Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 30. (21.7.1880)
- Date
- 1880-07-21
- Page
- Seite 120 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 120 — Ausruf veranlasst fühlt: ״Wollte Gott, die Christen hätten weniger von allgemeiner Menschenliebe geredet und statt dessen sie mehr geübt.“ So der aufrichtige und gerechte Verfasser. Im Gegensatz dazu sind uns aber heute schon über das bereits sehr und weitverbreitete Büchlein seitens hochgestellter und gebildeter Christen Urtheile zu Ohren gekommen — der Art: Der Verf. solle sich schämen, ein solches Buch zu Gunsten der Juden und zu Unehren der Christen zu schreiben. Wenn die Thatsachen auch wahr seien, es sei aberbeschämend und drückend für eine Christenseele, derartiges hören und lesen zu müssen. Wir nehmen trotzdem von einem solchen Urtheile Act und erkennen auch darin einen Fortschritt der Zeit. Die Christen also schämen sich wenigstens der Ungerechtigkeiten und Unthaten gegen die Juden; Scham aber ist der Anfang der Reue und Besserung. Der Verf. weist nach, dass die Juden zu allen Zeiten Ackerbauer, Handwerker, auch der schwersten Art, Krieger, Beamte und Gelehrte waren. In der Wiiste selbst, wohl auf den Oasen, die ihre Lagerplätze waren und ja auch heute noch fruchttragend sind und bebaut werden, sollen sie gesäet und geerntet haben. Er schliesst dies aus Numeri 9,5 und 11, wo erzählt wird, dass sie thatsächlich Passah mit ungesäuerten Broden gefeiert haben. In Spanien cultivirten die Juden wieder den durch die Mauren verwüsteten Boden. Das durch die Kirche beeinflusste Leben mit. seinen Innungen, Gilden und Zünften schloss erst die Juden von aller Theilnahme an der Arbeit aus und liess ihnen nur Trödel und Schacher übrig, ja drängte und zwang sie dazu. Das biblische Zinsverbot für die Juden gegeben und von t ihnen streng gehalten, wurde von der Kirche, dem Sinne I der Bibel entgegen, so gedeutet, dass die Juden gej zwungen wurden, Zins zu nehmen und Wucher zu treij ben. Hohe und ausserordentliche Steuern wurden ihnen; auferlegt, ein hoher Zinsfuss wurde ihnen vorgeschrie- י ben, um so im Interesse der Kirche und des Staates j sich zu bereichern, welche den Juden aufgaben, das Volk 1 auszusaugen und sie alsdann der gesammelten Schätze > beraubten. Die Juden verabscheuten also den Wucher principiell und praktisch, aber die Christen zwangen sie dazu. Auch im Kriegsdienste haben sie sich stets ausgezeichnet, Feigheit ist kein Merkmal der Juden, die Geschichte der alten wie neuen Zeit bewahrt Beweise der Tapferkeit in Fülle auf. Der Seelenzahl nach liefern sie eher ein zu grosses als zu kleines Contingent zum Kriegsdienste Das christliche Mittelalter aber hat die Juden vom Kriegsdienste ausgeschlossen. — Ebenso war ihnen der Besuch niederer und höheren Schulen gewehrt, und trotzdsm und trotz aller Plackereien des Lebens hielten sie sich auf der Höhe wissenschaftlicher und sittlicher Bildung. Ihre Aerzte waren gesuchter als die der Christen, weil letztere weniger geschickt und gewissenhaft und noch dazu roh waren. In der Finsterniss des christlichen Mittelalters waren Juden vielfach die Bewahrer und Träger des Lichts, die Verbreiter der Bildung und Wissenschaft auch unter den Christen, welche vielfach von jüdischen und aus den von Juden verfassten Büchern lernten. Es ist nichts Neues, was der Verf. hiermit sagt, aber für Viele, für sehr Viele ist es neu, welche es trotz der historischen Belege nicht für wahr halten oder nicht halten wollen und sich damit zu rechtfertigen suchen, dass sie sagen (bei dem Erscheinen des Büchleins in Wirklichkeit s< ausgesprochen), die Juden haben den Verfasser bestochen und für Vieles Geld erkauft Wir aber danken dem Verfasser für eine solche Bethätigung seiner wackern Gesinnung, ja glauben, dass ganz Israel oder vielmehr die ganze gebildete, nach Wahrheit und Gerechtigkeit strebende Welt dazu verpflichtet ist. Denn der widerlegte Vorwurf ist alt und doch noch immer neu. Das Büchlein hat durch seine kurzer Hand gesammelten Belegstellen dauernden Werth. Wir scheiden von dem Verfasser mit grosser Befriedigung. Dr. R.