Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 7. (11.2.1880)
- Date
- 1880-02-11
- Page
- Seite 3 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 64% known words query
- IRI
…/5367336-6488238-9584358--1486-9584365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 23ז1ט fallen Borftclluugeu auggefjcnb, fomrnt ®reitfdjfe natürlich audj gu falfdjen SWcfultaten. ®r füßlt bag felbcr ltnb öerwicfelt fidj in JäBiberfprüdjc. (Sr wirft ben Suben einen STabet an ben topf unb, ftatt benfelBcn gu motibiren, fügt er einen gnjeiten ßingu, ber fidj mit beut erften niefjt gufammenreünt. ®ie SBibcrfprüdjc liegen in ber Slugbrucfgwcifc, wie im Sufjait. ®er Slugbrucf ift Mb apobiftifdj, halb umhertafteub nnb unfidjer, unb jwar jene« nnb biefe-8 für bcnfelbeu Punft. SBenn eg nidjt ®reitfdjfe Wäre, möchte man glauben, ber Berfaffer habe eine beftetfte Arbeit invita Minerva, b. ß. nidjt wiber Villen, aber wiber beffere ®infidjt auggefüßrt. Sluf ber einen (Seite fpridjt er öon ben fdjWerften ®efafjrert, bte fo ernft finb, baß bie ®rfenntniß bcrfelben fdjon in bte liefen ber Bolfgfecle gebrnngen ift; bie Saßrtaufenbe alte ger־ manifdje ®efütitug ift'bebrofjt, einem Zeitalter beutfdj*jübifdjcr SJiifdjcultur gu weiten; bie alte gcmiitljlidjc Slrbeitfrcubigfeit beg beutfdjen Bolfeg wirb öon fdjnöbcm ÜJtaterialigmug erftidt; big in bie Ijödjften Streife hinauf tönt cg ang einem üDHtube: ״®ie Suben finb nnfer Ungliid"; nnb bcrgleidjcn Slmouitäten iuSKeuge! ®idjt baneben wirb mir gang gaßm behauptet, ״baß in neuefter JJcit ein gefährlicher ®eift ber Ueberßebung in jiibifdjcn Streifen erwacht ift, baß bie ®iitwirfung beg Subentßumg auf nnfer nationaleg Seben, bie in früheren ®agett maneßeg ®ute fdjuf, fidj neuerbingg bielfad) jdjäbltdj geigt״, ®g wirb bann troff ließ auf ״bie holten beutfdjen föpfe" ßingewiefen, alg ob ®reitfdjfe felbft bie Slngft bor ber bcutfdj־jübifdjen SORifdjcultur in ihrer Siidjtigfeit geigen Wollte! Unb wäljrenb ber SKann ben Suben borwirft, baß fie nidjt ®eutfdjc fein wollen, tabelt er fie bafür, baß fie, wag bie ®man־־ äpation betrifft, gtt breift auf ihrem ״(Schein״ beftanben haben. Beibeg wäre fdjlintm, wenn auch nicht in gleichem SSRaße, aber bie beiben Borwürfe reimen fidj nidjt gufammeit; bie 3ufammenftcllnng leibet an einem inneren SBibcrfprudj. 3um ®lüd finb beibe Bor־ Würfe bnrdjaitg ungntreffenb. SBen meint er mit ben Subcn, welche fidj ber ®emcinfdjaft beg nationalen Sehen entgiehen? Sdj ha^c nidjt errathen fönneu. ^Sabcn irgenbwo bie ■Sieben ben Strieggbieuft oerweigern wollen? Sm ®egcutßeit! Sdjon 1813 haben fidj gaßlreidje freiwillige aug ben Subengenteinbcn gemelbet. Unb in ben testen St'riegen hoben fie überall bie Slucrfcnuuug ber ^ameraben wie ber Borgefcbteu gu erwerben öermodjt. Sin allen Betätigungen beg commnnalcn, ftaatgbürgerlidjen, politifdjen nnb literarifchen Sebeng, an allen Stiftungen ber Bcreingtßätigfcit nnb ber öffentlichen SBoßlthätigfcit nehmen fie einen fo rcidjlidjen Slntßcil, bah er jebenfallg weit über ihren procentfaß gur allgemeinen Beüölferungggiffer hiuanggeht. ®abei mögen Oielfadj bie günftigeren Bermögcugberßältuiffe