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Das jüdische Literaturblatt · 1880-04-14 · No. 16. (14.4.1880) · p. Seite 64

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 16. (14.4.1880)
Date
1880-04-14
Page
Seite 64 (sequence 4)
Language
German
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Commentar versehen sind, welcher nicht selten neue Erklärungen bringt, so wird man daraus die Reichhai־ tigkeit des Stoffes entnehmen können, der in Folge der geschickten Auswahl anch durchgängig auf ein allgemeines Interesse rechnen kann. Gerade dieser Band ist geeignet, den Leser von dem allgemeinen Wissen der Talmudisten eine sehr hohe Meinung zu verschaffen, und eine grosse Anzahl von Vorurtheilen und Missdeutungen in rituellen Punkten so aufzuhellen, dass selbst der Gegner des Talmuds, wenn er nur wahr sein will, in einen Verehrer desselben sich wandeln muss. Wenn trotzdem sowohl in der Einleitung als in der Uebersetzung Behauptungen vom Verf. ausgesprochen werden, denen Recensent. nicht beipflichten kann und zum Theil wohl auch allgemein als unbegründet bezeichnet werden müssen, so ist dieser Umstand zum Theil die Folge der apologetischen Tendenz der ganzen Arbeit, zum Theil durch die Rücksicht auf die weniger dem forschenden als dem lernenden Theile der Gebildeten angehörigen Leser zu erklären. Der Verf. hat da hin und wieder eine seinem Zwecke mehr entsprechende selbstständige Auffassung beliebt. An einzelnen Stellen ist wohl auch Verf. nur einer einseitigen Ansicht gefolgt. Dass trotz dieser Mängel selbstverständlich der Werth des Ganzen nicht beeinträchtigt wird, ist eine wahrhafte Befriedigung. Um Einzelnes anzuführen ist z. B. die Behauptung in der Einleitung S. XIV und XV, dass R. Jehuda’s Ansicht עד שישדווט את הורידין aus seiner Erkenntniss von dem Tod durch Hämorraghie hervorgegangen, deshalb von den Talmudisten nicht angenommen worden sei, weil sie dieselbe nicht begriffen, sowohl unrichtig als unbegründet. Denn die Ansicht R. Jehuda’s ist wohl angenommen worden, wie Tosafot, Raschba, Rosch, Ran auf Grund der Stelle im Tractate Berachoth הלהרו בורידין übereinstimmend angeben (siehe Tur j. d. 22). Nur der Rambam sagt in seinem Mischnacomm. : ואין הלכה כר" י. Dann hat R. Jehuda seine Behauptung nur in Bezug auf die Vögel ausgesprochen, wie die Boraitha ausdrücklieh angibt: ר״י אומר בעוף עד שישחוט את הושט ואת הורידין. Darum ist die Uebersetzung der Worte R. Jehuda's S. 244: qui tue un animal, ganz unbegründet. Dass R. Jehuda die Hämorraghie im Sinne gehabt habe, ist gar nicht erweislich, da selbst die Boraitha zeigt, dass seine Zeitgenossen seine Worte nur so verstanden : es sollen die Halsadern durchgeschnitten werden, dass das verbotene Blut besser ausströme. Aber der Verf. will gern einen Talmudisten anführen, der eine geniale physiologische und pathologische Idee gehabt, und als Stolz auch den heutigen Professoren gezeigt werden könnte, darum behauptet er kühn, was sich recht schön liest, aber doch unbewiesen, ja sogar zweifelhaft und unwahrscheinlich ist. (Fortsetzung folgt.) Käscher, Dr. S. Moises Nascher, eine exegetische Monographie. — — Vier Momente, Rede zur Feier 25jähriger Stiftung der Gemeinde Schochare Hattob. Berlin 1880, Fr. Stalin. 