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Das jüdische Literaturblatt · 1880-05-26 · No. 22. (26.5.1880) · p. Seite 88

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 22. (26.5.1880)
Date
1880-05-26
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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— 88 — Den allgemeinen Urtheilen, die Herr D1\ F. in seiner Einleitung über das palästinische Judenthum ausspricht, ist bereits Heer Dr. Jellinek in einem Excurse: ״Babylon, Alexandrien und Palästina“ entgegengetreten. (Die Ansichten, die Hr. Dr. J. da ausspricht, sind auch bereits in seiner ethnographischen Studie: ״Der jüdische Stamm“ angedeutet.) Es Hesse sich auch noch auf mehrere humane Aussprüche der Talmudisten hinweisen, die durchaus denen Philo’s nicht nachstehen. Ueberhaupt ist darauf hinzuweisen, dass eine kurze humane Bemerkung eines Talmudisten reichlich lange Expectorationen aufwiegt, weil sie eben ganz absichtslos ansgesprochen, während Philo, wenigstens in dieser Schrift — denn im Allgemeinen können wir dem von Hrn. F. S. 44 Anm. ausgesprochenen Urtheile nicht beipflichten — mit Tendenz arbeitet. Was Hr. Dr. F. wiederholentlich hervorhebt — und ausnahmsweise auch reichlicher aus rabbinischen Quellen belegt — dass Philo so sehr gegen den Wucher ankämpft, zeugt wiederum dafür, dass Wucher nicht gerade eine jüdische Untugend sei. Einzelne Urtheile, die Hr. Dr. F. in seiner Einleitung ausspricht, sind sehr gewagt. So behaupteter z B. S. VI, dass Philo ״selbstverständlich den wörtliehen Sinn, wo dieser der Ausbreitung seiner Religion Schranken setzt, ohne Scheu der allegorischen tieferen Auslegung opfern“ werde, was wir für ebenso wenig zutreffend halten, wie die S. IX ausgesprochene Behauptung, ״dass paulinisehes Christenthum und alexandrinisches Judenthum nur in einem Punkte differirten, und zwar darin, dass dieses von der Person und Mission Jesu nichts wusste.“ Die Widerlegung dieser ßehauptungen würde uns hier zu weit führen. Wir wünschen, dass Hr. Dr F. uns baldigst durch Fortsetzungen seiner Uebersetzung erfreue und möchten uns erlauben, ihm besonders die von Tischendorf herausgegebenen Schriften zur Uebersetzung zu empfehlen. Eine Angabe der Seiten der Mangay’sehen Ausgabe am Rande der Uebersetzung wäre gewiss allen Philo- Studirenden erwünscht. —d—r — Voelker, D1*. Ambrosius. Ist der menschliche Wille frei? Mit besonderer Rücksicht auf die Frage der Zulässigkeit der Todesstrafe. Verlag von Levy & Müller in Stuttgart. Preis eleg. brosch. 60 Pfg. Der materialistische Zug der Zeit hat sich bereits auf solche Gebiete erstreckt, von denen man seither angenommen, dass sie demselben einen kräftigeren Widerstand entgegensetzen würden. Die Philosophie, ehemals die Fürstin unter den Wissenschaften, steht gegenwärtig bescheiden in dunkler Ecke, fristet ihr Dasein gleichsam nur in einem Ausdingstübchen der Gelehrtenwelt und alles sucht die sogenannten exakten Wissenschaften auf, um ihnen zu huldigen. Theilweise hat sie ihr Schicksal selbst verschuldet, denn — wie es in vorliegender Schrift treffend heisst — ״wenn die Philosophie, wie dies häufig geschehen ist, Luftsprünge macht, sich mit der Phantasie associirt und ein Wolkenkukuksheim gründet, so hat der gesunde Menschenverstand ganz Recht, wenn er ihren Thesen eine Nase dreht.