in Betracht fommen, aber nicht blog biefe, fonbern bor Slllem gewiffe ®fjarafterfeiten unb Begabungen. Senn $err 0. ®reitfdjfe auf־־ richtig fein unb Sclbfterfeuntniß üben will, fo muh er geftehen, bah feine Sntolerang gerabe an biefeu Punft anfnüpft unb bah gegen bie Subeit oielleidjt toleranter wäre, wenn fie fidj bem öffentlichen Sehen ferner hielten. ■Denn Sitben, welche gu ®reitfdjfeg gaßne fdjwören, finb allerbingg feiten, Sie gehen mcifteng etwag mehr nadj linfg, unb ba fie nun einmal burdj ihre gange ®nt־־ wicfelung bem Siberaligntug Oerfdjrieben finb, fo wäre eg natürlich für bie Steiften öon ihnen uncnblidj fdjwer, nidjt etwag entfdjiebener gu fein alg £>crr 0. ®reitfdjfe. ®ie ®igenheiten, welche fie Oou ihren djriftlidjeu SUlitbitrgern unterfdjeiben, füllen nidjt geleugnet werben; fie finb nidjt alle tabclngwertß, aber fie Werben alle mit ber 3eü Oerblaffeu. ®enn feit ber ®mancipation ßerrfäjt ein ftarfer Slffimilationgtricb in ben Subeu. Bei bem Borfjerrfdjen einer foldjen (Stimmung wäre eg fein Borwurf, baß bie Subcn bie enblidj erlangte ®mancipation — unb fie würben fie nidjt fo eifrig erftrebt haben, raeun fie fidj nidjt alg ®eutfdjc fühlten — nidjt alg einen blühen Sdjein au־־ nahmen, fonbern, wie ®reitfdjfe fagt, auf ihrem Schein beftanben״. ®g bleibt aber troßbem uncrfinblidj, wag ®reitfdjfe ®abelugWertßeg bamit meint, beim gerabe gur Beamtencarrierc haben fidj bie Subcn bigfjcr nicht Ijcraugebrängt. ®ie Sdjarffidjtigfcit biefeg SRanneg ift erftaunlich, cr ficht bag ®rag wadjfeu, er hat bte?Bitterung Oou üftenfdj unb Biel), ®r erlenut an ben anoutjuten Sournalartifeln — beim Wenn fie nidjt anomjnt wären, fo mühte er bie Berfaffcr nennen — bie ®onfeffiou ber Urheber, ®er bcutfdje Sournaligmug beruht jo auf Slnomjmität; ich glaube wohl auch י einige ®rfahrung m 3eitnnggfa^en gu haben, aber ich fönnte iljm auf biefer Spür* jagb nadj bem confeffionellcn ®crudj ber ^eitunggfehreiber unmög־־ lidj folgen. ®g gibt freilich auch ״fdjledjte ®hriften״ unter ben beutfdjen Subcn, ba eg unter ben beutfdjen ®hriften fo oiele fdjledjte ®hriften gibt, ®ie frommen Suben haben bie ®ewofjnljeit, jeber anberen Religion Slditung gu begeitgen, unb bie nichtfrommen Suben führen felbft innerhalb beg Subentljumg ben Stampf mit entfdjiebener •üOiähiguug. (Si’tr eingelne Slugnahmen fann^ man natürlich bei foldjen Beobachtungen nicht einftehen). ®ic jübifche Sfepfig ift gumeift innerhalb ber ®onfeffion geblieben; aber bie bcutfdje *iphtlofou^tc unb bie tljcotogifdje ^ritif in ®eutfdjlaub, öon Äant unb §egel big gu Schopenhauer, ®aöib Strauß, gerb, ®hr. Bauer unb ber ®übinger Schule, Subwig gcuerbach, Bruno Baur unb ungäfjligen Slnberen, haben felbftöerftänblidj auch unter Suben ihre zahlreichen Anhänger, beren Sleußeritngen ben grommen im Sanbe nicht immer angenehm Hingen unb bem ^harifäertljum genug Slntafj gu aKigbeutung unb Berbächtigung geben. SCreitfchfe ift eben auf allen ®ebieten borguggweife Parteigänger, unb wag er ben Suben üorwirft, ift, bei Sichte befeljen, Icbiglid), baß fie nidjt Sille genau fo fühlen unb beiden, wie er. ®arunt finb ihm befonberg bie Suben in ber ®agegpreffe ein ®orn im Singe; er ift mit biefer Sbiofpnlrafie unb bei feiner caöalieren Slrt, mit ben ®Ijatfadjen umgufpringen, bereit« fo weit getommen, in jebent Sournaliften, ber ihn ärgert, audj gleidj einen Suben gu errathen. ״®ag unbillige Uebcrgewidjt ber Suben in ber ®agegpreffe״ ift ihm ein unumftößlidjeg Slpiont; ״ber Heine üDtauit läßt fi<h nidjt mehr angreben, baß bie Subeu bie 3<ütungen feßreiben, barum Will er ißnen nidjt meßr glauben.