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Das jüdische Literaturblatt · 1880-10-28 · No. 44. (28.10.1880) · p. Seite 174

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 44. (28.10.1880)
Date
1880-10-28
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
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174 — nisse der Juden! Sie sind nicht mehr die Aermj sten in den Gemeinden, sie sind nicht mehr die Missachteten und Unterdrückten, sie leben nicht mehr in Judengassen, sondern sie wohnen jetzt in den Hauptstrassen, besitzen die kostkarsten Häuser, nehmen hohe Stellen ein im Kaufmanns- und Handelsstande, im Beamtenstande und in den Facultäten: sie werden nicht mehr unterdrückt, üben vielmehr durch ihre überwiegende Macht auf der Börse, in der Literatur und in der Tag es presse einen beherrschendenEinfluss, wenigstens beengen sie die freie Bewegung der geldbedürftigenStaaten, bekämpfenmit Leidenschaft in der Literatur ihnen nicht zusagende Richtungen, hemmen dadurch mannigfach die freie A eusserung undbeeinflussen in der Tagespresse die öffentliche Mein un g.“ Das ist’s, was an uns getadelt wird. Wie man nach dem ״schwarzen Tod“ es den Juden verübelte, dass sie nicht gleich massenhaft hatten mitsterben wollen und sie für ihre unverschämte Lebensfähigkeit todtschlug — so hat der geistige Aufschwung, das Hervortreten bedeutender Gelehrten, welche von Geburt Juden sind, diese geistige Lebenskraft, diejenigen in Harnisch ge• bracht, welche bei sich gerade keine Zunahme wissenschaftlichen Geistes fühlten! Wir aber fühlen uns dem ״Naturhistoriker“ des ״Ausland“ zu hohem Danke verpflichtet. Hat bisher die Antisemitenbewegung das religiöse Gefühl bei vielen Indifferenten in unserer Mitte neu geweckt, so wird die von Treitschke inaugurirte, vom ״Auslande“ aber fortentwickelte Racenhasstheorie auch die noch Schlafenden erwecken und die Gewissheit verbreiten, dass auch das Taufwasser keinen Germanen nach dem Herzen dieser Gesellschaft sehafft. Das wird uns mehren und stärken die reiche Schaar, welche Jadenthum und Deutschthum gleich hoch halten, die Gott geben, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist. Der patriotische Sinn der Juden wird durch diese Anfeindungen nicht erschüttert, das religiöse Leben, der Religionsverband aber gefestigt und gekräftigt werden! Haben die bisherigen — der religiösen und socia* len Abneigung entspringenden — Anfeindungen den günstigen Erfolg gehabt, dass das religiöse Leben, das Interesse für das Judenthum, sein Wesen und sein Wissen, sowie das Gefühl der Zusammengehörigkeit bei den Juden aus der Lethargie erwacht und zusehends lebhafter wird, so wird, so muss das Hep-Heprufen gegen die R a c e uns mächtige Bundesgenossen zuführen. Nicht wir, die das Judenthum bekennenden Juden, allein werden als eine Gefahr für die christlich-germanische Race erklärt, sondern Alle, in deren Adern — noch so verdünnt und vermischt — ein Tropfen Judenblut rollt. Damit wird nicht blos der selige Massmann aus seiner Gruft heraufbeschworen, nein — es verkündet solche Morgenröthe einen Tag, an dem ״Tizon de Espanna“ (hier de Germania) ״der Schandfleck Deutschlands“ unsere Literatur bereichern dürfte, der Nachweis, in welchen christlichgermanischen Familien das Blut der Meyerbeer, Mendelssohn und anderer Juden das reine Germanenthum schändet und sie zur Bekleidung von Aemtern und Würden im christlich-germanischen Staate unwürdig macht! Nur immer zu; je schärfer, desto schneller wird’s schartig. Coblenz. Dr. Lew in. Die Mischnastelle Tamid III, 6. In dem Juliheft der Grätz’schen Monatsschrift beleuchtet der Herausgeber, Herr Professor Dr. Gr ätz, die dunkle Stelle in der 6. Mischnah des 3. Pereks von j Mas. Tamid in der an dem bedeutenden