Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 47. (18.11.1880)
- Date
- 1880-11-18
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 186 — Der Anklage gegenüber, dass die Jaden einen angeborenen Trieb zum Bankgeschäft hätten, beweist Herr B., dass die Juden Fiankreichs sehr spät zum Geldhandel gegriffen haben. Ihre Vorgänger und Meister darin waren Christen, Lombarden, Cahorsins und Florentiner. Und diese Christen blieben ihnen stets überleben durch ihr Vermögen, ihre finanziellen Verbindungen und ihre Habsucht. Die sicherlich nicht des Wohlwollens gegen die Juden verdächtigen Concilien des 13 bis zum 15. Jahrhundert verdammen oft den Wucher der Christen, schweigen aber vollständig über jüdischen Wucher. (Das bezieht sich auf ganz Frankreich). Wohl kommen an den Papst Urban V. auch ein* zelne Klagen gegen die Juden im Allgemeinen. Was jedoch diese bedeuteten, wird damit illustrirt, dass Clemens VII. sich gezwungen sieht, die Israeliten zu schützen ״gegen die ungesetzlichen Mittel gewisser, wenig bedenklicher Schuldner, welche, nm sich der Zahlungspflicht der Zinsen zu entziehen, die Juden vor den Kirchengerichten des Wuchers bezichtigten.“ Zahl* reiche Untersuchungen ergaben vielmehr, dass die Juden 10 bis 12 °/0 nahmen, als 20 °/0 der gebräuchliche Satz war. Zudem musste man den Juden vorwerfen, dass sie Arbeiter, Handwerker, Landwirthe, Aerzte u s. w. gewesen sind. Denn als sie dies Alles waren, wurden sie vom Geheul des Handwerkes und Brodneides verfolgt. Sie erstrebten und erlangten die Erlaubniss, Güter zu kaufen und widmeten sich dem Landbau. Aber sie reüssirten darin, wie im Handel und Gewerbe. Des* halb vereinigten die kleinen Ackerbauer sich gegen sie und der Landtag der Grafschaft Venaissin spricht 1518 den Wunsch aus, man möchte die Juden vom Ackerbau ausschliessen. Wohl erhoben auch die christlichen Aerzte dasselbe Begehren gegen ihre jüd. Collegen, jedoch der Clerus meinte: ״Er sei verpflichtet, diesen verderblichen Missbrauch zu dulden.“ II. Samuelis 17, 3. In Nr. 45 des Literaturblattes ist zu der überschriftlichen Bibelstelle, zu deren Lösung nichtjüdische Exegeten so Hochkomisches zu Tage gefördert, eine Erklärung gegeben, deren Verfasser der Meinung ist, durch diese alle Schwierigkeiten beseitigt zu haben. Dass ist jedoch keineswegs der Fall. Richtig ist in derselben erkannt, dass zu האיש die präpos.מן ergänzt werden muss, hingegen ist gegen alles Andere zu bemerken: 1) bedeutet ^>״ הכAlles“, aber nicht ״die ge* sammte Bevölkerung“; 2) wie konnte oder wozu brauchte ״die gesammte Bevölkerung“ David abwendig zu werden, da doch nur ein Theil ihm anhänglich war; 3) ist es augenfällig, dass alle dreimal unter כל העם — obschon nur einmal אשר אתו beigefügt ist — die Anhänger Davids gemeint sind; 4) ist mindestens כל העם יהיה שלום eine übergrosse Sprachhärte, es müsste wohl heissen בשלום — nicht zu vergleichen mit איש שלום■ Ich halte es für mehr als wahrscheinlich, dass der Text folgendermassen gelautet: ואשיבה כל העם אליך כשוב מן האיש אשר אתה מבקש כל העם הכל יהיה שלום Das Wort הכל, das in der untern Zeile stand, ist in die obere gerathen, was ihm um so leichter wurde, als כל העם erst nach מבקש seinen Platz gefunden hat; durch diese Dazwischenkunft hat der Text eine Erschütterung erfahren und dadurch ist auch die präpos. מן ausgefallen. Die Entfernung des כל העם von כשוב, wenn dieses übeihaupt einer Erklärung bedarf oder gar zu einer Umstellung veranlassen konnte, rechtfertigt der Umstand, dass es sonst zweimal nahe neben einander hätte stehen müssen. Der Vers wäre demnach zu über* setzen: ״Ich werde alles Volk (sc. das dem David anhängliche) Dir zuwenden, nachdem sich abgewendet hat von dem Manne, nach welchem Du fahndest, alles Volk, wird Alles friedlich sein.