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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-11-25 · N° 48. (25.11.1880) · p. Seite 410

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 48. (25.11.1880)
Date
1880-11-25
Page
Seite 410 (sequence 10)
Language
German
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— 410 — von einem Richtweg, Harburger! Und war verlangen Sie eigentlich von mir? Der Mann dort hat allerdings eine Figur, wie sie Einem in dieser Umgebung selten in den Weg kommt, und er trägt da seinen Suppentopf oder weiß der Himmel, was -8 sonst ist, mit einem Anstand, wie ihn gewöhnliche, nicht für die Bühne gebildete Leute noch viel seltner haben, aber ist das Alles, was ich brauche? Kann ich ihm ansehen, daß er außer einem vortrefflichen Figuranten —?" „Der Mann ein Figurant?" Die gelben Glaces erhoben sich wie zur Beschwörung — „aber ich sage Jbnen ja, daß er eine wundersame gewaltige Melodei in ker jieüle hat, Herr Director. Und Sie wiflen, ich bin nicht lncht befriedigt!" Der Director nickte mit gönnerhafter Leutseligkeit: „Ihr Ohr ist gut, ich kann das nicht läugnen. Harburger!* „Ach!" rief der Geschmeichelte, „als ich ihn zum erstenmale hörte — Wann war das? Es war am VersöbnungStag," begann er emphatisch. Ein schneller, drolliger Blick streifte ihn: „Was geht Eie der Versöhnungstag an? ich denke. Sie sind ein Freigeist, Harburger?" Er bewegte bejahend sein lockiges Haupt. „Keine Messe wird man lesen, keinen Kaddisch wird man sagen", deklamirte er melancholisch, „indessen zog mich an jenem Tage —" „Ein gewisses angestammtes Interesse würde ich eS nennen," fiel die ironische Stimme seines Begleiters ein. Harburger nickte wieder: „Mein Kind, wir waren Kinder", seufzte er. Als ihn aber der Director mißbilligend ansah und ermahnte, sich mindestens geschmackvollerer Citate zu befleißigen, wenn er nun einmal nicht sprechen könne, wie ein vernünftiger Mensch, da wechselte er den Ton und fuhr schneller fort: „Also an jenem Tage hatte mich das unerklärliche Etwas, das Sie eben näher zu bezeichnen die Freundlichkeit hatten, mit der Menge in die Synagoge gelockt. Der Raum war überfüllt, heiß und dumpfig. Auf einmal erstarb der Gesang des Vorbeters, der Mann sank zu Boden, wir eilten hinzu; Hitze, Anstrengung und Fasten hatten den Alten in eine tiefe Ohnmacht versenkt; er ward nach Hause getragen; in der Verwirrung übernahm der Buchhalter Schapiro —" „So ist Ihr unentdecktes Genie Kaufmann? Aber er trug doch eben einen Suppentopf?" Ein verlegenes Kopfschütteln antwortete ihm: „Er ist nicht eigentlich Kaufmann, er führt die Bücher hie und da bei kleinen Detaillisten, er ist ein armer Mann, müssen Sie wissen, und er hat Schrullen außerdem — ich weiß auch nicht, wie er dazu kam, sich eben in dieser unvortheilhaften —" „Lassen Sie nur", lächelte der Director, „Sie sahen selbst, es stand ihm nicht übel trotzdem. Was wissen Sie sonst von ihm? Also in der Synagoge —" Der Musikfreund drückte die Hand auf's Herz und that einen tiefen Seufzer der Entzückung: „Wie er singt? Ach lassen Sie mich schweigen! Ich habe seitdem keine Gelegenheit verabsäumt, ihn zu hören, und es war oft Gelegenheit, denn der alte Cantor Rüben hat sich noch immer nicht ganz wieder erholt. Herr Director! wenn ich Ihnen sage, diese Stimme ist etwas Unerhörtes, UebernatürlicheS, so —" „So werte ich Ihnen nicht glauben!" rief der Director heiter, „nein, das werde ich allerdings nicht! Sie sind zwar ein Musikfreund." sagte der gewichtige Mann mit geringschätzigem Kopfnicken, „aber wo es Ihre Glaubensgenossen gilt, da sind Sie parteiisch, mein lieber Freund! Ich glaube wahrhaft g, da dieser Herr ein Jude ist, so ist Ihre Freude an seinem Talent fast so groß, als ob Sie eS selber hätten, ha! ha! ha!" Harburger ließ einen Augenblick den Kopf hängen, dann aber erwog er in seinem Innern, daß diese Meinung von ihm gerade keine vernichtende Beleidigung enthalte und