“ Die echte Philosophie aber ist auch eine exakte Wissenschaft. Sie ist ״der gesunde Menschenverstand, angewendet auf die höchsten Gedankenprobleme “ Den Kern der ebenso zeitgemässen als auchinteressantenSchriftbildet die Erörterung der auch für zahlreiche praktische Fälle überaus wichtigen Frage, ob der menschliche Wille frei sei oder nicht. Und da wollen wir denn vor allem rühmend anerkennen, dass sich der Autor nicht etwa in jener trockenen, unverdaulichen Schulsprache ergeht, welche gleichfalls dazu beigetragen hat, das Publikum gegen die Philosophie zu verstimmen, sondern dass er im wohlthuenden Gegensätze hierzu sein Thema gemeinverständlich, anziehend, ja stellenweise mit Humor und in feuilletonistisch anmuthiger Darstellung behandelt. Die Schrift hat zugleich ein praktisches Ziel im Auge. Sie wendet ihr Thema auf die gegenwärtig vielfach ventilirte Frage der Todesstrafe an und eröffnet manch’ neuen Gesichtspunkt zur Beurtheilung dieses Gegenstandes. —r. Notiz. War dieHagada bei manchen Talmudlehr er n verpönt? In der Einleitung zum Midi*. Koheleth S. 1 sagt Herr Dr. Wünsche*): ,,Wenn auch die haggadische Schriftauslegung bei den Gelehrten im Allgemeinen in minder grossem Ansehen stand, als die halaehische, ja wenn sie bei manchen Talmudlehrern geradezu verpönt war, so glich sie doch einem Strome etc.“ Während W. hier keine Belegstelle für seine Behauptung anführt, so sucht er es in seinem ״Talmud“ S. 19 aus Chag. 14a zu begründen. Wünsche sagt: ״Allein trotz dieser hohen Bedeutung (der Hagadah) wurde dieselbe doch von vielen Rabbinen mit Geringschätzung behandelt. Als sich einst R. Akiba mit der Agadah beschäftigte, bemerkten ihm strafend seine Genossen, er habe Wichtigeres auf dem Gebiete der Halacha zu thun “ Aus der angeführten Stelle Chag. 14a: מה לך אצל הגדה כלך מדברותיך אצל נגעי׳ ואהל׳ ist aber durchaus nicht zu entnehmen, dass R. Eleasar die Hagadah verpönt habe. Die Deutung des R Akiba von Dan. 7, 9 zeigte mit Recht dem R. E., dass R. A. auf dem Gebiete der Hagadah fremd sei, deshalb sagte er zu ihm: verbreite deine Lehren lieber über Negaim und Oholoth Und in der That ist es wunderbar, dass gerade R. Akiba, der doch die Partikel את in dem Satze: ״du sollst den Ewigen, deinen Gott ehrfürchten“, welche leicht zu einem bedenklichen רבוי fuhren könnte, auf תורתו oder לעבות ת"ךן bezieht, dasכרסון in Dan. אחד לו ואחד לדוד deutet. Auch ersehen wir aus anderen Talmudstellen dass R. Akiba in Seinen hagad. דרשות nicht glücklich war. Siehe Jer. Taanith 13b, dass R Akiba den Ben Kosiba für den Messias hielt רש״בי sagte zu ihm: מעלו עשבים בלחייך ועדיין ב״ד לא בא Siehe ferner Synh. 97b über die Stelle Chaggai 2, 6 ולא כר״ע שהיה דורש. Raschi bemerkt s. V. : ל״א אין דרשה זו כלום. R. Eleasar sagte hiermit in Chag. 14a ״dein Gebiet ist die Halacha“ und führt deshalb Negaim und Oholoth an, um R. A. zu sagen, dass er selbst in diesen schwierigen Halachoth bedeutend sei. Dass Negaim und Oholoth als die schwierigsten Halachoth betrachtet wurden, geht aus B. M. 86a und aus Jer. M. K. II, 4b hervor. Auch von der Hagadah sagten die Rabbinen: יה"למ Jer. Chag. 3b. Der Halachist stand deshalb in grösserem Ansehen als der Ilagadist, weil das Halaehastudium grosse Geistesanstrengung und scharfsinnige Disputation erfordert. Nur deshalb heisst es in Sotah 40a: ״Die Halacha gleicht den theuren Edelsteinen, die Hagada dem Putzkram“. Ebenso ist es unrichtig, wenn W. in der Einl. zu seinem ״Jer. Talmud1* S. V. sagt, dass die pal. Talmudisten mit Geringschätzung auf die Babylonier sahen W. führt Succah 28a an; dort heisst es von ריב״ז, dass er sich beschäftigt habe mit דבר גדול מ״מ und mit דבר קטן nämlich mit den ״Hawajoth de Abaji we Raba.“ Wenn Letztere hierp'^ gena nntwerden, so geschieht dies imGegensatz zu מעש׳ מרכבה, die als eigentliche חכמה״“ galt. Oder es ist in dem Sinne aufzufassen, dass selbst die als haarspal־ tende Dialektik bekannten Hawajoth für ihn, ר״י, nur ein ד״ק waren. — Dresden. M. Auerbach. *) Wir bringen eine eingehende Rec. des 2. Heftes der Bibi, rabb.in nächster Nr.; später folgt auch eine Besprechung des ״Jerus. Talm. in seinen hag. Bestandteilen“ übers v. Dr. Wünsche. (Red.) Verantwortlicher Redacteur Dr. Ra hm er in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barty. Verlag von Robert Friese in Leipzig.

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