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Das jüdische Literaturblatt · 1880-01-21 · No. 4. (21.1.1880) · p. Seite 14

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
9 (1880)
Issue
No. 4. (21.1.1880)
Date
1880-01-21
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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— 14 — lieh ansarbeitet. Ueberhaupt dürfte Frau M. als Steg-1 reifrednerin, Tischrednerin und schlagfertige Debattantin zur sofortigen Widerlegung erhobener Einsprüche unter den Frauen kaum übertroffen werden. Dabei ist sie eine so liebenswürdige, heitere, anspruchslose, durch und durch praktische und thätige Natur, dass sie auch in dieser Beziehung unseren Frauen als Muster vorgehalten werden kann. — Unter den aufgeführtenSchauspielerinnen dürfte Sara Bernhardt — die zwar sehr capriciöse, launenhafte, aber ausserordentlich vielseitige, von Frankreich und England bewunderte Schaupielerin des Thdatre frangais in Paris — unstreitig die grösste jetzt lebende Tragödin Frankreichs, zugleich Malerin, Bildhauerin und Schriftstellerin — mit einem einzigen Satze doch wohl zu kurz abgethan sein. — Erwähnung verdient hätte hier auch Fräulein RosaPressburg vom Königlichen Hoftheater in Hannover, eine begabte, sehr talentvolle Schauspielerin, die seit Langem die volle Gunst des Hannoverschen Publikums geniesst und vom ehemaligen Hannoverschen Hofe vielfach ausgezeichnet wurde. Dabei ist sie auch in ihrem Privatleben ausserordentlich bescheiden, lebt mit ihrer alten verwittweten Mutter, der sie eine wahrhaft musterhafte Tochter ist, sehr zurückgezogen und hat sich auch der Religion ihrer Väter, wie das ihr Besuch der Synagoge an den hohen Festtagen etc. beweist, nicht entfremdet. Dass unter den Sangerinnen Pauline Lucca — die prima donna diprimo cartello, wie E. M. Oettinger sie nennt — ganz vergessen ist, erinnert mich an das Wort Heine’s bei einer ähnlichen Veranlassung (Nichtaufnahme Luthers in die Walhalla zu München): In Naturaliensammlungen fehlt Oft unter den Fischen der — Walfisch. Ganz übergangen, unseres Erachtens mit Unrecht, ist ferner Frau W 0 h 1, ehemalige Frau Strauss, die berühmte Freundin Ludwig Börne’s. Oder sollte sie in einem Buche ״über jüdische Frauen1•‘ für jüdische Frauen keiner Erwähnung werth sein? Es steht zweifellos fest, dass sie eine Dame von vorzüdlicher Bildung und edlem Geiste war, die in treuer makelloser Hingebung Börne ihr Leben gewidmet hat. ״Das Verhältniss Börne’s zu Madame W.“, sagt Karl Gutzkow, ״gehört zu jenen schönen Begegnungen edler Seelen, die zum I Glück der Dichter und Weisen nicht blos von ihnen zum Gegenstand ihrer Schöpfungen gewählt wurden, sondern die oft sie selber beglückten und ihnen ein einsames Dasein verschönerten. Ganz Frankfurt, hierüber gewiss competent, stimmt darin überein, dass Börne’s Verhältniss zu Madame W. ein ebenso wohlthätiges für den verlassen und einsam in der Welt stehenden Unverheiratheten, wie seiner Natur nach rein und sittlich war,“ (Letzteres sagt G. im Hinblick auf die bekannten, ebenso unwahren wie niedrigen Verdächtigungen Heinrich Heine’s in seinem Buche über Börne ) ״Es ist ein schöner Trost, Herzen zu wissen, die den Pulsschlag unserer eigenen Stimmung mitempfinden und sich ein Gewissen daraus machen, auf unserer Stirn zu lesen, Wünsche von unseren Lippen zu stehlen. Und die, welche mit der Welt in Hader leben, werden das Bedürfniss, einen felsenfesten Punkt der Anlehnung inmitten der Wogen einer in ihren Gesinnungen zweifelhaften Ge- Seilschaft zu haben, nur um so dringender empfinden. Es muss Herzen geben, die die geheime Werkstatt unseres Inneren kennen und auf uns schwören, selbst wenn die ganze Welt uns verlässt. Dies war der Reiz, der Börne an seine Freundin fesselte.“ ״Sie hielt mit einem den Frauen eigenen Ueberblick in ihm nicht selten das Bewusstsein seiner literarischen Stellung aufrecht; sie schürte seinen Ehrgeiz, ermunterte seinen Schaffenstrieb und war ihm, wie jenen anderen berühmten Schriftsteilem, ein Mass dessen, was sich verstehen liess, ein Mass des Styls und der Darstellung. Hätte Börne’s leidende Gesundheit es geleistet, seiner Freundin würden wir einen weit umfassenderen Umfang an Schriften verdanken etc. etc.“ Fügen wir endlich noch hinzu, dass sie, wie Gutzkow mit Recht hervorhebt, ״um ihn die trauliche Athmosphäre einer Familie, die stärkende Luft einer Freistatt, den Trost einer Heimath zu verbreiten wusste“, dass sie in seinen vielfachen Krankenlagern in aufopferndster liebevollster Weise seiner pflegte und dass er mit dankbarem Schmerzensblick zu ihr gewandt, mit den Worten: ״Sie haben mir viel Freude gemacht!“ sein Leben aushauchte: bedarf es da noch weiterer Worte, um ihre Aufnahme in einem Buche über hervorragende jüdische Frauen gerechtfertigt erscheinen zu lassen? — Auch Fanny Mendelssohn- Bartholdy, die Lieblingsschwester Felix M.’s, dürfte als Clavier-Virtuosin und Musikkennerin mit aufzuführen sein. (Vgl. darüber namentlich auch das inzwischen erschienene Werk Hensel’s: ״Die Familie Mendelssohn“.) Ob nicht auch von einigen Müttern berühmter Manner (die Mutter Heine’s, M. Hartmann’s etc.), denen von ihren Söhnen in ihren Werken unvergängliche Denkmäler, die von ihrem Werth beredtes Zeugniss ablegen, errichtet sind, in einem solchen Buche ein Blatt gehört hätte, lasse ich dahin gestellt. Noch auch stelle ich dem geehrten Herrn Verfasser zur Erwägung, ob nicht hier und da ein Auszug aus ihren Werken einzufügen sein möchte. Wenn z. B. von Giustina Levi-Peeotti, ״der ersten Jüdin, welche die italienische Poesie pflegte“, gesagt wird, ״wir besitzen von ihr nichts als ein Sonett, das sie an Petrarka gerichtet und das von dem grossen Dichter in der herzlichsten Weise erwidert wurde“, so würde es gewiss vielen Leserinnen willkommen sein, dieses eine Gedicht selbst kennen zu lernen. Aehnliches gilt von ihrer Landsmännin Rosa Levi etc. — Doch nun genug der Ausstellungen! Auch noch mit seinen Fehlern und Lücken ist das vorliegende Buch ein Werk, das wir auf das Freudigste begrüssen. Und eben weil wir glauben, dass es vielen Segen stiften kann, und weil wir hoffen und wünschen, dass es sich einbürgern möge in unseren Familien, hielten wir uns besonders verpflichtet, auf seine Lücken und Schwächen aufmerksam zu machen, damit der gelehrte Herr Verf.vor einer nochmaligen sorgfälligen Durcharbeitung des Stoffes nicht zurückschrecke, auf dass das Buch werde, was es werden kann: eine echte Perle jeder jüdischen Familien-Bibliothek.

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