Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-11-25 · N° 48. (25.11.1880) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 48. (25.11.1880)
Date
1880-11-25
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/5369809-9583817-9584270--4356-9584279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift." Nr. L8. Magdeburg, den 25. November 1880. 11. Jahrgang. Jerusalem. Ein sehr beachtenswerthes Schreiben de- Herrn I. Kriger, Secr6taire Jnterprsle du Gouvernement de la Palestine, veröffentlicht Chawazeleth. Der Einsender beklagt gleicherweise die Untätigkeit wie das Thun des Man» tefiore-Comitss. Nachdem dieses Jahrelang Vorstudien angestellt, hat es Nichts für Äckerbau und Gewerbe gethan, sondern 2600 Pfd. Sterling einem Vereine — dessen Mitglieder zumeist wohlhabend und der Gemeinde der Peruschim angehören — zum Bau von Häusern gegeben. Auch das dazu gekaufte Terrain liege ungünstig. Warum wird Herr Kriger. sicher der bedeutendste Mann unter den Juden Jerusalems, nicht darum angegangen, den europ. Comit«'s mit Rath und Hilfe beizustehen? Dann wären wir mit einem Schlage die ganze Cotteriewirlhschaft los; denn vor K. haben sie Alle Respekt! Jerusalem. Auch der Corr. des „Hazephira" spricht sich über das Verfahren des Mvntifiore-Comitäs in demselben Sinne wie Herr Kriger aus. Viele ruffische Juden sind hierher gekommen, in dem Glauben, daß Jeder, der Ackerbauer werden will, Feld und Weinberg, umsonst erhält. Nun stehen sie rathlos da. Nur wer 6—700 Rubel zur Verfügung hat, kann durch den Verein „Pessach-Tikwah" Landbesitz erwerben. Rumänien. Abgesehen davon, daß die Maffenauswanderung der Juden nach Amerika aus dieser Vorhölle jetzt organisirt ist, scheint auch die Bitte der 100 Familien zu Landbesitz in Palästina zu gelangen, Aussicht auf Realisirung zu haben. „Jewish Chronicle" schlägt der Verwaltung des Montefiore-Fonds vor, diesen Hundert 8OO bis 1000 Pfd. Sterling leihweise zu überlassen. Dieser Betrag würde mit dem Baarvermögen der Auswanderer zur Colonisirung genügen. Dazu fordert Herr Lorenz Oliphant diese rumän. Juden auf, falls das Montefiore-Comit6 dem genannten Vorschläge nicht näher treten wolle, 2 Bevollmächtigte nach London zu senden. Er wolle ihnen dieselbe oder eine noch größere Summe als Darlehen verschaffen. Außerdem weist Herr O. darauf hin. daß nach ottomanischem Gesotz unbebautes Land ohne Entschädigung in Besitz genommen werden dürfe, wenn der Ansiedler den Zins vor der Ernte rc. zahlt. Und solch' unbebauten Landes findet sich um Liberias an 200,000 Acker. Zugleich erbietet sich Herr O. zu jeder Hilfleistung an die Auswanderer. Constantine. (Algarien.) Die Statistik für diese Provinz ergiebt von den Juden 420 Geburten, 204 Knaben, 216 Mädchen, (die einzige Bevölkerungsgeschichte, bei welcher die Mädchen überwiegen!!) Sterbefälle 231, also einen Ueberschuß von 188, während, bei den Andern 631 mehr starben, als geboren wurden. (Arch. isr.) Feuilleton. Mendel Schapiro. Novelle von Elsa Lewitt. I. Eine enge Gaffe. März. Thauwetter; letzteres erst seit zwei Stunden. Die Luft voll Nebel. Schmutzig, graue Schneedämme über den Gaffen. Ueberall schwarze Wasserpfützen und daraus hervorragende, trügerische, schneebefreite Steine, die gleich den Haustreppen nur dazu vorhanden zu sein scheinen, um das Hinfallen zu erleichtern. Kleine schwarze mürrische Häuser, die in einem Anfall von verdroffener Offenherzigkeit ihren Inhalt hinausgeschleudert haben, wie um die Vorübergehenden als Zeugen anzurufen, daß derselbe ungemein schäbig, schmutzig und lumpig sei; sowohl der leblose, wie der belebte Inhalt. Der leblose, welcher in Gestalt von wackligen Stühlen, zerbrochenem Porzellan, eingedrückten Hüten, alten Regenschirmen, abgetragenen Kleidern und undichten Stiefeln die Außenseite der Wohnungen umkränzt, und der belebte, welcher mit eingedrückten