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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-01-08 · N° 2. (8.1.1885) · p. Seite 10

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 2. (8.1.1885)
Date
1885-01-08
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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— 10 — Gewiß läßt die religiöse Jugendbildung unter den Juden, über die der Herr Verfasser seinen Tadel ausschllttet, noch vielen Wünschen Raum, nur ist anderwärts auch nicht Alles golden, und wenn die Rabbinerversammlung von 1884 diesen Schaden offen ausspricht, io sollte dies nicht als Waffe gegen uns benützt werde». Der Schaden, den die Rabbinerversammlungrügt, äußert sich auch vor Allem in großen Städten; wir kennen kleinere Städte, in denen kein einziges jüdisches Kind ohne Religionsunterricht aufwächst. Der Herr Vers, urtheilt auch sicherlich falsch, wenn er aus den Kämpfen um den Gottesdienst eine Spaltung der deutschen Judcnheit hofft oder fürchtet. Er sagt freilich mit Recht: „Das preußische Gesetz vom 28. Juli 1876, den Austritt aus der Synagogen-Gcmeindc betreffend, unterstützt sehr wirksam diese Bestrebungen". Wenn einer Religionsgenossenschaft, die keinen staatlichen Rückhalt hat, in einem Lande, wo alle übrigen Religionen vom Staate aufs Mannigfachste gefördert werden, auch diese letzte Stütze entzogen wird, dann war wohl Grund zur Bcsorgniß und separatistische Bestrebungen wurden durch dieses Gesetz aufs Wirksamste unterstützt. Aber Laster hat mit seiner Idealität Recht behalten, und das deutsche Judenthum hat gezeigt, daß der geistige Zusammenhalt so mächtig ist, um jeden weltlichen Zwang entrathen zu können. Geradezu drollig ist es, wenn der Autor schreibt: „Uebcrall gehen die Ansichten so weit auseinander, daß die Versammlung deutscher Rabbiner zu Berlin vom Jahre 1884 im geraden Gegensatz zu früheren derartigen Versammlungen es für gerathen erachtet hat, jeden religiösen Differenzpunkt von der Discussion auszuschließen". Weiß denn der Herr nicht, der doch gewiß seine Zeitung liest, daß die Rabbinerversammlung von diesem Jahre ausdrücklich den Zweck hatte, Zeugnis; abzulegen für den humanen Gehalt der jüd. Lehre, und ist cs für diesen Zweck nicht ganz gleichgültig, ob man hebräisch oder deutsch betet, ob man am Sabbath fährt oder zu Fuß geht, ob man die Orgel im jüdischen Tempel duldet oder nicht? Wahrlich, nur der Deserteur, der sich entschuldigen will, sicht Spaltungen und Gegensätze da, wo thatsächlich keine sind. Zum dritten stört ihn der Sabbath, obgleich ich bis auf Weiteres mich zu der Annahme berechtigt halte, daß er ihn praktisch bisher wenig gestört hat. Er fragt, wo finden die Kinder, die die Schule besuchen, sabbathliche Erbauung? Sollte der Autor nie davon gehört haben, daß Kinder- Gottesdienste in vielen Gemeinden eingeführt sind und sich überall mehr und mehr Bahn brechen? Es wird sich noch fragen, ob die Theilnahme am Gottesdienste der Erwachsenen für Kinder besonders erbaulich ist; der Jugendgottesdienst löst alle Schwierigkeiten und statt als Christ nachträglich seine einstigen Glaubensgenossen anzuklagen, hätte der Herr vielleicht besser gethan, noch als Jude für die Einführung solcher gedeihlichen Institutionen zu wirken. Die Sabbathfeier auf den Sonntag verlegen, entspricht nicht dem jüdischen Bewußtsein, aber wenn der Herr Vers, darin das Heil sieht, so durfte er ja nur nach bekannten Mustern, in seiner Heimath eine