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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-12-09 · N° 50. (9.12.1880) · p. Seite 432

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 50. (9.12.1880)
Date
1880-12-09
Page
Seite 432 (sequence 10)
Language
German
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— 432 Gesichte herauslesen! Sie sollten er eigentlich, denn ich bin allerdings fest entschlossen!" Harburger, der eben batte reden wollen, vergaß seinen Mund zuzumachen, er griff nach Schapiro's Händen: „Und ich füchtete schon, Sie würden mir Schwierigkeiten machen!" Mendel lächelte noch einmal; es geschah sehr höflich, aber doch ein wenig überlegen, als er erwiderte: „Mißverstehen wir uns nicht, mein Herr, entschlossen, Ihren Vorschlag mit allem Danke für Ihre uneigennützige Bemühung — abzulehnen, so wollte ich sagen!" Harburger ließ ihn loS und fuhr sich mit seinen ausdrucksvollen Fingern nach den Ohren, als müsse er sein empfindliches Trommelfell vor einer solchen Disharmonie schützen „Mann! Mann!" rief er mit höchstem Pathos, „wissen Sie, was Sie da sagen? wissen Sie, was Sie thun? Bedenken Sie das Glück dieser schönen jungen Dame, die zwar auch so recht zufrieden ist, wie mir scheint, aber die sich dennoch im Stillen so sehr nach den duftigen, reizenden Luxusartikeln sehnt, nicht wahr, Madame?" Mendel warf einen raschen fragenden Blick auf seine Frau; sie war ein wenig erröthet, aber sie schüttelte ernsthaft und eifrig das Köpfchen, wie eine kleine Philosphin, die alle Eitelkeit der Welt abgeschworen hat; er wandte sich mit beruhigtem Wesen dem Fremden zu: „Sie haben es gut gemeint, haben sich Mühe gemacht um einen Unbekannten," sagte er, „und dafür danke ich Ihnen, Herr Harburger. Ihr Anerbieten dagegen ist so neu. überraschend, weitaussehend, mit einem Worte, so ungeheuerlich, daß —" Harburger blickte ihn mit rührender Trostlosigkeit an: „Sie wollen sich nicht wenigstens dem Director vorstellen?" „Ich glaube wirklich, daß ich es nicht will, Herr Harburger." „Aber das ist —Harburger fand keinen Ausdruck, um seine Enttäuschung gehörig zu bezeichnen; er empfand deutlich, daß hier für den Augenblick nichts weiter zu thun fei. Mit der Bemerkung, daß hoffentlich das letzte Wort zwischen ihnen noch nicht gesprochen worden, machte sich der Abgewiesene auf den Heimweg. „Verplaudert uns der Schwätzer den ganzen Feierabend!" fagte Mendel, als sich die Thür hinter ihm geschloffen. Vögele nickte. „Aber darin hat er doch Recht, daß Du eine wunderschöne Stimme hast, Mendel!" „Für Dich und mich," sagte er fröhlich, „und in der Synagoge sind sie's auch zufrieden, wenn ich zuweilen für den Alten singe, aber was wollte der tolle Bursch aus mir machen? einen Opernsänger? ha, ha! Warum nicht gar einen Seiltänzer, weil ich ja auch gerade Beine habe! übrigens war's ein harmloser Bursch, nicht wahr? liebes Vögele." (F. f.) Are Seiden Apostel. Ein Schwant von Hans Sachs dem Jüngeren. *) Sankt Peter sitzt an der Himmelspfortev, Er kann gemächlich ruhen dorten. Zu thun hat er nicht eben groß. Die Schlüssel rasten in seinem Schosst; Da ist er eingenickt am Thor. Mit einem Mal schrickt er empor. Ein wildes Lärmen dringt heran. Er weist nicht, was eS bedmten kann. Doch, bald ermuntert, an der Pforte Vernimmt er deutlich diese Worte: „O Gott vom Himmel, sieh darein! Wir bedrücktes Christenhäufelein Können uns erwehren der Teufelei'ns