Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-23 · N° 52. (23.12.1880) · p. Seite 452

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 52. (23.12.1880)
Date
1880-12-23
Page
Seite 452 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583817-9584314--4401-9584324
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 452 — Feuilleton. Mendel Schapiro. Novelle von Elf«» Leivitt. (Fortsetzung) Der Alte auf dem Ehrensitz schüttelte den Kopf: „Was will er? wer hat ihn gerufen? Mendel braucht ihn nicht! Mendel hat ihn nicht gerufen!" „Er kam vermuthlich aus Neugier," sagte die Mutter, ein sanftes dürres Weiblein; „wer weiß, ob er überhaupt einen Director kennt." „Fast glaub' ich'S selber nicht," erwiderte Mendel, „der Mann schien so haltlos!" „Wer auf alles Geschwätz hören will, hat viel zu thun! was redet Ihr noch immer von Geschäften?" murrte der Alte. „Vielmehr ist er wohl gar selber der Director," begann der Vater von neuem; „Mendel, es wäre doch bester gewesen, Du hättest nicht gleich auf einmal alles verredet!" Der Großvater warf Mendel einen hülfesuchenden Blick zu. „WaS sprechen wir noch immer davon," sagte nun dieser achselzuckend, „wenn Ihr den Mann gesehen hättet, Ihr würdet seinen Worten nicht mehr Beachtung schenken, als ich gethan habe; ich sage Euch ja. er war ein Schwätzer!" „Kinder!" rief der Alte, „setzt Euch, Kinder, ich will den Wein einschenken!" Er hatte bereits den weißen Kittel und das Mützchen angethan und sah frischer und sauberer aus, denn je. Wie er die Gläser füllte, wurden auf der Treppe Fußtritte hörbar und eine dunkle Unmuthswolke überschattete seine Stirn, als der Schwiegersohn plötzlich rief: „WaS gebt Ihr mir, wenn er wiederkommt? Was gebt Ihr mir, wenn es der Director selbst ist, was gebt Ihr mir?" Da ging die Thür auf und auch Mendel fuhr zürück. denn auf der Schwelle erschienen zwei Herren, von denen der Eine allerdings der vielbesprochene Besitzer des Brillant» ringer war. Inmitten eines peinlichen verlegenen Schweigen entschuldigte Herr Harburger diesen, wie er leider bemerkte, störenden Besuch, er habe gehofft, noch vor Beginn des Fester zu kommen. Dann aber breitete sich ein trium- Phirendes Lächeln über sein Gesicht und mit stolzbescheidener Miene gab er sich die Ehre, seinem Freunde, dem Herrn Operndirector, seinen Freund Herrn Schapiro vorzuftellen. Der Director heftete seine scharfen Blicke prüfend auf den Genannten. Mendel hatte sich erhoben, er dankte mit höflicher Grazie für den kurzen Gruß. ES war aber eine äußerst unbehagliche Atmosphäre, die dieser breite fremde Mann mit hereinbrachte, das grade Gegentheil von dem festlichen Schimmer, der sich noch eben um Tisch und Gäste gewoben, und als er, den Sitz ablehnend, auf seinen Stock gestützt, mitten im Zimmer stehen blieb, und trotz seines Selbstbewußtseins sich nicht enthalten konnte, neugierig auf die Tafel zu schauen, da kam Vögele das Stübchen plötzlich so eng und niedrig vor, das ihr ganz beklommen zu Muthe ward. Am meisten fürchtete sie den Großvater anzusehen; der hatte in der Aufregung ein wenig Wein verschüttet und starrte nun grollend auf den Flecken an seinem schneeweißen Aermel, und dazwischen murrte er so etwas von Goi und gestörtem Seider. Erst ein Blick auf ihren Mann, der ganz ruhig und gefaßt inmitten der allgemeinen Verlegenheit erschien, gab auch ihr die Fassung wieder. „Ich habe auf den Wunsch meines Bekannten," sagte der große Mann mit imponirender Feierlichkeit, „heute Gelegenheit genommen. Sie singen zu hören, Herr Schapiro, und kann sagen, oaß Sie mir gefallen haben, recht sehr gefallen!" „Sehen Sie, Theuerster!" schoß Harburger hinter dem Director hervor, „was Hab' ich Ihnen gesagt in Bezug auf die Kunstfreunde?" Mendel schwieg, wahrscheinlich, weil er noch nichts zu antworten fand. Der Director