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Das jüdische Literaturblatt · 1880-09-18 · No. 38 u. 39. (18.9.1880) · p. Seite 150

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 38 u. 39. (18.9.1880)
Date
1880-09-18
Page
Seite 150 (sequence 2)
Language
German
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— 150 derter Stamm, welcher daher auch eine nur diesem; Stamme zugehörige Natur- und Culturgeschichte I hat.“ Wir haben die Kraftstellen durch den Druck hervorgehoben, um uns zu vergewissern, dass es wirklieh da steht Wirklich, eine besondere, von allen Ragen unterschiedene Naturgeschichte sollen die Juden haben? Die Culturgeschichte könnte man mit gewissen j Einschränkungen zugeben, da mit der Offenbarung am Sinai das religiöse Leben seinen die Cultur umgestaltenden Einfluss übte. Aber die Naturgeschichte? Was haben wir nicht früher von kaukasischer Rage, vom Stamm der Semiten gehört? Und jetzt — all das Thorheit? Die Juden sollten nicht allein einen eigenen Stamm, sondern sogar eine eigene Rage bilden? Aber wie ist mir denn, erzählt nicht die Bibel, dass die Ismaeliten (Araber) Brüder der Hebräer sind — ebenso die Idumäer, welche später mit den Juden verschmolzen sind? Sind nicht Ammoniter, Moabiter, Midjaniter nahe Verwandte der Israeliten gewesen? Bezeugt nicht die Sprache der Phönicier, Aramäer und Chaldäer, dass sie nur Dialekte desselben Stammes sind, dem auch das Hebräische zugehört? Und die Gesichtsbildung der Semiten, erscheint sie nicht z. B aut den altägyptischen Bildwerken für die Juden gleich den anderen genannten Völkerschaften? Selbst heute noch dürfte es den aufmerksamen Beobachter überraschen, uin wie viel schwerer es wird, je mehr man nach Süden und Westen kommt, die jüdische Gesichtsbildung herauszuerkennen! Aber, dürfte der ״Naturhistoriker“ uns entgegenrufen, das ist Laiengeschwätz. Ich hebe ja späterhin besonders den Körperbau hervor und nicht das Aussehen. Da ist es doppelt zu bedauern, dass der Herr seit 1848, wo er zum ersten Male seine Entdeckungen bekannt gegeben, nicht Zeit gefunden hat, Araber und sonstige semitische Orientalen zu untersuchen — und auf den dabei gewonnenen Resultaten fussend, die Besonderheit der ״jüdischen Rage“ zu erweisen! Wie bei vielen Behauptungen der besprochenen Schrift bleibt auch hier nur das: Credat Judaeus A.pella übrig! Sein historisches Wissen über und von den Juden holt der ״Auslandsmitarbeiter“ aus — der allgemeinen Geschichte von Johannes von Müller. Sicherlich ein sehr bedeutender Historiker. Aber wie kann ein besonnener Forscher grundlegende Darstellung der Ereignisse und Ansichten auf dem Gebiete der in neuerer Zeit nicht zum wenigsten bereicherten, ja umgestalteten orientalischen Geschichte aus einem Buche holen, das am Ende des vorigen Jahrhunderts geschrieben worden ist? Nur noch eine cultur- und literargeschichtliche Bedeutung hat jenes Werk, wie es auch S c h e rr in seiner ״allgemeinen Geschichte d.Literatur“ (II, 278) ausspricht, da ״gar vieles darin vor der inzwischen vorgeschrittenen Geschichtswissenschaft nicht mehr bestehen kann“. Warum ist nicht, ich will nicht sagen Ewald, Jost, Herzfeld, Grätz, aber mindestens D uncke r benutzt worden? Moderne Anschauungen passten nicht zu dem vorgefassten Plane, drum nur schnell Rüstzeug aus alter Zeit herbeigeschafft. Da kommt aber eine gar kuriose Geschichtsklitterung zu Tage. Von den Juden in Aegypten heisst es: ״Eine neue auf den ägyptischen Thron erhobene Regentenfamilie sah mit Unruhe die Macht einer ganz den vorigen Königen ergebenen Horde, welche die Sitteneinförmigkeit durch sonderbare Eigenheiten zu stören schien. Der neue Regent unternahm den Versuch, ihre Lebensmanier zu ändern, sie zu zerstreuen und zu vermischen.