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Das jüdische Literaturblatt · 1880-04-07 · No. 14 u. 15. (7.4.1880) · p. Seite 54

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 14 u. 15. (7.4.1880)
Date
1880-04-07
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
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0: I ■11׳ V:. rl t■■ hy r. WM s;; 'י f.W 54 — allgemein für ein schon längst geschichtlich gewordenes gehalten wird, in diesem seinem geschichtlichen Charakter weiter lebt, nicht nur in der Erinnerung Anderer, sondern in sich selber, in einer immer klareren Erfassung des Geistes seiner Geschichte, in einer immer tieferen Durchdringung des Gedankens, der ihre Seele bildet? Die Möglichkeit liegt darin, dass einerseits die Idee welche diesem Volke zur Mittheilung an die Welt übermittelt worden, von vornherein so vollkommen klar und vollendet gewesen, dass sie gar nicht wie andere Ideen erst des Durchgangs durch andere Völker bedurfte, um von Hand zu Hand in allmählicher Entwicklung erst zu völliger Klärung zu gelangen; und dass andererseits diese Idee so erhaben sei und überwältigend, dass das von ihr einmal ergriffene Volk unmöglich von ihr lassen kann, sondern aufs innigste sich mit ihr vereinigt, indem es zu allen Zeiten in ihr, in ihr allein, die vollste Lebensbefriedigung findet. Die Thatsache, dass das Judenthum in der Idee des Monotheismus und der mit demselben zusammenhängenden herrlichen Ethik eine solche dauernd belebende Idee besitzt, hat das jüdische Volk zu allen Zeiten tief gefühlt; denn nur für das, wovon man fühlt, dass das Leben daran hängt, ist man bereit, auch das Leben hinzugeben; aber es hat sie nicht immer nach dem ganzen Umfange ihrer Bedeutsamkeit erkannt. Es ist nicht von ihm zu allen Zeiten mit Klarheit erkannt worden das ausserordentliche Gewicht der geschichtlich beweisenden Kraft, welches diese Idee durch die Art, wie sie im Judenthum entstanden, auch gegenüber der mittlerweile zu ähnlicher Höhe mühsam hinaufgedrungenen Philosophie auszeichnet. Den lebendigen Strom der Gottesidee und einer edlen Moral, wie er plötzlich hervorbrach in einem ebenso plötzlich erschaffenen Volke, verwechselte man im Laufe der Zeiten mit einem völlig anderen, aus ganz anderem Boden mühsam durch Menschenkraft hervorgegrabenen Strome, der jeden Augenblick versandet oder zu versanden droht. Zwar irrten die jüdischen Denker nie so weit ab von der ächten Quelle des Theismus, dass sie in ihrem Bestreben, die Gottesidee philosophisch zu begründen, ganz aufgegangen wären in der Philosophie und gemeint hätten, der Gottesgedanke sei nur auf speculativem Wege zu halten, und würden die erbrachten Beweise für seine Gültigkeit gestürzt, so verlöre auch jener alle Festigkeit. So rege wir auch einen Saadja, einen Bachja ibn Pakuda u. A. sich bemühen sehen, den Theismus der Bibel philosophisch zu begründen, so kann es doch dem einsichtigen Leser ihrer Schriften nicht entgehen, dass die Klarheit und Festigkeit ihres Glaubens an die Realität des Theismus aus dem gesunden geschichtlichen Gefühl entstammte, welches tief, wenn auch nicht immer mit gleich hellem Bewusstsein, in ihrem Gemüthe wurzelte. Es ist Dicht zufällig, dass im Zeitalter der Scholastik; in der Mitte eines nur durch und für seine Religion lebenden Volkes, in welchem es wahrlich nie an vielen Männern fehlte, die mit der Religionswissenschaft sich eifrig beschäftigten, es dennoch verhältnissmässig nur Wenige gab, welche eine philosophische Begründung des Theismus für nöthig erachtet hätten, während es unter den zahllosen Scholastikern kaum einen gab, dem nicht eine Beweisführung für das Dasein Gottes als das angelegentlichste Geschäft galt. ״Dieses Volk hat Gott begründet, und doch hat niemals ein Volk es sich weniger angelegen sein lassen, über Gott zu disputiren,“ so lautet ein jüngst von einem geistreichen Schriftsteller ausgesprochener Satz. Es ist richtig hinsichtlich der Angabe der Thatsachen, aber unrichtig, hinsichtlich ihrer logisehen Verknüpfung. ״Dieses Volk hat Gott b egr ü n d et, und darum hat niemals ein Volk es sich weniger angelegen sein lassen, über Gott zu disputiren“, wäre das Richtige gewesen. Denn weil das Judenthum Gott auf einem von der Philosophie ganz verschiedenen Wege begründet, so blieb seinen Bekennern immer ein, wenn auch nur dunkles Bewusstsein von der Grundverschiedenheit der Religion und der Philosophie, welche sie abhielt, die eine für die andere eintreten zu lassen. (Schluss folgt.) Jüdische Einflüsse auf einen kaukasiseken Volksstannn. In den Engschluchten des grossen Kaukasus, am Quellengebiet des östlichen Aragwa, leben einige Völker- Stämme, welche von der Cultur fast noch gar nicht berührt worden sind: die Chews’uren, Tuschen, Pschaven und Kisten. Von diesen hat die Ersteren, als den interessantesten und sonderbarsten unter diesen halbwilden Stämmen, in jüngster Zeit Dr. Gustav Radde zum Gegenstand einer umfangreichen, äusserst anziehenden Schrift gemacht In seinem Buche ״Die Chews’uren und ihr Land, untersucht im Sommer 1876. Cassel, Theodor Fischer 1878“, erfahren wir Vieles, was auf gewisse Beziehungen dieses Völkchens zum Judenthume hindeutet und es dürfte deshalb angezeigt sein, auch in diesem Blatte daraus einige Mittheilungen zu geben. Die Chevs’uren, welche auf der nördlichen Seite des Kaukasus wohnen, haben zwar mit den verwandten Stämmen die herrschende Religion des russischen Reichs, dem sie einverleibt sind, angenommen, doch muss mau ihr Christenthum als ein noch weniger als äusserliches bezeichnen. Radde selbst sagt darüber: ״Soll ich aufrichtig sein, so muss ich bekennen, dass, obgleich sich die Chevs’uren Christen nennen und sogar stolz darauf sind, es nach ihren Ansichten zu sein, dennoch die Spuren des Christenthums bei ihnen nur sehr gering und überdies noch mannigfach entstellt sind. Auch bekräftigt es der durchaus geringe Einfluss, den die Priester der rechtgläubigen Kirche bis jetzt hier erreichten, dass der Boden zum Gedeihen des Christenthums schlecht vorbereitet ist. Mir scheint es, so fügt er weiter hinzu, dass die Lehre Mohammeds, wenigstens an der Kordseite des Gebirges, aus den Nachbargebieten des Dagestans und der Tschetschna kommend, grösseres Feld gewann, als das aus Süden ursprünglich mit den grusinischen Elementen hierher verpflanzte Dogma des Christenthums*. Aber auch das Judenthum hat vielleicht in noch höherem Grade als der Islam seinen Einfluss auf die Bewohner geübt, wenn auch das von ihm Entlehnte gleichsam bis zur Carrikatur entstellt wird. Bei Alledem aber hat gerade das, was der Grundstein aller dieser Religionen ist, der Glaube an einen Gott, am wenigsten in diesem Volke Wurzeln gefasst; seinem innersten Kern nach kann man es noch heute als heidnisch bezeichnen, da in seiner Vorstellung noch immer

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