verwies Harburger durch einen strengen Blick zur Ruhe, räusperte sich etwas und fuhr dann majestätisch fort: „Sie können das aus dem Umstande ersehen, daß ich sogleich und zwar in Person zu Ihnen gekommen bin!" Der Schwiegervater wiegte sich aufgeregt hin und her, schleuderte Mendel auffordernde Blicke zu und murmelte etwas von großer Ehre und Freundlichkeit, während der Alte vernehmlich grollte: „Was sucht er sich immer die Festtage aus?" Mendel schwieg noch immer. Da platzte der Director, geärgert durcb die Unbeweglichkeit des Juden, ganz unvermittelt hervor: „Mit einem Worte, ich bin entschlossen, Sie für meine Bühne zu gewinnen. „Sie sind entschloffen, Herr Director?" fragte nun Mendel mit feinem Spott. Der Director überhörte die Frage, aber er fuhr etwas höflicher fort: „Erledigen wir zuerst die Hauptsache; ich kann Ihnen glänzende Anerbietungen machen; Sie haben eine seltne Stimme, Sie werden daher seltene Erfolge sehen." Vögele's Gesicht begann zu leuchten; sn preßte die Hände zusammen und sah bald auf Stendel, bald auf ihr Kind; ihr Vater drohte im Uebermaß seiner Aufregung mit dem Stuhle umzufallen, so heftig schwankte derselbe hin und her und er erstickte fast an den Worten, die er nicht sagen durfte. Auch Mendels Züge hatten sich belebt: „Glauben Sie das in der Thal?" fragte er fast unwillkürlich. „Wer glaubt es nicht?" schrie nun Herr Harburger, indem er hervor- und auf den ahnungslosen Großvater losstürzte, dann machte er dem verblüfften Patriarchen eine entschuldigende Verbeugung und pflanzte sich vor Mendel selber auf: „Mann des Zweifels," rief er ihm in die Ohren, „sehen Sie sich um in diesem glücklichen Kreise, wer glaubt es nicht?" „Sie brauchen", fuhr indessen der Director durch seinen scheinbaren Erfolg gekräftigt fort, „Ihre bisherige Tdätigkeit — Sie haben jawohl etwas derart — Sie brauchen dieselbe nicht sofort aufzugeben, falls Ihnen das nicht convenirt." Mendel schüttelte lebhaft den Kopf. „Gut, Gut," sagte der Director begütigend; „nicht sogleich, aber vielleicht in drei Monaten; Harburger sagt mir, daß Sie musikalisch gebildet sind; Ihr heutiger Vortrag berechtigt mich zu der Annahme, daß Sie nach einem Jahre bereits werden austreten können. Ich bin bereit, die Kosten für Ihre Ausbildung zu tragen und verpflichte mich ferner. Ihnen eine schriftliche Erklärung zu geben, oaß ich Sie nach einem Jahre mit 200 Thlr. monatlicher Gage an meiner Bühne anzustellen bereit bin." Da konnte sich der Schwiegervater nicht länger halten: „Macht 7200 M xer anno." schrie er; „es ist nicht wahr, bei meinem Leben, es ist nicht wahr!" : „Es ist wahr!" rief Harburger, ihn feurig umarmend, „haben Sie gehört, schöne Frau, haben Sie gehört, glücklicher Mann? 7200 M. für das erste Jahr und wieviel für das zweite und dritte und vierte?" „Bei Ihren Gaben," sagte der Director huldreich und sah sich wie ein himmlischer Abgesandter in dem beglückten Familienkreise um, „werden Sie dazu kommen, Herr Schapiro, eine solche Einnahme durch wenige, ja durch eine einzige Gastrolle zu erzielen, aber es scheint mir, daß eS nun an Ihnen wäre." Mendel hatte sich in den freudestrahlenden Augen seines jungen Weibes verloren; nun fuhr er wie aus einem Traum erwachend empor. Seine Miene war zerstreut. „Wie denn? was denn? ein Sänger und Schauspieler?" „Der erste Sänger der Welt!" bekräftigte Harburger. „7200 Mark", schrie der Schwiegervater. „Was will er? Was stört er den Seider mit Geschäft?" wehklagte der Alte. Nur eine Stimme seufzte leise: „Mein Tochtermann ein Komödiant? ein Gaukler und Spieler vor den Leuten?" (Das Schlußkapitel im nächsten Jabrgang.) Lerantworltrcher Rrdacteur vr. Rah me r in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Bardy. Vertag von Robert Friese in Leipzig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.