fuhr unerschrocken fort: „Ich wiederhole nur, Herr Director, falls Ihnen um eine ausgezeichnete Kraft für die Oper zu thun ist, so müssen Sie ihn selber bören." Das breite Antlitz des Directorlächelte Gewährung. „Dawill ich allerdings," sagte er gnädig," bringen Sie ihn zu mir. damit ich seine Stimme prüfe; vermitteln Sie die Sache. Sagen Sie ihm, daß ich für den Fall — übrigens. ist er auch musikalisch gebildet?" „So musikalisch —" „Gut. gut, so bringen Sie ihn mir, und zwar während mein Interesse für ihn noch warm ist. Ich verlasse mich auf Sie. Harburger, Sie sind ja selbst so eine Art musikalischen Genie'-!" „Eine Nachtigall bin ich. aber stumm geboren," seufzte Harburger und schlug sich mit dem Stockknopf sanft auf die Nase, als wollte er sie dafür züchtigen, daß sie kein melodischer Schnabel sei. „Ich denke, Sie werden den richtigen Weg schon finden!" Harburger wurde nachdenklich: „Da fällt mir eben ein, ich sagte Ihnen, daß er Schrullen hat! Wenn er nun gar —" „So machen Sie ihm Hoffnung auf eine goldene Zukunft," lachte der Director mit einer bezeichnenden Handbewegung. „da wird er sicherlich nicht widerstehen können!" (Fortsetzung folgt.) Verantwortlicher Stedacteur Dr. Rahmer in Magdeburg. Druck von Belohnte Treue. Es war beinahe zu Ende der vierziger Jahre, da stellte der Lehrer S. in der kleinen Gemeinde des Städtchens 38. in Mecklenburg einen vollständigen jüd. Reformgottesdienst ganz nach Muster der Berliner Reformgemeinde her. Er hielt jeden Sabbath eine Predigt und memorirte ganz vorzüglich. Dabei versah er das Amt eines Vorbeters nnd sang so volltönend, daß der Taube glücklich zu nennen war, welcher nichts davon hörte. Herr S. besorgte auch das Schlächteramt ganz gewissenhaft und ertheilte den wenigen schulpflichtigen Kindern guten Religionsunterricht, obgleich ihm die richtige Sprachweise nicht so geläufig war, wie die Talmud- und Predigtsprache. Wer den p. p. S. aber genauer kannte und seine Predigten hörte, der konnte sich des Verdachts nicht erwehren, daß ein Gegensatz zwischen der Bildung dieses Mannes und seinen gediegenen Predigten vorhanden sein müsse, denn S. war kein Original. So klein die Gemeinde war, so hörte man doch die gediegensten Vorträge von den berühmtesten jüdischen Predigern der damaligen Zeit, auch christlichen Predigten gab man eine jüd. Färbung. Der Predigerruhm dieses Mannes ward allmählich größer als ihm lieb war, obschon er sich in seiner anerkannten Ehrwürde sehr gefiel. Eines Sabbaths wurde der Gottesdienst auch von einem sehr ehrwürdigen Greis besucht, der von dem Badeörtchen Seesen herüberkam, um der Andacht beizuwohnen. Dieser Greis betete so andächtig und lauschte den Worten des Predigers so ungestört, daß die Erscheinung desselben einem jeden Gottesdienstbesucher wahre Pietät einflößte. Nach Beendigung des Gottesdienstes begleitete derselbe den Prediger in seine Wohnung und dankte ihm mit herzlicher Aufrichtigkeit für die Erbauung, welche er durch seinen Vortrag genossen, und fügte hinzu, daß er noch nie einen solchen Herzensgenuß empfunden habe. Auf die Frage des S>, von wem er die Ehre dieses Besuchs habe, folgte die kurze Antwort: Ich bin der emeritirte Prediger Dr. Kley aus Hamburg und noch nie habeich mich selbst so gut gehört, wie heute. S. starrte ein wenig. Dies bemerkend, sagte Kl.: „Beruhigen Sie sich; denn weil Sie meine Predigt ohne jegliche Abänderung!zum Vortrag gebracht und das srw *]'on vh vollständig beobachtet haben, so schenke ich Ihnen meinen ganzen Vorrath von ungedruckten Predigten, es sind deren noch einige hundert. Fahren Sie nur so fort." S. war glücklich darüber und konnte nun in alle Welt hinausgehn und Gottes Wort verkünden, wie dies lange Jahre in Schlesien und in Nordamerika von ihm geschehen. S. hat mir diese Sache ganz so unmittelbar darauf erzählt. St. H. Horbach in Barby. Verlag von Robert F riese in Leipzig.

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