״ ®iefer Scelcnguftanb beg!leinen dRanueg gehört gu ben ®ntbedungen beg Sjerrn 0. ®reitfdjfe. ®er Heine dRanit lieft in ber Siegel nur eine 3eitnng, aber biefer pflegt er mcifteng mehr ®tauben gu fdjenfen, alg fie oerbi'ent, felbft Wenn cr öon einem jitbifdjen Siebactcur ober SRitarbeiter an ber 3citnng wiffeit füllte. SBenn ®reitfeßte 3Mjt hätte, fo Würbe bie golge fein, baß bie conferöatiöcn Blätter, an weldjeit wenige ober!eine Suben mitarbeiten, ein fjähere^ Bcrtraucu genießen; aber bie Slbonnentenliften wiberfpredjcn bem. Sn 9ir. 859 ber Pofcner 3ertuug (7. ®ecember 1879) wirb mit namentlichen Sin־־ füljrungen nadjgcwiefen, baß, mit öerfdjwinbcnben Slugnahmen, faft alle großen Blätter Berling unb ber Proöingialftäbte öon djrift־־ liehen Sicbacteurcn geleitet werben unb baß felbft ber Stntljeit ber getauften Suben nicht feljr bebeutenb ift. ®cnfelbcn 9iadjwctg führt noch aitgfitljrlidjer Sperr Prof. §arrtj Breßlau in feinem bortreff liehen ״Scnbfdjreiben״ an ®reitfdjfe. (3ur Subenfrage. S. 18 u. flgbe. Berlin 1880, ®üntmler). ®reitfehfe fjat auch ßier wieber mit falfchem Slitgenmaß aug einer SRücfe einen ®lepßanten gemadjt. Stber wir bürfen biefeg ®ebiet nidjt berlaffen, oßne ißnt noch eine Sleußerung üorguhalten, bie mit ßöfli^n SBorten fdjwer gu djaraHerifireit ift. ®r fagt: ״Unter ben führcubeu Piännern ber Stuu)'! unb SÖiffenfdjaft ift bie 3nljl ber Suben nidjt feljr groß; um fo ftärfer bie betriebfame Schaar ber femitifdjen ®alente brüten Siaugeg. Unb wie feft hängt biefer Sitcrateufdjwarm unter fieß gufamnteu; wie fidjer arbeitet bie auf ben erprobten ®efdjäftggrurtbfafc ber ®egeufeitigfeit begrünbete Unftcrblich!eitg־Bcrfidheruugg3־־tnftatt, alfo baß jeber jübifche Poctaftcr jenen ®intaggrnhm, wcldjen bie 3<ülungen fpenben, blau! unb baar, ofjne Berguggginfen augbcgaljlt erhält." SÖenu bie 3«hl 0er Subcn, welche in Slunft unb SÖiffeufchaft eine leitenbe Stellung eiunehmen, audj ״nidjt feljr groß״ ift, fo wirb bamit bodj gugegeben, *baß cg bereu ®inige gibt. Unb in biefern 3ugeftänbniß liegt eine enorme Sluerfcuuung. ®Bic öicle ,S)umbolbt, Siitter, ^elmljolß, Sumte bringt benu felbft bie geifteg־־ große beutfdjc Station in einem Sahrfjitnbert Ijeröor! ®Benu nun bie Subeu in ®eutfdjlaub faunt etwag utefjr alg ein Procent ber Bcöölfcrung betragen (®reitfehfe felbft bringt bie SMjuung in feinem gweiteu Slrtifcl auf 520,575> alfo etwa 11/g Procent im Saßrc 1875), fo ijt eg ßödjft cßrcnöoll, baß fie ßier überhaupt in Bctradjt fommen. Slbcr ״bie betriebfame Scßaar ber femitifdjen ®alente britteuJRangeg״ ift natürlich ölet galjlrcidjer; biefer Site־ ratenfdjwarnt ßäugt, nadj ®reitfdjfe, feft unter fidj gujctmmcn unb