“ Das sieht ganz historisch aus, ist aber nichts weiter, als ein auf Grund einzelner Worte der biblischen Erzählung aufgebautes Phantasiegebilde, das allein dichterische Möglichkeit, aber durchaus keine historische Wahrheit hat. Die Verbindung . der Juden und der Hyksos, die damals beliebte Hypo- > ן these, ist eben als vollständig falsch erwiesen (Dnncker, j 1,318). Aber selbst dieser, nach unseren Begriffen wenig mit den Thatsachen vertraute Historiker erkennt willig an, dass unter den Königen Israel’s und Juda’s ״das ganze Land zwischen den Quellen des Euphrat und Aegypten den Juden gehörte“, während der ״Naj iurhistoriker“ sich, wie wir später sehen werden, ein Geschichtsbild zurechtschnitzt, das aller geschichtlichen Wahrheit Hohn spricht. Doch wir wollen zuerst die falschen Angaben der v. Müller’schen Geschichtsdarstellung nachweisen, um diese Grundlage des Auslandsbaues zu zerstören. Freilich sind wir nicht so anmassend, die Behauptung zu wagen, dass wir alle Fehler notirt haben, denn sie sind so zahlreich, dass bei der grössteu Sorgfalt wir manche sicher übersehen und weniger in’s Gewicht fallende absichtlich weggelassen haben. Jesaias und Jeremias sollen in Babylonien durch ihre Reden und Klagelieder den Glauben etc. noch mehr befestigt haben. Bei Jesaias kann an den sogenannten II. Jesaias gedacht sein — aber Jeremias hat Babylonien nie gesehen. ״Der Gewerbgeist, welchen die grosse Bevölkerung ihres kleinen Landes nothwendig machte, bewog die syrischen und ägyptischen Könige, zur Belebung des Handels ihrer vornehmsten Städte jüdische Colonien in dieselben zu ziehen “ Hier ist wieder die Sache auf den Kopf gestellt. Gewerbthätigkeit bei den Juden hatte sich naturgemäss im Exil, wo sie keinen Landbesitz hatten, entwickelt. Allein die Kaufleute etc. waren in Babylonien geblieben. Heimgekehrt waren sicherlich zumeist die Armen, die wieder ihren Acker bebauen wollten (vrgl. Herzfeld, Handelsgeschichte S. 63). Die, zumeist gezwungen, in Alexandrien etc. Angesiedelte (z. B. von Ptolemäus cfr. Grätz Ilb, S. 228) wurden dort erst Handel- und Gewerbtreibende. In Palästina war der Haupttheii der jüdischen Bevölkerung Ackerbauer und Handwerker! Als Erster, der den Geldhandel in der Weise der römischen Ritter (als Steuerpächter) betreibt, wird uns Josef, Sohn des Tobias (227 v. Ohr.) genannt. ״Als Antiochus, König der Syrer, eifersüchtig auf ihr Gedeihen und ihren Einfluss bei den Nachbar Völkern, sie unterdrücken, mit anderen Sitten und Stämmen vermischen wollte, da erhob sie Judas der Makkabäer zu einer kriegerischen Macht“ (bemerkenswerth für später!) ״und befestigte sie zu einer Selbständigkeit, dass bis auf diesen Tag Israel, unter allenVölkern zerstreut, nie mitihnen vermengt worden ist. Es war dies die letzte Sammlung und Vereinigung des Volkes.“ Die hervorgehobenen Stellen sind ebenso richtig, wie das ,,schon über den Nachfolger des .Judas entstand ein Streit unter ihnen und wurden die Römer herbeigerufen“. Zwischen dem Tode Judas (160 v. Chr.) und dem Eingreifen der Römer in den Bruderzwist des Hyrcan und Aristobul (69 vor) liegen fast 100 Jahre. Und wie konnte Antiochus eifersüchtig sein auf das ihm unterworfene Volk? (Seine Pläne, ein einheitliches, den Römern Achtung einflössendes Reich zu begründen, sind näher geschildert in meiner ״Die Makkabäische Erhebung“.) Durch und durch verkehrt aber ist die weittragende Nachwirkung, welche den Kämpfen des ersten Makkabäers zugeschrieben wird. Die Sammlung Israels ist durch das Wirken der Gesetzeslehrer herbeigeführt worden. Nur geistiger Einfluss kann solche Resultate haben. Und die Erhebungen gegen die Römer in den Jahren 70 und 120 (nach) zeigen eine ungemein festere und allseitigere Vereinigung der Volksgenossen, als die zumeist mit kleinen Truppenabtheilungen unternommenen Schlachten der Makkabäer. Die Messiasidee, von welcher diese Aufstände gegen Rom getragen wurden, wird ״hartnäckiger Irrthum in Behauptung einer der Eitelkeit schmeichelnden Deutung der Propheten“ genannt. Es ist unnöthig,

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