Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 9 (1880)
- Issue
- No. 3. (14.1.1880)
- Date
- 1880-01-14
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
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\o. 3. Das «lalirg• IX. Jüdische Literaturblatt. Znr Beleuchtung aller Judenthnm nnd Juden betreffenden literarisch. Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Ra hm er. Magdeburg, 14. Januar 1880. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Redaction zugesandt werden, finden in diesemBlatte eingeh. Besprechung. BeiEinsendung von zwei Recensionsexeroplaren erfolgt auch Erwähn, i. d.Wochenschr. Das ,,jrüriiselie Uteraturblatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen-, Preis bei allen Buchhandlungen (in L ei p z i g bei Robert F r i e s e) pro J ah r g a n g: 8 Mk. Abonnenten der ״IsraelitischenWochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. - Inserate werden mit 25 Pf. für die dreigespaltene Petitzeiie, buchhändlerische Beilagen mit 15 Mark berechnet. Die Expedition der ״Israelitischen Wochenschrift. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Ueber jüdische Frauen. Von Max Weinberg in Magdeburg. — Zur Geschichte der Juden in Mähren und Böhmen. Li ter a tur be r i ch t: Recensionen : Erankl, Predigt am Vorabend des Versöhnungstages 5640. — Rothschild, das Gotteshaus, Predigt. — Freund, Wir sind Alle die Kinder eines Vaters. Predigt. — Caro, Worte der Wahrheit und des Trostes. Predigt. Literarische Notizen. — Literarische Anzeigen. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet. Ueber jüdische Frauen. Von Max Weinberg in Magdeburg. Von jeher ist über die ehemalige Stellung der jüdischen Frau in der Familie wie in der Gesellschaft von jüdischer wie von nichtjüdischer Seite viel gesprochen und gestritten worden. Was wissen nicht unsere Gegner Alles zu berichten und zu registriren von der nach modernen Begriffen unwürdigen Stellung des jüdisehen Weibes in der Gesellschaft wie in der Ehe, und dennoch, wie grau ist, bei Lichte besehen, gerade diese Theorie? Es verhält sich damit genau so, wie mit den uns so gern aufoctroyirten Begriffen und Gegensätzen von christlicher und j ii d i s c h e r L i e b e. In solchen wie in vielen Dingen entscheidet eben nicht der Buchstabe und das Gesetz — obwohl die mosaischtalmudische Gesetzbebung gerade in diesem Punkte im Vergleich zu der gesetzlichen Stellung der Frau bei den übrigen orientalischen Völkern sich wie ein Stück Occident im Orient ausnimmt — sondern das, was diese Gesetze aus den Menschen, die ihnen gemäss lebten, gemacht haben, und da stellt sich das Resultat wahrlich nicht zu unserem Nachtheil. Denn in Wirklichkeit hat das jüdische Weib im Hause wie in der Familie im weiteren Sinne allezeit einen Einfluss und also auch eine Freiheit besessen, die von keinem anderen;V01ksstamm übertroffen ist. Die Beschränkung des orientalischen Weibes auf das Haus beweist dagegen nichts, und der Hinweis nnd Vergleich auf die Stellung der Muhamedanerinnen ist dabei nicht zutreffend. That- Sache, über welche selbst die ärgsten Widersacher Israels nicht hinaus können, ist, dass eben durch dieses nach ihrer Ansicht unfreie Weib eine Behaglichkeit, eine mehr stille, als geräuschvolle, in sich gesättigte Zufriedenheit und Seligkeit in die jüdische Familie getragen worden, wie das moderne Leben sie kaum kennt, eine umfriedete Ruhe, in die der kalte Hauch der feindlichen Aussenwelt nicht zu dringen vermochte, die sie fähig machte, auch im ärgsten Weh und Leid noch hoffen und lächeln zu mögen, die Selbstmord und zu noch Aergerein führende Verzweiflung gar nicht aufkommen liess und die vor Allem bewirkte, dass eine geistige Verkümmerung, wie man sie zum Schmerz aller Menschenfreunde jetzt so vielfach gewahrt, eine Verzerrung der Begriffe und Lebensanschauungen, wie sie als Frucht unreifer, unverdauter und unverstandener moderner philosophischer Halbstudien jetzt so erschreckend oft uns entgegentreten, die das Familienleben vergiften und zerstören, Hödelnaturen und Nihilistenbanden erzeugen, keinen Raum bei uns fanden, weil eben gleichfalls durch dieses ״unfreie* jüdische Weib ein Fonds von Gottvertrauen, Selbstgenügen, Arbeitsmuth und Freudigkeit, eine Widerstandsfähigkeit gegen un« verschuldetes Leid, eine Duldungskraft in das Kindesgemtith gesenkt wurde, das selbst für das unsäglichste, von Geschlecht zu Geschlecht übergehende Leid nicht absorbirt und erschöpft werden konnte. Wer auch nur die Reste echten altjüdischenFamilienlebens in unseren Tagen kennt, wer das musterhafte, selbstverleugnende Schaffen jüdischer Frauen in ihrem häuslichen Kreise, das unvergleichlich anmuthige Schalten und Wirken im Bereich ihrer Familie gesehen, wer sie gc 3hen, wie sie nach vollständiger Ordnung ihres ganzen Hauswesens und Hausraths am Freitagabend, im Bewusstsein gethaner Pflicht, freudestrahlend in die sabbathlich erleuchtete Familienstube tritt, in welcher bald darauf das ihm so recht aus dem Herzen kommende אשת חיל ihres Gatten ertönt — wer das jüdische Weib gesehen und beobachtet, wenn es plötzlich seines Ernährers beraubt und nur auf sich und seine Thätigkeit angewiesen, an der Spitze einer zahlreichen unversorgten Kinderschaar tritt und sie alle za tüchtigen, brauchbaren, früh selbständigen Menschen heranbildet, wie überaus lächerlich und unwahr muss dem nicht der Satz von der Sclaverei und Unfreiheit jüdischer Frauen erscheinen? Wem aber, der nicht in vollständigster Unkenntniss über die geschichtliche Entwickelung unseres ganzen inneren wie socialen Lebens befangen ist, brauchen wir aueh