Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 16. (14.4.1880)
- Date
- 1880-04-14
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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62 — es wirklich könnte, so bedürfen wir ihrer dazu nicht. Die geschichtliche Entstehung dieses Gedankens im jüd. Volke zeugt zuerst für ihn; das jüdische Volk führt nicht, sondern lebt den Beweis für ihn. Die Philosophie aber ist wohl das Forum für den Theismus, den sie geboren, den sie mühsam aus sich heraus entwickelt, aber nicht für den Theismus, der sich gar nicht entwickelt hat, sondern plötzlich entstanden ist in einem Volke, das gleichfalls plötzlich entstanden; nicht für den Theismus, der fast ein Jahrtausend, bevor es überhaupt so etwas, als Philosophie ist, in der Welt gegeben, in einer von keiner Philosophie erreichten Reinheit, Erliabenheit und Lebendigkeit nicht einen Einzelnen, oder mehrere Einzelne, sondern ein ganzes Volk erfasst hat und ergriffen, und das belebende Princip geblieben ist für dieses Volk bis auf den heutigen Tag. Zu der Zeit, als der griechische Geist, aus der sinnlichsten Befangenheit erwachend, zum ersten Male die Frage nach dem einheitlichen Ursprünge der Welt sich aufwarf, aber gleichsam ermattet von diesem ersten Auffluge, immer wieder in die alte Sinnlichkeit zurücksank, bis er endlich in Plato nnd Aristoteles die Sinnlichkeit und ihre Vergötterung überwunden und zu einem leidlichen Theismus es gebracht: da war bereits längst der reinste Monotheismus und mit ihm zugleich die gesundeste Ethik in alle Lebensfasern des jüdischen Volkes gedrungen und längst der Lebensgeist desselben geworden. Und dies alles, ohne dass es bis dahin eine Philosopliie gekannt. Wie sollte es auch eine solche kennen? Wo lagen die Unebenheiten, welche, wie bei den Griechen, Thaies, Anaximander und ihren Nachfolgern, die klügelnde Frage nach dem einheitlichen Ursprünge der Welt (ap־/wrj) aufkommen und somit Philosophie entstehen Hessen? Himmel und Erde, Meere und Berge, Thiere und Menschen, Wasser und Feuer, die ganze grosse Welt — sie ist durch einen geistigen und unendlich mächtigen Gott ins Leben gerufen worden und wird von ihm allein erhalten. Musste dieser reine, durchaus widerspruchsfreie Monotheismus nicht von vornherein die grossartigste einheitliche Weltansicht erzeugen? Und wenn diesem reinen Monotheismus eine Sittenlehre zur Seite ging, welche mit wunderbarem Takte die moralisch-physische Natur des Menschen treffend auch eine durchaus einheitliche Lebens ansicht von vornherein erzeugte — war damit nicht auch von Anbeginn das Bedürfniss befriedigt, von dem aus viele Jahrhunderte später der heidnische Sokrates einen neuen Ansatz zum Phiiosophiren gemacht? Aber es konnte freilich nicht für immer so bleiben. Das jüdische Volk hatte den Beruf, seinen Theismus und seine Ethik der Welt mitzutheilen, und zu diesem Zwecke musste es auch eingehen in die Philosophie der Welt. Es war Alexandria, wo sich der urkräftige jüd. Theismus mit dem philosophischen der Hellenen begegnete. Aber eben mit dieser einerseits so segensreichen Begegnung begann auf der anderen Seite eine verhängnissvolle Verschiebung der Standpunkte, indem man eben von jetzt ab jene ursprüngliche, lebendige Strömung des jüdischen Theismus mit der todten, stockenden des philosophischen ganz unmerklich und unbewusst vermengte. Man vergass über der auffallenden Aehnlichkeit der Resultate die Grundverschiedenheit der Quellen. War dann aber nicht Israels Gott demselben Geschick anheimgegeben, als der Gott des Aristoteles? Aberder Gott des Aristoteles war nur ein zufälliges Denkresultat, nicht mit höherer Würde und grösserem Rechte ausgestattet, als irgend ein anderes, zu welchem das philosophische Denken angelangt war. War der philosophische Trieb nicht erstorben, so durfte er bei diesem Ruhepunkte den Gang seiner Entwicklung nicht abbrechen, sondern unaufhaltsam weiter treiben, wohin er auch gelangte. Und wenn er nun trieb zum Skepticismus, und von diesem zum Atheismus, und von diesem zum Materialismus, wie in unserer Zeit, so war, wenn ihr nicht kräftig unter die Arme gegriffen ward, die Religion verloren. Hieraus erklärt sich der ganze Charakter der mittelalterlichen Religionsphilosophie, und hieraus erklärt sich das noch heute trotz eines Kant ermüdende Bestreben, den Gottesgedanken gegen die Angriffe der Philosophie philosophisch zu begründen. Nur Einer schied hier bleibend klar und bestimmt, was durchaus nicht zusammengehört — Jehuda Haie wy. Er erkannte, wie man hier mit dem Aufgebot aller Kraft für eine fremde Sache, die man für die eigene hielt, kämpfte, während die wirklich eigene gar nicht gefährdet war, weil sie ganz ausserhalb der Angriffslinie lag; er erkannte, dass nicht todte Vordersätze, über die das zermalmende Rad des Verstandes hinwegrollt, sondern sein lebendiges, machtvolles Hervorbrechen in einem ganzen Volke, welches seit seiner Entstehung in ihm und durch ihn lebt, den Theismus bezeugen; er erkannte, dass es erhaben über alle gebrechlichen Beweise, welche die Philosophie für das Dasein Gottes zu liefern vermag, über den ontologischen, kosmologischen, physicotheologischen, noch einen einzigen lebendig zeugenden Beweis gibt, den historischen. Diese Erkenntniss, welche allein, auch innerhalb der Theologie einen unbefangenen Sinn für Philosophie und Wissenschaft fördert, weil sie den wahren Stützpunkt des Theismus gar nicht in einer bestimmten Philosophie, sondern in seinem ursprünglichen Wesen selber findet und deshalb auch jede Sorge für seine Unversehrtheit von vornherein für unbegründet hält; diese Erkenntniss, welche zwar immer so lebendig im jüdisehen Volke waltete, dass es jederzeit darnach handelte, aber doch nur selten mit gleicher Klarheit wie in Jeh. Hai. einen entschiedenen Ausdruck fand: diese Erkenntniss hat innerhalb des Judenthums mit dem steigenden Bestreben, in seinen geschichtlichen Geist sich zu versenken, immer mehr an Kraft gewonnen, und es sei mir gestattet, es zum Schlüsse auszusprechen, dass dieses Lehrhaus durch seine vortreffliche Anleitung zu einer tiefen, allseitigen Erfassung des geschieht- 1 i c h e n Judenthums zum Wachsthum jener Erkenntniss in neuerer Zeit in beträchtlicher Weise beigetragen hat.