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Das jüdische Literaturblatt · 1880-06-09 · No. 24. (9.6.1880) · p. [Seite 1]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 24. (9.6.1880)
Date
1880-06-09
Page
[Seite 1] (sequence 1)
Language
German
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BTo. 34. Das Jaltrg;• IX, Jüdische Literaturblatt. Zar Beleuchtung aller Jadentham and Jaden betreffenden literarisch. Erscheinungen anf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, 9. Juni 1880. V Bücher der einschlägigen Literatar, welche der Kedaction zagesandt werden, Anden in diesemBlatte eingeh. Besprech• ang. BeiEinsendang von z Kecensionsexemplaren erfolgt aacb. Erwähn, i. d.Wochenschr, recn- ן w e i I folgt I sehr. I Das ״J1i<li8el1e Iiiteraturblatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang:® Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit25Pf. für die dreigespaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegengenommen durch die Central-Annoncen-Expedition von G. 3L.. Daube & Co., Frankfurt a. M., Magdeburg־, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Die Juden in Marocco. Von Gerhard Rolfs. — Wer darf religiös trauen? Literaturbericht: Recensionen: Eisler. Dr. M. Die Judenfrage in Deutschland. — DDITITl לברי חכמים Exegesen maneher talmudischen Sprüche und Allegorien von Jacob Gesang. Notizen. — Inserate. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Die Juden in Marocco. Von Gerhard Rolfs.*) Die Aufmerksamkeit der civilisirten Völker ist augenblicklich wieder einmal auf eia Land gelenkt, das zur Schande Europa’s noch immer vor den Thoren unseres Continents unter der miserabelsten Regierung von der Welt seine elende Existenz fristet. Wer den Zustand der Bevölkerung und der Regierung von Marocco aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, glaubt sich dort wie in einem Traume zu befinden. Man traut seinen Augen nicht und meint oft falsch gehört zu haben, und doch ist es bittere Wahrheit! Nur durch die schmale Meerenge getrennt, entfaltet sich in Gibraltar die Civilisation eines der ersten Culturvölker der Welt, während vis-ä-vis, in Marocco, ein Zustand herrscht wie zur Zeit Abrahams. Nichts hat sich dort geändert, Alles lebt und webt wie zur Zeit Mohammeds, und namentlich Fanatismus und Hass gegen Andersgläubige treiben hier ihre schönsten Blüthen. Da wird auch kein Einschreiten helfen; Conferenzen und Gesandtschaften bringen auf den innern Zustand des Landes keine Aenderung hervor. Der entsetzliche religiöse Hochmuth, der den Sultan von Marocco und seinen Hof beseelt, macht jeden Fortschritt unmöglich. Marocco wird deshalb hauptsächlich keine Reformen vornehmen, weil es sich von einer Macht geschützt weiss, von Gross bri tan nien. Mögen die Engländer als Volk noch so philantropisch sein, die englische Regierung selbst hat das grösste Interesse daran, die Barbaren so zu erhalten, wie sie sind, den faulen maroccanischen Staat so zu belassen wie er ist. Grossbritannien hat ein politisches Interesse daran, Marocco in seinem dermaligen Zustande zu erhalten, weil das Land bei einem etwaigen Zerfall anderen Mächten in die Hände fallen würde; weil, falls das gegenüberliegende Küstengebiet einer fremden Grossmacht zufiele, der Werth der englischen Festung sinken, weil die Verproviantirung derselben sehr erschwert und endlich, weil der englische Säckel eine empfindliche Einbusse erleiden würde, da der maroccanische Markt fast nur von England aus versorgt wird. Dasselbe zärtliche Interesse, welches Gross britannien so lange für den osmanischen Staat bekundet hat, hat es heute für Marocco. Sollte *J Aus der Beilage zur ״Augsburg. Allgem. Zeit.“ aber der Zusammenbruch des elenden Staates durch gar nichts mehr abzuwenden sein, dann zweifeln wir keinen Augenblick, dass England sein maroccanisches Cypern finden wird. Es braucht nur daran erinnert zu werden, dass Tanger von 1662 bis 1684 englisch war. Die maroccanische Regierung verspricht immer Alles, aber sie hält nie ihr Wort. Ganz wie das Volk, wie jeder Mohammedaner, glaubt man in den obersten Kreisen von Marocco den Weissen überhaupt sein Wort gar nicht halten zu dürfen, und in der Selbstbelügung werden Regierung und Volk in Marocco von Nieinanden übertroffen, höchstens von den Türken erreicht. Trotz der vielen Niederlagen glauben die Maroccaner noch heut immer das mächtigste Volk der Erde, der Sultan der mächtigste Monarch unter den Herrschern zu sein; die Arroganz der sogenannten Minister, die Dummheit der Gesandten Marocco’s wird noch übertroffen durch ihren stupiden Fanatismus. Die Gesandtschaft Sir Moses Montefiore’s im J, 1861 hat deshalb auch nicht den erhofften Erfolg gehabt. Es ist wahr, in den Hafenstädten sind die europäischen Juden jetzt besser daran, und auch viele von den eingeborenen vermögen es, sich nach und nach unter den Schutz irgendeiner europäischen Macht zu stellen und können dann ein einigermassen menschenwürdiges Dasein führen. Aber wenn sie jetzt auch nicht mehr barfuss in Tanger und Mogadar auf den Strassen zu gehen brauchen, so konnte es doch noch Vorkommen, als der Prinz von Joinville Mogador bombardirte (1844), dass sich die mohammedanische Bevölkerung ins Judenviertel stürzte, dort plünderte, brannte, Frauen und Kinder schändete und schliesslich Alles ermordete. Im Innern hat sich aber noch gar nichts geändert. Weshalb sollten denn da auch bessere Zustände für die Juden herbeigeführt werden, da solche für die Christen noch nicht einmal existiren? Die •Juden dürfen doch wenigstens im Innern von Marocco, in Fes, in der Stadt Marocco selbst, sogar im heiligen Uesan, sowie südlich vom Atlas in Nun, Sus, Draa und Tafilet wohnen. Die Christen würden aber die Erlaubniss dazu nicht bekommen. Freilich wohnen die Juden im Innern von Marocco unter so entsetzlichen Verhältnissen, dass ein Europäer sich auch schwerlich dazu verstehen würde. Die Juden werden im Innern nicht als ,,Sklaven1*, sondern als ״Sachen“ betrachtet. In diesem Augenblick weilt der Vice-Sultan, Sir Drummond Hay, in Fes; wird er den Sultan bewegen, Concessionen zu machen? Gewiss; aber man wird nicht mehr davon halten, als man es Montefiore gegenüber gethan hat. Man wird in Madrid die schönsten Versprechungen machen, aber man wird keine erfüllen. Im Innern des Landes ist dies auch gar nicht möglich;

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