Nicht mehr von den verfluchten Semiten. Wir müssen ihnen das Land verbieten!" Sankt Peter .wie er das gehört, Blickt da zu Gott auf ganz verstört Und betet, er möge doch der armen Bedrängten Christen sich erbarmen. *) Aus dem „Deutschen Montagsblatt." Verantwortlicher Redacteur vrRjahmer in Magdeburg. Druck Und wie die Bitte hört Sankt Paul, Ist er sich anzuschließen nicht faul. Weil beide Apostel, wie man weiß, Stets für die Christen erglühen Heist. Und lächelnd spricht Gott zu ihnen: „Geht Hinunter Beide, damit Ihr seht, Wie's um dir bedrückten Christen steht, Und welche fürchterliche Menge Das arme Häuflein bringt ins Gedränge/ Nachgehen die Beiden dem Lärmen und Schrei'n Und kommen in einen Saal hinein. „Was giebt'?" fragt den ersten da Sankt Paul. — „Du Judenbengel, halt gleich das Maul, Wir sind Germanen und Antisemiten, Die allen Juden das Maul verbieten. Wir wollen Euch wohl das Handwerk legen!" So schallt's ihm in wüstem Chor entgegen. Bestürzt sieht Paus dm Petrus an, Der zornerregt da begann: „Was wollt Ihr Christen? Erkmnt Ihr denn nicht Den Mann, der dorten mit Euch spricht? Sankt Paulus der Apostel ist's, Der theure Jünger des heil'gen Christs. Und Petrus bin ich, sein Begleiter." „Das mag wohl sein; doch was denn weiter? So spricht des wüsten Haufens Leiter. „Wir woll'n unter uns nicht Juden leiden Und Semiten seid Ihr doch auch, ihr Beiden. Wir kennen Euch wohl! Du nennst Dich Paulus: Aber im Grunde heißt Du doch Saulus Und bist ein Jude und ein Semit, Den kein Germane gern bei sich sieht. Und Du nennst Petrus Dich auch per uekas. Du Judmbengel, Du heißest Kephas Und eigentlich Simon Jonassohn. Wir kennen genau Dich, Du Patron! „Schmeißt Saulus und Jonassohn hinaus!" So schallt das Schreien durch's ganze Haus. Die Apostel werden geschlagen, geknufft Und gestoßen, hinausgesetzt an die Luft. Dort sehen sie in die Ecke gedrückt Einen Jüdin stehen alt und gebückt. Und Paulus sprach: „Sag uns sogleich. Wie viel giebt's Juden im deutschen Reich?" „Es mag eine halbe Million wohl sein." -- „Und wie viel Christen?" fällt Paulus ein. — „Ich glaube, daß über vierzig Millionen Der Christen sind, die in Deutschland wohnen," — „Und diese achtzigfache Zahl Sollt ihr bcdrücken?! Welch' ein Skandal!" — Der Greis hat ihn stumm angeguckt Und nur mitleidig die Achsel gezuckt. — Als nun die Apostel so belehrt. Sind in den Himmel zurückgekehrt, Sagt lächelnd Gott: „Nun, sagt Bescheid, Wie steht's um die bedrängte Christenheit In deutschm Landen?" — „Das Volk der Dmker," Braust Petrus ans — „sind Stänker und Zänker!" „Genmch!" — ruft Gott — „Du mußt nicht schimpfm, Und mir meine Deutschen nicht verunglimpfen, Weil darunter einige wüste Gesellm Voll Neid und verblendet so schreien und bellen. Sahst Du Gewölk und Nebel nicht Schon manchmal dämpfen der Sonne Licht? ES braucht nur einen frischen Hauch von obm Und all daS Gewölk ist schnell zerstoben. Und die Sonne glänzt und strahlt nnd lacht In ihrer reinen goldenen Pracht. Glaubt mir. der Anti emiten Treiben, Es wird nicht lange bestehen und bleibm; Und strahlm als Sonne des deutschm Lands Wird unbefleckt in reinem Glanz Mmschlichkeit, Freiheit und Toleranz." — Daß Deutschland blüh, gedeih und wachs. Das wünscht getreum Sinnes Hans Sachs Für getreue Abschrift: Daniel Sarrdsrs» H. Horbach in Barby. Verlag von Robert F riese in Leipzig.

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