Gemeinde auf dieser Basis in's Leben zu rufen versuchen. Hierauf spricht der Vers, von der historischen Mission des Judenthums und von der mcssianischen Hoffnung. Sollte es wirklich in dieser Zeit der Kriege, der Rassen- und Staudesvorurtheile so irrationell sein, die Erlösung der Menschheit statt in der Vergangenheit in der Zukunft zu suchen? Oder geht etwa unseremcssianische Hoffnungdahin.daß dereinst sich alle Völker zum Judenthum sammt seinen Satzungen bekennen, also z. B. das Bundeszeichen annehmen wcrvcn? Wie seltsam! Das Judenthum hat Lehren über Gatt, über den Menschen, über sittlichen Wandel, und sieht seine Aufgabe beendet, wenn die Menschheit sich dem Aberglauben ab- und diesen Lehren zugewandt hat. Das ist unsere Hoffnung; was dann aus dem Judenthum werden wird, braucht heute nicht unsere Sorge.zu sein. Als ein Zeichen der sieghaften Wahrheit des Judcnthums sehen wir seine Erhaltung an nach all den Stürmen. Aber sagt der Verfasser: „im Schatten des Christeuthums und des Islam hat sich das Jndcnthum stark erhalten; darüber hinaus hat es seine Kraft nicht bewährt". Jndeß nur in diesen vom Christenthum und Islam beherrschten Ländern gab es Juden in beträchtlicher Zahl, atiderswo gab es nur versprengte Reste. Die Juden können sich doch nur da erhalten, wo sie wobticu. Neu ist die Behauptung, daß wir nur durch den Schutz des Christenthums erhalten worden sind. Das Jndcnthum hat, wie allbekannt, Jahrhunderte hindurch fast ungestört in Europa sich entwickelt, bis die Kirche imnier mächtiger ivurdc und die Juden unter Ausnahmegesetze stellte, die uns dem Haß und dem Hohn des Volkes Preisgaben. Fanatische Mönche hetzten den Pöbel und die Ritter halse» gegen ihre — Gläubiger. Da erfüllt es uns mit Ehrfurcht gegen die Vorschnug, daß mitten in einer Welt, wo Alles gegen die Juden verschworen schien, doch noch diesem Volke Rettung wurde. Bald die inilde Gesinnung eines Machthabers, bald ein jüdischer Arzt, Iald ein Günstling, bald und häufig genug jüdisches Geld wändte die Gefahr ab, und es scheint, als ob die Gottheit all diese Rettungen eines Volkes nicht zwecklos vornahm, sondern nur weil es noch einen Beruf auf Erden zu erfüllen hat. Den Autor hat die Geschichte gelehrt, daß wir Inden lebe» — durch die christliche Liebe. Daß fort und fort an uns geahndet wurde, daß wir Jcsum gekreuzigt haben, das bat er vergessen. Er fährt fort: „Denkt man sich Christenthum und Islam hinweg und setzt den Fall, daß die Religivil der maßgebenden Völker etwa aus einer Verschmelzung gerinanischen und griechischen Götterglaubcns erwachsen wäre, so würde sich das Häuflein Juden schwerlich erhalten haben." Was sich der Mann Alles denke» kann! Er kann sich das letzte Jahrtausend denken ohne Christenthum und Islam. Unsere Phantasie ist dazu nicht fähig, und das war die große Mission des Judenthums in der Vergangenheit, diese beiden Religionen der Welt zu geben. „Man wende nicht ein", sagt er, „daß Juden unter heidnischen Völkern Jahrhunderte lang gelebt und Duldung ihres Glaubens genossen haben". Warum soll man das nicht einwenden? Etwa weil es dem Herrn Verfasser das Conzept verdirbt? Vierhundert Jahre fast lebte» die Juden zuerst unter persischer, sodann unter griechischer Herrschaft ungestört Sind vierhundert Jahre nicht beweiskräftig? Und die Feindschaft des Christenthums ist so leicht erklärlich, daß es geradezu die Geschichte aus den Kopf stellen

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