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Das jüdische Literaturblatt · 1880-07-21 · No. 30. (21.7.1880) · p. Seite 118

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 30. (21.7.1880)
Date
1880-07-21
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
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kurzgefasste Handelsgeographie, Louis eine französische und englische Grammatik, Lax eine englische Grammatik, Bacliarach eine ansprechende Fibel und eine deutsche Sprachlehre. Es war in der That ein reges Leben und Treiben in das jüdische Unterrichtswesen gekommen; dasselbe war auch nicht mehr auf die geistige Heranbildung nur der Knaben beschränkt. Da wetteiferten denn Schüler mit Schülerinnen, Lehrer mit Lehrern, Schulen mit Schulen — und alle diese Anstalten standen als jüdische Gemeindeschulen in geistiger Beziehung auf jüdischem Boden, in ihnen kam wirklich zur Geltung, dass Gottesfurcht das Haupt alles Wissens sei. Der hebräische Unterricht war mit der grössten Stundenzahl bedacht und das für ihn festgestellte Pensum war eben kein geringes. Wurden doch in den oberen Klassen nicht nur die Commentare zur Bibel, sondern auch hebräischer Styl und ein Theil von Mischnajoth gelehrt. Jene Schulen standen also wohl auf jüdischem Boden und waren eine herrliche Zierde der jüdischen Gemeinden. Trotzdem aber, oder soll man sagen: gerade darum, weil sie von den Gemeinden abhängig waren, darum wurden sie fort und fort in ihrem Bestände erschüttert; ja, wofern sie nicht durch genügende Legate in ihrer Existenz gesichert oder durch obrigkeitlichen Schutz vor Acten der Gewalt gesichert waren, gingen manche jüdische Bildungsstätten unter, sei es, dass man aus Hass gegen den Leiter oder einzelne Lehrer der Anstalt diese selbst zu beseitigen suchte, sei es, dass man die Schule als eine Feindin der Religion betrachtete. ״Es wird kein Hebräisch mehr gelernt!“ war die Parole der mit jedem Schulreglement Unversöhnlichen. Natürlich: die Zeit, welche auf andere Sprachen und Wissenschaften verwendet wurde, konnte für die verschiedenen Disciplinen des hebräischen Unterrichtes nicht benützt werden. Ferner: Die vielfache Beschäftigung mit der einen und der anderen Sprache, namentlich aber der deutschen, übte auch insofern einen bedeutenden Einfluss auf die Leistungen der Schule im Hebräischen aus, als dasselbe von den Schülern sozusagen mit einem deutschen Accente und mit einer dem Sprachorgan der Deutschen eigenen Ruhe und Langsamkeit gelesen wurde. Dazu kam aber auch noch, dass in vielen Familien das Deutsche den Jargon verdrängt hatte, welcher ehemals den hebräischen Vocabelschätz des Kindes bereichert und dessen Sprachorgan für das geläufige Aussprechen des Hebräischen geübt und^befähigt hatte. Derartige Erwägungen waren damals allerdings ausgeschlossen DieUnzufriedenheitrichtetesich lediglich gegen den jüdischen Lehrer, der in den Augen Vieler noch immer zu den Parias zählte und nach eben dieser Rangstufe auch ausgezahlt bekam.5) (Schl, folgt.) Die Juden in den südwestlichen Provinzen Russlands. IV. Nahrung. Die durch das mosaische Gesetz gegebenen Speiseverbote haben nach Anschauung des jüdi- 5) ״Ausgezahlt“ auch im bildlichen Sinne. In jener Zeit kommt es zum Beispiel vor — es ist aus vielen hunderten nur eben ein Beispiel — dass sich Jemand beim Schulvorstande darüber beschwerte, dass der Lehrer seines kleinen Sohnes gar zu wenig Hebräisch mit demselben treibe. Wodurch hat wohl der zehnjährige Knabe seine Unwissenheit an den Tag gelegt? — Vater und Mutter sind eines Tages in ihrer Waarenstube, wie man damals derartige Verkaufs• locale nannten, im Handel mit Landleuten beschäftigt; da ruft man dem im anstossenden Zimmer arbeitenden Knaben zu: ״Bring mal den הלוך ילך herein!