Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 11. (10.3.1880)
- Date
- 1880-03-10
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
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׳1 I — 42 — Ferner: ״Auch das Wachsthum der jüdischen Be- I völkerung Preussens von 1816 ab von 1; 83 auf 1: 75,8 hin heb ausser Stande für eine bedenkliche Thatsache zu halten; bei einer V er b r e c h er Statistik müsste sie allerdings zu ernsten Erwägungen führen.“ (S. 8.) — ״Wenn Treitschke meint, die Engländer und Franzosen redeten mit einiger Geringschätzung von unserem Vorurtheil gegen die Juden, so muss man gestehen, dass sie mit viel Geringschätzung über dasselbe lachen. Und wie mir scheint mit Recht. Nach Treitschke’s Meinung beruht jene Ansicht auf einer Unkenntniss unserer Ver* hältnisse, die aus dem Unterschied ihrer und unserer Juden an Quantität und Qualität zu erklären sei.“ S. 8. Auf Grund statistischen Materials weist Fischer nun nach, ״dass es mit den quantitativen Bedenken auch selbst für ängstliche Blut- und Nationspuristen noch gute Wege haben dürfte“ und ebenso, dass die qualitative Unterscheidung Treitschke’s zwischen deutsehen, französischen uud englischen Juden, sobald man die Sache einer geschichtlichen Untersuchung unterwirft, in der von T. geltend gemachten Weise geschichtlich sich nicht ausreichend begründen lässt.“ ,Nicht viel anders scheint es mir mit seinen ״hosenverkaufenden Jünglingen“ aus der polnischen Wiege zu stehen.“ (S. 12.) — Für letztere (die polnischen Juden) eintretend, replicirt F. weiter: ״Wenn sie auch der Willkür des Adels oft genug preisgegeben waren, so hatte sich doch unter einem geordneten bürgerlichen Leben ihr Bürgersinn gestärkt, und sie haben in grosser Anzahl und mit gerühmter Tapferkeit manchen blutigen Kampf mit den Kosaken der Ukraine ausgefochten; sie haben nicht blos mit Wort, Schrift und Geld, sondern mit dem Schwert der russischen Herrschaft widerstrebt, und die Berichte gedenken noch mit besonderer Anerkennung des jüdischen Freicorps unter ihrem tapferen Oberst Berek, der 1773 gegen die Russen fiel. Für so ganz unrühmlich kann ich demnach die Geschichte der polnischen Juden nicht halten, mir scheint T. auch hierbei Consequenzen zu ziehen, die ausserhalb des geschiehtliehen Beweismaterials liegen.“ (S. 13.) — ״Auch die von Treitschke schwer wiegende Anschuldigung, ״warum so viele edle, hochbegabte Nationen ihre gemeinen, ja diabolischen Kräfte gerade an dem jüdischen Volke und nur an diesem ausgelassen“, und welche T. dahin beantwortet, ״dass die Juden immer unter dem Schutze abendländischer Gesetze leben, von dem Verkehr das Abendlandes Vortheil ziehen wollten, aber doch eine streng abgesonderte Nation zu sein beanspruchen“, unterzieht F. einer gründlichen historischen Untersuchung und constatirt als Resultat (S. 14): ״Ich habe nirgendswo bei allen früheren Judenverfolgungen ein anderes Motiv finden können, als das des Neides auf Besitz und Erwerb der Angegriffenen, zersetzt mit Glaubensfanatismus, bei den späteren zuweilen begleitet von berechtigten Klagen über den Wucher, Meine geschichtliche Ueberzeugung gestattet mir auch nicht zuzugeben, dass sich jene diabolischen Kräfte, die in dem Menschen schlummern, nur gegen die Juden geäussert hätten. Denn sobald sie vertrieben waren, suchten die Nationen sich andere Objecte“, was sodann reichlich mit geschichtlichen Beweisen belegt wird. Er vermag die Antwort, die Treitschke giebt, als eine geschichtlich begründete nicht anzusehen. ״Wo in aller Welt hat man denn die Juden gefragt, ob sie unter Aufgebung ihrer Nationalität sich der Nation, unter der sie leben, anschliessen wollen? Hat man denn nicht Alles gethan, um sie von der Nation, vom Staat, von der Gesellschaft abzuschliessen? Hat man es ihnen nicht oft genug zum Verbrechen machen wollen, dass sie eine Annäherung an ihre Umgebung versucht haben? Haben die Juden nicht bewiesen, dass sie für ein Staatswesen, das ihnen nur Duldung gewährt hat, ihr Leben | zu opfern bereit sind?