Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 47. (18.11.1880)
- Date
- 1880-11-18
- Page
- Seite 400 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 400 zu, um später in den Staatsdienst einzutreten. Er sagt sich hierauf von seinen Eltern, die ihm nur unter den schwersten Entbehrungen die Mittel zur Bestreitung der Studienkosten verschaffen konnten, auf dar schnödeste los; er sagt sich los von dem Glauben seiner Väter, und seine heuchlerischen Lippen sprechen an dem Taufbecken das christliche Glaubensbekenntniß aus, das niemals das seine gewesen. Um den Bruch mit seiner jüdischen Vergangenheit vollständig zu machen, nimmt er auch zugleich einen andern Namen an und nennt sich von nun an Johannes Lebronn. Dieser wird uns nun als 65jähriger Kreisdirektor vorgeführt, der in Folge seiner Gewissenhaftigkeit und Tüchtigkeit sich bic Liebe und Achtung Aller erworben hatte. Da starb ihm sein einziger hochbegabter 28jähriger Sohn und bald darauf auch die Ehegattin, die er einst zum Abfalle von ihrem jüdischen Glauben verleitet hatte, die denn in ihrer Sterbestunde die schmerzlichste Reue über diesen Abfall kund gibt und mit dem Bekenntniffe des „Sch'ma Jissroöl" aus dem Leben scheidet. Diese Schicksalsschläge beugten den Lebronn tief danieder und er ward von den bittersten Vorwürfen seines Geistes über seine Abtrünnigkeit gequält. Kehrte er etwa zu dem väterlichen Glauben zurück? Oder lebte er wenigstens in seinem Hause als Bekenner des Judenthums? Keines von beiden! So machte er zu seiner Zerstreung einen Spazier, gang an einem Tage, von dem er nicht ahnte, daß es Jom kippur war. Zufällig kommt er auch in die Nähe der Synagoge. Es erscheint ihm auffallend, daß in derselben, wie es schien, ein feierlicher Gottesdienst abgehalten werde, obgleich es doch kein Sabbathtag war. Da öffnet sich zufällig die Thür. Er sieht die versammelt: Gemeinde in weiße Gewänder gehüllt. „Heute ist Jom kippur", sagte er sich. Und nach 40 Jahren betritt er wieder eine Synagoge. Er begiebt sich zur hintersten Bank, um sich da niederzusetzen. Der Vorsteher geleitet ihn jedoch zu einem der vordersten Sitze und übergiebt ihm zugleich ein Machsor mit beigedruck- 1er deutscher Uebersetzung. Das Neila-Gebet hatte eben begönnen. Die Gemeinde erhebt sich zur „leisen Schemone-Esre". Lebronn setzt sich erschöpft (natürlich nicht in Folge des Fastens, denn er hatte ja gut gefrühstückt und zu Mittag gegeffen, sondern in Folge des langen Spazierganges) nieder. Der Vorbeter singt das 21p *ryi mya und schließt mit dem Gottesrufe: Kehret zurück zu mir, so kehre ich zurück zu euch! Um seine Gewifsenspein los zu werden, hofft auch Lebronn, daß Gott ihm verzeihen und ihn vor dem „Thorschluß" wieder gnadenvoll aufnehmen werde. Er erhebt sich, betet leise die Worte des Vorbeters mit bis zur Widduj, in welche er zum Erstaunen der Gemeinde laut mit einstimmt. Als der Vorbeter beginnt: Du reichst die Hand den Frevlern, da ertönte neben seiner Stimme die Stimme des Kreisdirectors. Der Vorbeter schweigt (!!) und man hört nur die laute Stimme des Kreisdirectors (eine alberne Karrikatur des verstümmelten Märtyrers R. Amnon). Erst bei der Awoda erhebt der Vorbeter wieder seine Stimme. Am Schluffe erschallt das Sch'ma, in welches Lebronn so laut einstimmt, daß er den Chor der ganzen Gemeinde übertönt Er sinkt dann auf seinen Sitz zurück. Er hat seine Seele ausgehaucht, — wahrscheinlich war ihm durch die übermenschliche Anstrengung beim Schreien irgend ein Blutgefäß geplatzt. Er wird hierauf auf dem Kirchhofe, woselbst auch seine Ehegattin — trotz ihres Sch'ma Jiffrotzl — ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte, mit großen Ehren „christlich" beerdigt. Das ist der Baal-Teschuwa, dem der mit einem Male so tolerant gewordene „JLraelit" Gnade und Verzeihung verkündet! Wenn ein anderes jüd. Blatt dergleichen erzählt hätte, wie hätte da der „Israelit" über Profanation des Heiligsten, Unterbrechung