Forscher und geistreichen Gelehrten bekannten glänzenden Weise, Die Stelle lautet in der Mischna also: מי שונה בדישון מזבח הפנימי והמנורה היו מקדימין וארבעה כלים בידם הטני והכוז ושתי מפתחות הטני דומה לתרקב גדול של והב מחזיק קבין וחצי והכוז דומה לקתון גדול של זהב ושתי מפתחות א, יורד לאמת השחי וא׳ פותח כיון. Herr Prof. Grätz citirt die letzteren Worte ohne Abbreviatur, nämlich: אחד יורד וכ׳ ואחד וב׳. Er weist auf die Dunkelheit der Ausdrücke אמת und כיון hin. Die von Raschi und dem Aruch überlieferte, mit dem Talm. jerusch. Bab. rnez. 8, d übereinstimmende Erklärung von ויורד לאמת השחי welche Stelle der Jeruschalmi לאמת בית השחי liest, fasst es so, dass hier zwei Schlüssel gemeint seien, von denen der eine nur öffnet, nachdem man den Arm bis zur Achselhöhle durch eine Maueröffnung gesteckt hat, der andere aber unmittelbar öffnet. Diese Erklärung verwirft der Herr Professor, weil nach seiner Meinung לאמת השחי noch weniger לאמת בית השחי ,,den Arm bis zur Achselhöhle'׳‘ eine gewaltsame Erklärung sei und כיון nicht ״rasch, mit einem Male“ bedeute. Die von Raschi und Aruch citirte Parallelstelle in Tract. Pesach. 37a יעשנה בדפוס ויקבענה כיון lasse die Uebersetzung ״rasch“ unmöglich zu und ausserdem sei ein ״rasches“ Oeffnen gar nicht so erforderlich gewesen. Darum emendirt der Herr Professor כיון in כדין und שחי in שית und übersetzt also: einer steigt in den unterirdischen Kanal (zum Reinigen vom Opferblute, das dahin floss), der andere öffnet die Fenster, um Licht zu erhalten. Diese Emendation erscheint auf den ersten Blick so bestechend, dass die Schwierigkeit ganz gehoben scheint. Dem ist aber beim Nachlesen der Stelle nicht so. Sieht man die Mischna zunächst betreffs ihres Textes genauer an und vergleicht, so findet man die Mischnaausgabe von 1814 (Fürth) hat die Abbreviaturen 'א und nicht אחל. Die Sulzbacher Talmudausgabe hat zuerst אחד und dann ואחת, Raschi in seinem Commentar zu B. mez. 37a אחד ♦ ♦ ♦ ואחד, der Aruch s v. שחי (Lernberger Ausgabe 1870) ebenso, dagegen s. v.מין die Lesart אחת * י ♦ ואחת. die Amsterdamer Talmudausgabe von 1647 hat אחת שהוא יורד באמת השחי ואחת שהוא פותח כיון. Der Herr Professor gibt zwar auf die Lesart des Aruch s. v. כיון Nichts, doch scheint die Lesart der Amsterdamer Talmudausgabe wegen ihrer Klarheit, Kürze und Vollständigkeit beachtenswerth zu sein. Damit wäre also die schwere Mischnastella doch nicht erklärt, dass man die Lesart אחד für die allein richtige hält. Grösser aber wird die Schwierigkeit, wenn man die Mischna, nicht wie sie der Herausgeber citirt, sondern wie sie wirklich lautet, ansieht. Die Mischnah nennt erst die beiden zum מובח und zur מנורה designirten Priester, sagt, dass diese den andern Ausgelosten vorangingen, 4 Geräthe in der Hand hatten. Darauf nennt sie diese 4 Geräthe und wiederholt den Namen des ersten und zweiten und der letzten zwei, nämlich der beiden Schlüssel, indem sie bei der wiederholten Meinung eine Erklärung hinzufügt. Der Herr Professor citirt nun die wiederholte Meinung und Erklärung nicht, so dass die Mischna also zu lauten scheint: מי שזכה בדשון מזבח הפנימי והמנורה היו מקדימין וארבעה כלים בידם הטני והכוז ושתי מפתחות אחד יורד לאמת השחי ואחד פותח כיון. Da nicht einmal durch einige Punkte zwischen מפתחות und אחד angedeutet ist, dass in dem Mischnatexte noch Vieles und Wichtiges dazwischen steht, so glaubt man ohne Nachschlagen der Mischna, dass sie in der That so gelautet habe. Und dann freilich erscheint es naheliegend, die Worte אחד und ואחד auf die מי שזכה beziehen zu können. In Wirklichkeit steht aber hinter ושתי מפת׳ erst טני und eine Erklärung dazu, dann מז und eine Erklärung hierzu und dann ושתי מפתח׳ und die dunklen Worte אחד יורד וה׳

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