16 S. 80. Die sonderbare und verunglückte Bezeichnung ,,exegetische Monographie“ darf fachkundige Leser von der Lectüre der ersten, von uns hier kurz zu besprechenden Schrift nicht abschrecken. Der Herausgeber quält uns nicht mit exegetischen Extravaganzen. Aus dem wissenschaftlichen Nachlasse seines verklärten Vaters, des R. M. Nascher y7׳, bietet der Sohn in pietätvoller Wehmuth auch den Fernstehenden Proben, und zwar meist sehr beachtenswerthe Proben, homiletisch-exegetischen Inhalts. Diese Proben einer den verschiedensten Richtungen des דרש Rechnung tragenden Exegese und Hermeneutik sind zwar nicht von jener eminenten Bedeutung, welche der Herausgeber ihnen vindicirt; allein wer wird hierüber mit dem dankbar liebenden und ewig trauernden Sohn rechten? Dagegen bekennen wir gern, dass die uns hier gebotenen Proben zumeist den gewandten und begabten Prediger der alten Schule im Gewände des Modernen bekunden. Viele der gegebenen Deutungen sind sehr sinnreich und verrathen einen gesunden, bisweilen einen gewählten und eleganten Geschmack. Sehr ansprechend sind viele Deutungen welche der Herausgeber an dritter Stelle als Proben ethisch-religiöser Schriftauslegung bringt. Sehr sinnig wird z. B. das אל תקרא ^מה אלא קמה (pg. 28) gedeutet. Als gelungen müssen wir ferner bezeichnen die tiefe Deutung der Midraschstelle Genesis rabbah 41, 1 über die Qualität der Träume (pg. 33, ff). Andere Piecen sind freilich Proben einer etwas gewaltsamen und gezwungenen Exegese. Wir rechnen hierzu z. B. die gekünstelte Erklärung des Psalmwortes נער הייתי וגם זקנתי וכד auf pg. 25 t Soli dieser Satz, über den so Viele schon gestutzt, nicht eine platte Unwahrheit aussagen, so braucht man ו in וזרעו מבקש לחם nur concessiv zu fassen. Die Stelle ist dann höchst einfach und ungezwungen so zu fassen : Jung bin ich gewesen und ich bin auch alt geworden; nie habe ich gesehen den Tugendhaften verlassen, wenn auch seine Nachkommen Brod suchen müssen. Ueber die Misere des Erdenlebens und der traurigen Wechselfälle des Geschickes hilft dem Frommen das Bewusstsein seiner Tugend hinweg, so dass er sich nicht elend, unglücklich und verlassen fühlt, auch wenn er sehen muss, wie die Seinigen darben und Brod suchen. Bei diesen Reprodnctionen hält es natürlich schwer, die geistige Zuthat des Sohnes von dem Gedankenkerne des Vaters zu sonnern. In jedem Falle hat sich der Herausgeber den Dank der Fachgenossen durch die Veröffentlichung dieser exegetischen Proben aus dem literarischen Nachlasse seines seligen Vaters erworben. Weniger sympathisch stehen wir dem religiösen Vortrage des Dr. S, Nascher ״Vier Momente“ gegenüber. Dieser Vortrag wurde in diesem Jahre zum Wochenabschnitte שמות gehalten. Er besteht aus zwei sehr lose mit einander zusammenhängenden, wenn nicht gar heterogenen Theilen. Iin ersten Theile wird die Geburt des Mose und einiger seiner charakterristischen Vorzüge gewürdigt. Erst der zweite Theil geht auf das Jubiläum der Gemeinde Schochare Hattob des Näheren ein, ohne gerade überwältigende Gedankenreihen oder Muster von redegewandter, rhetorischer Schönheit vorzuführen. Der Redner kommt aus Gefühlsäusserungen subjectivster Natur nicht heraus. Ja er drängt in sehr störender Weise fast vom ersten bis zum letzten Satze der eigentlichen Festrede (der erste Theil ist für den gedachten Zweck vollkommen entbehrlich) sein liebes Ich ausschliesslich in den Vordergrund der Betrachtung. Dabei hat Herrn N. eine sonderbare Manier arg mitgespielt. Er führt mit Vorliebe Verse von Dichtern und Dichterlingen im Munde. So sagt er wörtlich S. 5: ״Es hatte eines Tages ein Schäfchen sich verloren, das sich der Hirte lieblich hat erkoren*. Nun folgen noch 10 eng gedruckte Zeilen — etwas langathmiger, gereimter Prosa. Klingt das nicht sehr erbaulich? Der erste Theil wird abgeschlossen mit mehr oder minder passenden Versen von Rückert. Wir können vor einer solchen Geschmacksverirrung nicht genug warnen. Sohrau O.-Schl. Dr Immanuel Deutsch. Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barty. Verlag von Robert Friese in Leipzig

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