“ ״Sehen wir doch, welches Zeugniss ihnen der Staafskanzler Hardenberg ausstellt: ״Die Geschichte des letzten Krieges wider Frankreich hat bereits erwiesen, dass sie des Staates, der sie in seinen Schooss aufgenommen, durch treue Anhänglichkeit würdig geworden seien etc.“ (S. 16.) Einer sehr eingehenden und vernichtenden Kritik wird sodann der Protest Treitschke’s, ״wir wollen nicht, dass auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur folge“ unterworfen, wobei der Behauptung Prof. Bresslau’s, ״dass die deutsche Gesittung bereits eine Mischcultur sei“, durchaus beigetreten wird. — Gegenüber der Behauptung Treitschke’s, ״was im Judenthum dem deutsehen Genius zusagt, das ist schon längst durch die Vermittelung des Christenthums in unsere Gesittung aufgenommen worden“, macht F. mit Recht geltend, ״dass dem deutschen Genius gar viel nicht Zusage, was zu den Kernpunkten der christlichen Lehre gehöre, weshalb eben ein ewiger Vermittlungsprocess zwischen christlichem und germanischem Geist nothwendig sei“, und zieht sodann die naheliegende Consequenz, dass wenn man hier dem Judenthum, ob mit Recht oder Unrecht möge dahingestellt sein, auf geistigem Gebiet die Thür zeigt, man ihm auf dem wirthschaftlichen Gebiete erst recht die Wege weisen müsse, was Treitschke bekanntlich nicht will. Dieser ungerechten und brutalen Anschauung gegenüber stellt sich F. auf den Standpunkt Rümelin’s, wenn er sagt: ״Das Meiste und Beste von Allem, was unsere bildungsstolze Gegenwart aufzuweisen hat, stammt immer noch aus der Erbschaft jener drei Völker des Alterthums: Juden, Griechen und Römer.“ (S. 19.) — Auf T.’s Bemerkung: ״In den drei grossen Epochen geistigen Schaffens, welche den Charakter unserer Cultur bestimmten, in der Blüthezeit mittelalterlicher Dichtung, im Reformationszeitalter, in der classischen Literatur-Epoche spielten die Juden entweder keine oder eine ganz untergeordnete Rolle“, antwortet Fischer treffend: ״Wie kam das? Nach der mittelalterlichen Anschauung wurzelte der Rechtstitel der Existenz im Bekenntniss zu der Einen Kirche, in jener Blüthenperiode waren die Ritter durchweg die Träger der Dichtung, wo war da Platz für einen Juden? Ebensowenig gab es für die Juden im Reformationszeitalter eine Möglichkeit, literarisch hervorzutreten und zu wirken; die bestehenden Vorurtheile duldeten jenes nicht, die religiöse Richtung des Zeitgeistes hinderte dieses. Und in der zweiten classischen Periode war es nicht viel besser, wie Lessings Nathan beweist. Wie kann ein so kleiner Bruchtheil auf ein so grosses Volk ein wirken, wenn es hermetisch von deren Leben abgeschlossen ist. Wieviel mittelbar in der Reformationszeit durch die hebräischen Sprachstudien, die Uebersetzung und Verbreitnng des Älten Testaments und später durch Spinoza, M. Mendelssohn, Herders Geist der hebräischen Poesie von semitischem Geist auf die Nation gewirkt hat, kann hier ununtersucht bleiben, weil, wie ich glaube, die Thatsache bedeutender Ein- Wirkung nicht zu leugnen ist.“ ״Wenn man einen Theil eines Volkes, er mag heissen, wie er will, meidet und aus der Gesellschaft der übrigen ausstösst, so werden seine Lebensgewohnheiten, seine Sprache, seine Denkungsweise veröden, verdampfen und verderben. Es ist nur einZeichen unverwüstlicher Lebens- und Geisteskraft, dass die Juden diesem Process achtzehn Jahrhunderte mit solchem Erfolg Widerstand geleistet haben.“ (Schluss folgt.)