des Gottesdienstes, u. dgl. Zeter geschrien! Wie durfte eine Gemeinde es sich gefallen laffen, daß ein „Goj" zu Neilah den Chasen vertreten? Ganz abgesehen von der Unwahrscheinlichkeit, nach 40jähriger Unterlaffung überhaupt »och die seltene Neilah-Schmone effre vorbeten zu könnnen! Bisher verstand man unter einem Baal-Teschuwa einen Büßenden, einen.Mann, der sich, um seine begangenen Sünden zu büßen, den härtesten Entbehrungen unterwarf. Der hierbei wieder einmal gänzlich aus seiner Rolle gefallene „Israelit" hat seinen Baal-Teschuwa in unerhörtester Weise modernisirt und hat eS gewagt, das Spottw or 1: „Lustig gelebt und selig gestorben, das heißt dem Teufel die Rechnung verdorben" zu einem Wahrworte zu machen! Wahrlich ein sehr verlockendes Recept für alle — Tauf lustigen! Rathaniel Rothschild und die „Alliance". In einem der letzten Bände seiner „Insurance Cyclo - pädia" erzählt Walford folgende auf die Gündung der engli? scheu Verucherungsgesellschaft „Alliance" Bezug habende Anecdote von Nathaniel Rothschild. Eines Tages im Jahre 1824 steht Mr. Nathaniel an seinem Lieblingspfeiler in der Londoner Börse — lange unter dem Namen „Rothschildpfeiler" bekannt — die Hände in den Taschen, als sein Vetter Gomperz in höchster Erregung auf ihn zueilt. „Was ist denn los?" ruft Rothschild. Darauf erzählt ihm der Andere im vollen Aerger, daß er sich um die erledigte Stelle eines Actuary bei einer großen Versicherungsgesellschaft (dem Guardian) beworben habe, daß er auch zur engeren Wahl als einer der besten Candidateu zugelassen, schließlich aber abgewiesen worden sei und zwar wegen seiner Religion, die Directoren hätten erklärt, sie wollten keinen Juden haben. Jetzt gerieth aber Nathaniel in Feuer: „Was," schrie er, indem er die Hände aus seinen Taschen zog und auf die Schultern feines Vetters legte, „wegen Deiner Religion wollen sie Dich nicht nehmen! Mein Gott! Dann werde ich für dich eine Gesellschaft machen, die größer sein soll, als alle die anderen Compagnien." Und ein Wort von Nathaniel war so viel werth als eine vollzogene Thal. Er gründete die Alliance, und § 13 der Statuten der neuen Gesellschaft lautete: „Die Compagnie soll einen Actuary haben, und Benjamin Gomperz in Vauxhall soll der gegenwärtige Actuary und Oberbeamter der Compagnie sein." So erhielt Gomperz eine Stellung und England eine neue Versicherungsgesellschaft, bei der bekanntlich nur Juden angestellt werden und zu deren Directoren die ersten jüdischen Finanzgrößen Englands gehören' Eine verfehlte Gründung. In Saint-Denis bei Paris lebt ein grundgelehrter 80jähriger Eindsiedler, der Abbe Moigno, welcher seit zwanzig Jahren aus seiner Stube noch nicht herausgekommen sein soll. Besagter Abb6 giebt ein wiffenschaftliches Blatt, „Les Mondes", heraus, welches mit einem Kapital von 150,000 Francs gegründet wurde, und es sich sich zur Aufgabe gemacht hat, die Wissenschaft mit dem Alten Testament in Einklang zu bringen, was dem biederen Herausgeber bislang nur in mäßigem Umfange gelungen ist, und denselben zu wunderlichen Einfällen verführt. So versuchte es neuerdings der Abbs Moigno, in der Hoffnung, den Durchgang der Israeliten durch das Rothe Meer wissenschaftlich festzustellen, eine Aktiengesellschaft zur Trockenlegung der betreffenden Meeresbucht und Ausgrabung der egyptischen Leichen zu gründen, deren Aktionären er die mit den Verfolgern zu Grunde gegangenen Schätze als Dividende in Aussicht stellte. Darauf biß aber das schnöde Kapital — die Finanz kannte wahrscheinlich die Midraschim über a'“ nra — umsoweniger an, als männiglich bekannt ist, daß die Eaypter die Juden nur darum verfolgten, um ihnen die goldenen und silbernen Gefäße wieder abzujagen. Aus der Trockenlegung des Röthen Meeres wurde also nichts und die Wellen bedecken nach wie yor das Grab der Egypter. Ver antwo etlicher Redacteur Dr, Rahmer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barby. Vertag von Robert F riese in Leipzig.