“ Der Angeredete stutzt, er kann beim besten Willen dem Wunsche der Eltern nicht nachkommen. Da werden Blitze des Zornes auf den schlechten Unterricht im Jüdisehen geschleudert; kann denn nicht auch ein Schüler, der schon fünf Jahre lang hebräisch lernt, wissen, dass הלוך ילך der Waarenstoff ״Ging-Gang“ ist? sehen Volkes mehr eine moralische und ästhetische, als eine hygienische Bedeutung; doch muss anerkannt werden, dass die .Juden im Allgemeinen sehr enthaltsam und nüchtern sind und spirituöse und betäubende Getränke wenig brauchen. Mit der Zubereitung der Speisen beschäftigen sich bei den Juden in der Regel nur die Frauen; Ausnahmen sind sehr selten. Die Frauen backen ein vortreffliches Brod für ihr eigenes Haus; das Brod wird nie fertig gekauft. Am Vorabend jedes Sabbath’s und Feiertages backt jede jüdische Hausfrau eine besondere Gattung von weissem Brode (Chala genannt) Beim Backen wird jedesmal der Gebrauch beachtet, dass ein kleines Stückchen des Teiges immer verbrannt wird. Nach jüdisehen Gesetzen soll nämlich von jedem Teige ein kleiner Theil für den Priester abgesondert werden; das geschah aber nur in Palästina. In späterer Zeit, nach Vertreibung der Juden aus Palästina erhielten in anderen Gegenden die Priester nichts vom Teige; allein man glaubte dennoch die Sitte aufrecht erhalten zu müssen und verbrannte — auf den Rath der Rabbinen — den ursprünglich den Priestern bestimmten Antheil des Teiges. Die Form der Brode ist nicht überall und nicht immer dieselbe; eigentlich kommt jedem besondern Festtag eine bestimmte Form des Brodes zu; allein dies wird nicht streng beobachtet. Im Allgemeinen kann man nur sagen, dass die Festtag- und Sabbathbrode oder -Kuchen eine andere Form haben, als das alltäglich gebrauchte Backwerk. Da die Juden am Sabbath nicht kochen dürfen, so werden die zur Mahlzeit nöthigen Speisen bereits früher bereitet. Das Sabbathmal wird ״Scholent“ oder ״Tschulent“ genannt und besteht gewöhnlich aus etwas besseren als den alltäglichen Gerichten. Die Gerichte des Mahles am Sabbath sind, abgesehen von einem Imbiss, eine aus Hirn und Knorpel zubereitete Sauce, eine von den besten Fleischsorten gekochte Suppe und das gekochte Fleisch oder auch ein besonderes Fleischgericht, ״Kugel“ genannt. Man erzählt sich über die letzte Speisegattung in der Ukraine, sowie in Podolien, dass einst den Juden es verboten worden sei, Fleisch am Sabbath zu essen. Um den Fleischgenuss aber nicht entsagen zu müssen, hätten sie jenes Gericht ״Kugel“ sich erdacht: es sind nämlich eine Art Klösse aus Mehl mit Fleisch gefüllt. Unter der niederen und ärmeren Klasse der Juden, welche an Wochentagen selten Fleisch und fette Speisen gemessen, entwickeln sich in Folge der reichen und fetten Mahlzeiten des Sabbaths oft allerlei gastrische Beschwerden, welche freilich meist schnell vorübergehen. Die jüdischen Frauen bereiten sehr wohlschmeckende Kuchen aus Roggenmehl (Lekech) und allerhand süsses Backwerk unter Benutzung von Honig (Teiglech), ferner kochen sie gelbe Rüben und Ingwer mit Honig und nennen das ״Ai nschgemachtz“ (der Verfasser führt diese Benennung an, offenbar ohne zu ahnen, dass sie nichts anderes ist, als das corrumpirte deutsche Wort ״Eingemachtes“). Auch der Gebrauch von allerlei in Zucker eingemachten Beeren oder Früchten ist sehr verbreitet. Auf Pfingsten bereiten sich die Juden ein nur aus Milchspeisen bestehendes Mahl; auf das Fest der Makkabäer bereiten sie grosse und kleine Pfannkuchen von Buchweizenmehl. Es ist den Juden verboten, an den neun ersten Tagen des Monat ,,Ab“ Fleisch zu gemessen; ausgenommen ist nur der Sabbath und das bei Gelegenheit der Beschneidung stattfindende Festmahl, wobei Fleischspeisen gestattet sind. (Am Tage vor dem ersten ״Ab“ ist es üblich, sich besonders reichlieh an Fleisch satt zu essen.) Doch ist schliesslich zu bemerken, dass die littauisehen und weissrussischen Juden in Bezug auf ihre Kost sich von den Juden des südlichen und südwestlichen

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