Hüten, abgetragenen Kleidern, undichten Stiefeln und alten Regenschirmen angethan und ausgerüstet, sich durch den Nebel drängt, über die Schneedämme stolpert, durch die Wafferpfützen tapft und über die schneefreien Steine und Haustreppen ohne Gefährlichkeit hinwegzügleiten versucht, ein Unternehmen, daß ebenso selten von Erfolg gekrönt wird, wie alle anderen Unternehmungen der armen Menschheit. Dabei wird viel geschrien, geschwatzt und gelacht, denn es ist Freitagnachmittag und die Aussicht auf den nahenden Festtag verleiht selbst dem häßlichen naßkalten Straßennebebel einen rosigen Schimmer. Und festlich stimmt der Anblick der großen Töpfe, die beschwert mit der morgigen Speise zum Bäcker getragen werden, weil der Sabbath zwar nicht das Effen, wohl aber das Kochen verbietet — die großen zweihenkligen Töpfe, unter deren zugebundenem Deckel das Waffer hervorspritzt, und die eine mit weißer Kreide ge, schriebene geheimnißvolle Andeutung auf dem Bauche tragen, welche den glücklichen Inhaber bezeichnet. Ist die Dienerin eine Christin, dann läuft sicherlich ein kleiner schwarzäugiger Junge nebenher, der sich vergewissern muß, daß auch Alles mit rechten Dingen zugeht, und daß der Schalettopf nicht etwa gar in einen unrichtigen unkoscheren Backofen geschoben wird. Nur die ganz Armen müssen ihre Töpfe selber tragen, und das ist heute bei dem Stande des Straßenpflasters keine leichte Arbeit. Kein Wunder, wenn die alte Frau, die eben die Hausthür hinter sich zugeschlagen hat, schon auf der ersten Treppenstufe Halt macht und mit ängstlichen Blicken die Entfernung bis zum Backhause und die Glätte der übrigen Stufen ermißt. Unmöglich sich des Geländers zu bedienen; arme Seele, der Gegenstand unter Deiner Schürze erfordert die ganze Kraft Deiner altersmüden Arme. Zögernd tastet sie mit der Fußspitze weiter, wenn doch ihr Enkelkind käme, die kleine Sarah, die ihr sonst geholfen hat! Sie sieht hinüber, als müsse die Ersehnte dort jeden Augenblick auftauchen. Da drängt sich ein großer Hund an ihr vorbei in die Hausthür und sie schrickt zusammen, erschrickt so sehr, daß sie den Topf fallen lassen müßte, wenn ihn nicht Jemand ihr aus den zitternden Händen nahm. Da freilich erholte sie sich rasch, denn es gehört eine angenehme Stimme zu dem Jemand, und das Anerbieten, daß ihr von dieser angenehmen Stimme gemacht wird, hat zur Folge, daß ihre schwachen gerötheten Augen glänzend werden und daß sie mit ausdrucksvollem Kopfnicken und Händeausbreiten ihren Dank zu erkennen gibt. Und dann schleift sie langsam hinterher und sieht mit bewundernder Rührung dem unbekannten Helfer nach, der sich mit sicheren Schritten über das schlüpfrige Pflaster und durchs Gewühl vorwärts arbeitet und das bescheidene irdene Gefäß so sorgsam vor sich hält, als ob es von Gold und Crystall wäre. Auch andere Leute sehen ihm nach, und das ist nicht zu verwundern, denn der Jemand ist ein auffallend stattlicher, bärtiger Mann, mit schönen Gesichtszügen, und sogar diese demüthige Handlung läßt ihn nicht komisch erscheinen. Wie er mit seinem anvertrauten Gute dahingeht, bleiben auf der andern Seite der Straße ein Paar Herren stehen, um ihm mit den Augen zu folgen. „Sehen Sie den Mann dort drüben? Nicht war, er ist Ihnen schon aufgefallen? Das ist Schapiro, Herr Director! Derselbe, von dem ich Ihnen erzählte. Nun, was Hab' ich gesagt? Hab' ich zuviel gesagt? Sagen Sie selbst, Herr Direktor!" Die goldene Lorgnette fiel dem Sprecher von der Nase. Wie er sie wieder festgeklemmt, besah er seine hellen Handschuhe, und dann, als er sich überzeugt, daß sie bei dieser Arbeit nicht gelitten halten, wiederholte er sein aufforderndes: „Sagen Sie selbst, Herr Director!" Der Andere zuckte die Achseln: „Wohin sind wir gerathen?" sagte er, sich umschauend,;,ich meinte, sie sprachen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.