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Das jüdische Literaturblatt · 1880-06-23 · No. 26. (23.6.1880) · p. [Seite 1]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 26. (23.6.1880)
Date
1880-06-23
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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Xo. 2H. Das Jahrs:• IX. Znr Belenchtnng aller Jadenthnm nnd Juden betreffenden literarisch. Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalin, Exegese, Homiletik, Liturgik. Pädagogik. H e r a u s g e 0• e b e n von Rabbiner Dr. Moritz lialtuier. Magdeburg,?23. Juni 1880, Bücher der einschlägigen Literatar, welche der Redaction zngesandt werden, finden in diesemBlatte eingeh.Besprechung. BeiEinsendnng von zwei Receusionsexemplaren erfolgt auch Erwähn, i. d.Wochenschr. Das ״JufliNClte Iiite1׳f1tu1*l>Iatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen ßuchhandlungeri (in Leipzig bei Robert Friese) pro J ah 1• g an g: 8 Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblati“ gratis. — Inserate werden mit'ioPf. für die dreige snaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegengenommen durch die Central-Annoncen-Expedition von Gr. L. Daube & Co., Frankfurt a. M, Magdeburg־, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Inhalt: W is s en sch aftli ch e Aufsätze: Ernst. Renan und das Judenthum. — Wer darf religiös trauen? — LiterarischeStreifzüge. I. Literat ur bericht: Recensionen: Wünsche, Dr. A. Bibliotheea Rabhiniea. Lieferung III (Schluss des Midrasch Koheleth.) — Buddensieg, D1׳. Rudolf. Die assyrischen Ausgrabungen und das alte Testament. N o ti z. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Ernst Renan und das Judentlmm. Prof Renan hielt jüngst in L 0 nd 0 n einen Cyclus von vier Vorlesungen über das Thema: ״Welchen Einfluss hat. Rom auf die Verbreitung des Christenthums ausgeübt‘1■; und da einige Stellen darin Vorkommen, die auf das Judentlmm Bezug haben, so dürfte eine kurze Besprechung derselben hier am Platze sein. Gleich in der ersten Vorlesung, in welcher Renan auf die Ironie des Schicksals hinweist, dass nämlich Rom, ohne es zu wissen oder zu wollen, für die Verbreitung jener Religion äusserst. erfolgreich wirkte, die es unter allen anderen am meisten hasste, und dies war das aus dem Judentlmm hervorgegangene Christenthum, finden wir folgenden Passus: ״Die wissen sicherlieh nichts von Religionsgeschichte; welche es nicht als ein fundamentales Prineip aufstellen, dass das Christenthum nichts anderes als ein m 0 d i f i c i r t e s Judenthum sei, welch letzteres, abgesehen von seinen segensreichen Lehren über Liebe und Alildthätigkeit, noch den Vortheil aufzuweisen hat, dass es ein unerschütterliches Vertrauen in die Zukunft der Menschheit setzt und vor jeher mit dem Reheinmiss vertraut war, wie man untex allen Wechselfälien des Lebens seinen Frohmuth bewahren könne.“ Hier wird also die Liebe und Mildthätigkeit nicht mehr als ein Monopol des Christenthums bezeichnet, sondern sie wird vielmehr auf ihr ursprüngliches Gebiet, auf das Judentlmm, zurückgeführt, wo sie, gleichsam wie eine junge Pflanze, zuerst geblüht und geduftet und nachher Keime ausgestreut hat, die auch fremden Boden befruchteten. Zugleich räumt da der grosse französische Gelehrte dem Judenthum das Verdienst ein, dass es seinen Bekennern ein festes Vertrauen in die Zukunft der Menschheit eingeflösst und ihnen das Geheimniss offenbart hat, wie sie in allen Lagen des Lebens ihren Frohsinn ungetrübt, bei behalten konnten. Ja, auch dies ist eine Wahrheit, die in den Annalen der jüdischen Geschichte ihre Be stätigung findet. Denn, hätten unsere oft so hart bedrängten Vorfahren nicht unbedingtes Vertrauen in die Zukunft der Menschheit, dass nämlich früher oder später die Verdummung und Intoleranz der Bildung und Aufklärung werden Platz machen müssen; und hätten wir in unserer Zeit den Verläumdungen eines Stöcker, Treitschke und Consorten gegenüber nicht die feste Zuversicht in den endlichen Sieg des Rechts und der Wahrheit, so müsste unsere Nation schon längst zu existiren aufgehörD haben. Das Judenthum besitzt aber, wie Herr Renan richtig bemerkt, den Schlüssel zum Geheimniss, wie man sich des Lebens freuen könne, selbst wenn dies durch äussere Umstände getrübt wurde. Die Motive, welche die Römer im vierten Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung bewogen haben, ihr Heidenthum von sich abzuschütteln und dem Christenthum, dem modificirten Judenthume, sich nach und nach immer mehr anzuschliessen, beschreibt Renan folgendennassen: ״Unter den vielen verschiedenen Nationen und Racen, die das römische Reich während seiner höchsten Blüthezeit ausmachten, mussten sich wohl viele Männer und Frauen gefunden haben, die an den alten mythologischen Märchen der Römer keinen Gefallen mehr finden konnten und zieh daher nach einer Religion sehnten, die deren Anhänger durch ein collegiales Band der Brüderschaft mit- und untereinander vereinigte. Namentlich waren es die unterjochten Griechen, Syrier, und Aegypter, die, über die lasterhafte Lebensweise der römischen Aristokratie und über die grässlichen Schauspiele der römischen Amphitneater höchst empört, nach einem reineren Glauben Verlangen trugen, als sis jemals früher gekannt hatten. Auf diese aufrührischen Geister übte nun das Judenthum mit seinem Monotheismus eine grosse Anziehungkraft aus. Waren ja doch die Hinrichtungen der Synagoge, woraus später die Kirche entstand, derart, dass das Prineip der Zusammengehörigkeit darin eine hervorragende Stelle einnalnn. Und hinsichtlich des jiidischeu Gottesdienstes selbst, so erschien ihnen dieser als reiner Deismus, zumal er weder Idole, noch Götzenbilder duldete. Was den religiösen Geist des Judenthums besonders charakterisirte, das war sein festes Vertrauen in die Zukunft der Menschheit. Obschon der Jude keine bestimmte Idee von der Unsterblichkeit der Seele und der zukünftigen Belohnung oder Bestrafung hatte, so war er dennoch, als würdiger Schüler der Propheten, stets von einem Gerechtigkeitsgefühle belebt und beseelt.“ — Freilich geräth Renan im Laufe seiner Rede hie und da auf Abwege und versetzt dem Juden unvermerkt Seitenhiebe für dessen Impertinenz, dass er nämlich seinen Jehova fortwährend mit seinen Gebeten und Vorwürfen plagte; allein solche Ausfälle müssen wir dein guten Manne schon verzeihen. Vergisst ja auch der gezähmte Löwe zuweilen seine Zähmung und geberdet sich in einer Weise, als ob er auss einen V

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