“ Dem Zustande des Textes der Bücher Sam. gegenüber, die mehr als dreimal soviel von der Masora bezeichnete Texteslücken — פסקא באמצע הפסוק — aufweisen, als alle übrigen biblischen Bücher zusaminengenommen, kann sich selbst ein volles ängstlich conservatives Gemüth bei einer dringend geforderten und, wie ich glaube, einleuchtenden Emendation beruhigen. Werschetz. Dr. Sidon. Die von Herrn Glück urgirte, sehr schwierige Stelle 2. Sam. 17,3 wird nach meiner Ansicht einfach dadurch verständlich, wenn man das ה im Worte האיש als Vocativus fasst und letzteres als eine Apostrophe an Absalom deutet. ״Du Absalom, du Mann, der du nach dem ganzen Volke strebst, ich werde das ganze Volk dir zuwenden, sobald Alles sich umgeweudet haben wird, dann wird Frieden sein.“ Krakau. Dr. M. D us ch a k. Literaturbericht. ßecensionen. Zuckerniandel, Dr. M. S., Rabbiner in Pasewalk. Tosefta nach den Erfurter und Wiener Handschriften mit Parallelstellen und Varianten. Lieferung 6. Pasewalk 1880. In Commission bei Aug. Schnurr. Das von allen Freunden der talmudischen Wissenschaft, von allen Forschern jüdischer Archäologie, sowie den Kennern des jüdischen Schriftthums mit Freuden und Spannung begrüsste Werk liegt nun vollendet vor uns. Aus dem traurigen Verstecke in der R i f- Ausgabe ist sie hervorgeholt, das schlechte Gewand der matten, unleserlichen Typen hat sie abgeworfen und in ein helles, freundliches Gewand modernen Quadratbuchstabendruckes sich gehüllt, und all die Löcher, die sie in ihrem alten Kleide gehabt, all die Risse, die von der Gewalt einer wissensfeindlichen Censur und dermenschliehen Schwäche von Setzern und Correctoren herrührten, sie entstellen das neue Gewand nicht mehr. Und schön geordnet, in einen Bund gefügt, steht sie wieder vor uns in ihrem gewaltigen Reize, in ihrem Reichthuine und ihrer Klarheit, wie sie einst die Amoräer und die nachfolgenden Gelehrtengeschlechter zum eifrigen Studium angespornt hat. Wohl hat sie noch nicht das volle Bild ihrer ursprünglichen Reinheit wieder erlangt, noch steht sie da, wie eine ausgegrabene Bildsäule, an der noch kleine Stückchen fehlen, manches Stück noch nicht ganz von dem verhüllenden Staube befreit ist, noch hat die Forschung die schöne Aufgabe vor sich zu prüfen, wie man das fehlende Stückchen ersetze, wie man den Staub entferne. Aber die schönen, vollen Formen, die herrlich gebauten Glieder, sie treten alle so deutlich, so vollendet in ihrer meisterhaften Gestaltung hervor, dass wir bewundernd und hocherfreut das Bild betrachten. In der That ist gerade die jüdische Gesammtheit dem Manne ganz besonders Dank schuldig, der unter den schwersten Entbehrungen, den bittersten Sorgen, dem traurigsten Kampfe um’s Dasein an diese für seine Glaubensgenossen in erster Reihe, aber auch für die wissenschaftliche Welt überhaupt hochwichtige Aufgabe mit Muth und Gottvertrauen herantrat und weder durch des Lebens Noth, noch durch der Arbeit saure Mühe sich hat einschüchtern lassen. Sache der deutschen Judenheit insbesondere ist es, t die ihr zur Ehre gereichende neue Ausgabe der Tosefta damit zu belohnen,