sie weg; hielt er feine Leser für so bornirt, daß sie das Taschenspielcrkunststück, diese Eskamotagc nicht merken werden? Und Chanukka und Purim werden rasch hinzu addirt. Das sind, wie jedes Rind weiß, keine Feste, sondern nur Gedenktage; wir haben noch heute nicht mehr Feste, als unsere Vorfahren in der Wüste; und diese Feste knüpfen an Geschichtliches an, um Ewiges zu lehren; sie lehren uns zudem im Walten der Natur Gott erkennen. Ihnen gegenüber treten Chanukah und Purim weit zurück als rein geschichtliche Gedenktage, und nur nach dem Prinzip: Flinkigkcit ist keine Hexerei, konnten einige Feste weggeschoben und einige cingeschobcn werden, um unser religiöses Leben als ein jüdisch-nationales zu kennzeichnen. Jetzt kommt der Verfasser zur eigentlichen Tendenz seiner Schrift, er erzählt uns, daß sich im Judenthnm eine Scheidung zwischen Alt- und Ncugläubigcn vollziehe, und daß die christliche» Anschauungen diese Scheidung Hervorrusen. Nun diese Scheidung zwischen Alt- und Neugläubigen vollzieht sich auch innerhalb des Christenthums, obgleich dort mächtige Behörden die Kirche zusammcnhalten, und zwischen dem Protestantcnvereine und Stöcker ist der Unterschied größer, als zwischen einem freisinnigen und einem orthodoxen deutschen Rabbiner, denn bei den Juden bezieht sich die Differenz nicht auf das Dogmatische, sonder» nur auf das Ceremonielle; nun kann man eine Ccremonie erfüllen, ohne ihre Verbindlichkeit anzuerkennen, aber man kan» kein Dogma bekennen, sobald sich die Vernunft dagegen auflehnt; und wenn wirklich die „christlichen" Anschauungen die Scheidung innerhalb des Judcnthums bewirkt haben, warum haben sie es denn nicht schon früher vollbracht? Nein, es ist die moderne Wissenschaft und Weltanschauung, die in gleicher Weise Judenthnm wie Christeuthum beeinflußt. — Der Herr Verfasser erinnert daran, daß schon jetzt in vielen jüdischen Familien das Weihnachtsfcst mitgefeicrt wird und erwartet davon eine Annäherung au die Religion, „welche dieses Fest, sowie cs ist, gestaltet hat." Der Autor vergißt, daß die Weihnachtsfeier in Deutschland einen besonderen Charakter hat, daß der Weihnachtsbaum mit urgermanischcn Traditionen zusammcnhängt, und daß viele christliche Familien sich um den Weihnachtsbaum sammeln, die dann dem Gottesdienst fcrnbleiben. Wir billigen nun zwar den Weihnachtsbaum in den jüdischen Familien durchaus nicht, aber unscrm Glauben wird dadurch wohl kaum Einer entfremdet. Endlich erreicht der Autor den Kernpunkt seiner Schrift: „Juden, welche sich von dem Gesetze befreit haben, gelangen, sobald sic Nachdenken, in eine veränderte Stellung zu dem Stifter der christlichen Religion". Der Herr Verfasser scheint von dem Stifter der christliche» Religion mehr zu wissen, als so viele christliche Gelehrte, die sich damit zeitlebens beschäftigt haben. Man hat Jesus, so wenig Sicheres wisse» wir von ihm, eine mythische Persönlichkeit in geschichtlicher Zeit genannt, und der Stifter der christlichen Religion ist eigentlich — Paulus. Der Verfasser mag cs überdies in Grätz Band III. Nachlesen, wie vorurtheilsfrci ein jüdischer Gelehrter, der sich nicht „vom Gesetz befreit hat", über Jesus urtheilt; wie sympathisch berührt es uns, wenn Grätz ihn als ganz durchdrungen von jener Nächstenliebe schildert, die das Jndcnthum auch gegen den Feind einschärft, wenn er schreibt: „Gewiß ist ihnl kein Fluch gegen seine Feinde entfahren, und seine übertreibenden Verehrer thaten ihm wohl Unrecht, wenn sie ihn Flüche ausstvßen lassen, oder ihm lieblose Worte gegen die eigene Mutter in den Mund legen." Unserm Autor ist Jesus vor Allem werth, „weil er das Joch der Ceremonicn zerbrochen hat". Aber können denn gerade ihm die allbekannten Stellen unbekannt sein, in denen Jesus seine Ehrfurcht vor dem Gesetze ausspricht? Fast allgemein ist unter den berufenen und unbefangenen! Forschern die Ansicht recipirt, daß die ersten Anhänger Jesus die Schranken des Gesetzes nicht durchbrochen haben. — Die Bergpredigt, deren Echtheit übrigens angcsochlen wird, enthält gewiß herrliche Lehren, aber doch auch manche Uebertreibung. Die Lehre: Sorget nicht für den kommenden Morgen, hört sich zweifellos schön mit an; aber der Mann, der seinem Schwiegersohn rieth, diese Lehre nicht gar zu buchstäblich zu beherzigen, hat wohl so Unrecht nicht. Die Meinung, daß so einer uns auf die rechte Wange schlägt, wir ihm auch die linke reichen müssen, hat im Jnjnrienprocesse keine Geltung gefunden; wenn rvir aber diese Ueberschwänglichkeitcn streichen, dann haben wir — die Moral des Judenthums. Schon Lessing unterscheidet zwischen der Religion Christi und der christlichen Religio»; die Religion Christi aber ist, soweit wir die Spuren seines Wandels verfolgen können, das Judenthum, nur daß er nach dem Vorbild Hillcl s, den Hauptaccent aus die Sittenlehre legte. „Die oberste Wahrheit der mosaischen Offenbarung ist: cs ist nur einziger Gott; das oberste Gesetz desselben: Du sollst diesen Deinen Gott lieben über Alles und Deinen Nächsten wie Dich selbst. Diese beiden böchstcu Ideen weiden auf die mannigfaltigste Weise ausgesprochen, auf's Anschaulichste versinnbildet und durch die wirksamsten Mittel in's Bewußtsein des Volkes gebracht, so daß das ganze Gesetz mit seinen zahlreichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.