— A. Die jüdischen Speisegesetze von Theologus. Loebau, Westpr. Druck und Verlag von R. Skrzeczek. Preis 1.20 M. 98 S. kl. 8. Denken Sie’s einmal für möglich, dass die Vernunftreligion (lucusanonlucendo) einst zur herrschenden wii'd und ihre wissenschaftlichen Theologen die Schriften der Begründer, Urheber und Verbreiter kritisch untersuchten. Wenn diese Bedauernswerthen zu den dii minorum gentium kommen und da so viele Ungenannte treffen, das möchte eine nette Hatz geben — da Styl- Vergleichung unmöglich ist, schon um deswillen, weil sie (besonders die vorliegende Schrift) keinen Styl haben, sondern einfach schlecht, oft sogar ungrammatikalisch geschrieben sind. Nach den Ideen zu forschen, ist eine absolute Unmöglichkeit — denn auch diese fehlen. Es ist wieder das alte Zeug von Neuem wiedergekäuet. So haben Sie einen Beweis dafür, dass die Aehnlichkeiten sich abstossen, denn diese Wiederkäuer wollen den Wiederkäuern das Privilegium, allein gegessen zu werden, streitig machen. Freilich, dass die Bibel unerwünschter Weise so viele Speiseverbote enthält, die man nicht wegleugnen kann und zu deren Umdeutung die confuse Gelehrsamkeit (die sich selbst auf Nork stützt) nicht ausreicht, das macht den Herren Pein — aber man dreht und windet und hilft sich schon durch. Bios Schweine und Hasen brauche der Jude nicht zu essen; dass ein in seinem Blute fast erstickter Kapaun durch diese Blutfülle schmackhaft wird, dass hierbei, wie bei dem gehetzten Wilde eben das biblisch verbotene Blut ,das Vorzügliche des Essens bildet, das wollen die Herren nicht sagen; als mit Erfahrung darin Ausgerüstete hätten sie’s doch wissen sollen! Genug, selbst über den Talmud wird nicht geschimpft, sondern allein über den Schulchan-Aruch! Als ob der die Speisegesetze gemacht hätte! Die Speisegesetze sind biblisch und die rabbinischen zumeist eine Consequenz der biblischen Stellen Wer, wie ״Theologus-Stern“, die sanitäre Seite derselben so vornehm von sich abweist, sollte sich doch in der betreffenden Literatur erst ein wenig umsehen. Doch das Büchlein hat einen Zweck, der es uns schwer macht, nach Gebühr mit ihm in’s Gericht zu gehen. Es ist ein freilich noch immer mit einer zu grossen Arroganz versetzter Schmerzensruf eines Familienvaters, der in Folge seines Leichtsinnes sich vor der Amtsentsetzung sieht. Er plädirt um mildernde Umstände. Gern würden wir seine Bitte befürworten, hätte er wenigstens so viel Takt — oder richtiger soviel Redlichkeit gehabt, einzugestehen, dass er gefehlt habe. Aber nach seinem Verhalten müssen wir ihn, der in ekelhaft beredter Weise die Lust schildert, mit der seines Gleichen ״in den verbotenen Genüssen“ schwelgt, der die Frechheit glorificirt, mit der der Vorsitzende einer Lehrerver- Sammlung beim in einem nichtjüdischen Hotel eingenommenen Festmahle ״Schehechejonu“ gesagt hat, als ״Mumar lehachis“ bezeichnen. Auf Weiteres wollen wir uns nicht einlassen. Nicht das Unsittliche, nur das Schädliche ihres Verhaltens beginnt dem Verfasser und seinen Genossen einzuleuchten; auffallend ist’s, dass Stein’s Bekenntnisse nicht erwähnt werden. Wollt Ihr den braven Herrn mit diesem Schandfleck, den er sich selbst beigebracht, nicht kränken? Kurz — dem Va banque eines verzweifelten Spielers gegenüber hat die Kritik keine Berechtigung. Coblenz. Dr. Lewin. Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in JBarby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.