Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 47. (18.11.1880)
- Date
- 1880-11-18
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift." Nr. 47« Magdeburg, den 18. November 1880. 11. Jahrgang. Nach Abschluß des Blattes eingetrosfen. Berlin, 15. November. Folgende Interpellation des Abgeordneten Hänel, unterstützt von der Fortschrittspartei und den Secessionisten, ist so eben eingebracht und vertheilt worden: „Seit geraumer Zeit macht sich gegen die jüdischen Staatsbürger Preußens eine Agitation geltend, welche zu den bedauerlichen Ausschreitungen und zu einer weiter greifenden Beunruhigung Anlaß gegeben hat. In Verfolg dieser Agitation wird eine an den Herrn Reichskanzler und Ministerpräsidenten gerichtete Petition vorbereitet, welche die Anforderungen erhebt: (Hier folgen die bekannten 4 Punkte der Petition, die wir oben — unter „Erfurt" in der Anmerk, bringen. Red.) „In Veranlassung dessen erlaubt sich der Unterzeichnete, an die königliche Staatsregierung die Anfrage zu richten, welche Stellung nimmt dieselbe Anforderungen gegenüber ein, die auf Beseitigung der vollen verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger zielen?" Unzweifelhaft hat mit seiner Interpellation bezüglich der Judenfrage der Abgeordnete Hänel die große Majorität der Kammer hinter sich, nur wird nicht in Abrede gestellt werden können, daß die Interpellation wenig glücklich formulirt worden ist. Sie verlangt einen Bescheid des Staatsministeriums über etwas, womit das Staatsministerium noch gar nicht befaßt worden ist; denn die in Circulation gesetzte Petition treibt sich noch in der Welt umher, die einzelnen Minister kennen sie nur, wie wir Alle, aus öffentlichen Blättern. Vielleicht würde es rathsamer gewesen sein, einen concreten Fall herauszuheben, bei welchem sich die Betheiligung einer amtlichen Stelle an der antijüdischen Bewegung Nachweisen ließ. Es ist z. B. bekannt geworden, daß ein amtliches Kreisblatt auf Geheiß des Landraths zu einer Sammelstelle für Unterschriften unter der Judenpetition sich gemacht hat. Je allgemeiner die Interpellation gehalten ist, um so schwerer ist es. eine bestimmte Antwort zu erhalten; will die Regierung keinen Bescheid geben, so erhielt sie die Begründung ihrer Weigerung aus dem Wortlaut der Interpellation. Allein es liegt kein Grund zu der Annahme vor, die Regierung werde mit bestimmten Erklärungen zurückhalten, weil sie etwa die antisemitische Bewegung billige. Die Interpellanten würden, wenn sie unbefriedigt bleioen, ihrer Hänel'schen Anfrage einen besonderen Antrag folgen lassen, welcher die antijüdische Agitation direct mißbilligt. Nachdem einmal die Sache in Fluß gebracht ist, muß sie einen Abschluß erhalten, und die Regierung vereinfacht das parlamentarische Procedere, wenn sie gleich am Mittwoch klar und bestimmt über ihre Stellung zu der Bewegung sich äußert. Die Unterschriften unter der „Erklärung" beweisen, daß die Sache, um die es sich hier handelt, keine politische Parteisache ist. Feuilleton. Wie man «in „Zaddik" wird! In dem Städtchen Rakdan hatte sich seit einiger Zeit ein Fremder, der sich R. Sew nannte, im Beth hamidrasch, das zugleich die Schnorrerherberge war, eingefunden. Aber während seine Collegen Politik und sonstige wichtige Tagesfragen behandelten, saß er still im Winkel und summte Thillim (Psalmen) her. Da plötzlich eines schönen Tages scheint die Bevölkerung des Städtchens in Aufruhr zu gerathen. Alles läßt die Arbeit liegen und eilt hinaus dem Beth-hamidrasch zu. Was giebt'S? Was ist los? Gerüchte der verschiedensten Art durchschwirren die Luft. Vor dem Beth-hamidrasch staut sich die Maffe, denn dort dicht vor der Thür liegt lang ausgestreckt und starr ein dem Anscheine nach junger Mensch — nur leise Laute. Gesangesweisen haucht er. Plötzlich springt er auf und mit gewaltig tönender Stimme schreit er: „Wahrlich, ich habe gesündigt " Dann fällt er hin und liegt bewegungslos, wie vorher. Ist er verrückt, wahnsinnig? Nein, ein „böser Geist" ist in ihn gefahren, der sein Leben verbittert, ihn niederwirft und mit Steinen auf den Kopf schlägt. Während der Jüngling daliegt, weiß er nichts von dem, was mit ihm vorgeht, merkt nicht, wie der böse Geist singt und schreit: „Wo ist R. Sew, hilf doch! Führet mich nach der Stadt Rakdan!" Andere Leute haben's dem Kranken erzählt, und so hat er sich (Jechiel Bochur heißt er) hierher geschleppt und richtig, da hören wir's: Wo ist R. Sew? so schreit der Geist, immer lauter werdend. „Wo ist der fromme, sündenfreie Mann? Erbarme dich doch der gebeugten Seele! Errette mich, laß mich nicht in die Hölle fahren! Bringe mich an den Ort der Ruhe . . . Weh mir. ich habe gesündigt! „Steh auf!" so ertönt plötzlich eine gebietende Stimme, die Stimme R. Sews, der an die Thür getreten war. Vor ihm wirft sich der Geist nieder und fleht ihn an, daß er seiner sich erbarmen möge. — „Wie heißest Du?" „Salomo ben Chajim aus Zaklef. Seit 10 Jahren bin ich gestorben, und nur du, o Heiliger, kannst mir helfen und mich erlösen!" R. Sew ruft 9 Leute von den Umstehenden — mit ihnen steigt er hinab in das unterhalb des Beth-hamidrasch befindliche Bad, und nachdem sie Alle gebadet, nehmen sie den Kranken in ein Seitengemach. Was da vorgegangen^ Niemand weiß es, denn den 9 hat R. Sew Schweigen anbefohlen, und an's Fenster zu treten und hineinzusehen hat Keiner gewagt. Das könnte sehr gefährlich werden, so hatte R. Sew gewarnt. Nur das ist allbekannt: Nach V* Stunde hatte der böse Geist den Jechiel verlaßen und dieser war vollständig gesund. Das gab ein Aufsehen. Von allen Seiten strömten die Gebrechlichen und Kranken, die Wahnsinnigen und Geistesschwachen, die Kinderlosen und von ihren Männern Verlassenen herbei, daß der Zaddik auch ihnen helfe. Er legte ihnen seine Hand auf und segnete sie. So ward der unbekannte R. Sew zum Zaddik und Jechiel sein — Gabbai. Mit einem Bündel, den Stock in der Hand war R. Sew nach Rakdan gekommen. In einem von 3 Roffen gezogenen Wagen verließ er es, begleitet von Jechiel und 2 Dienern. „Jechiel!" rief der Zaddik, „laß die Pferde deine starke Hand fühlen, du verstehst es ja." »Sag' mir doch Sew", war Jechiel's Antwort, „wer hat dich zu meinem Herrn gemacht? Du sitzest ruhig in der Stadt, indeß ich meine Füße und Kehle ermüde, dich umherrennend anzupreisen. Ich habe dich groß gemacht, und nun stehe ich gleich einem Hunde an der Thür, indeß du ehrenvoll im Zimmer sitzest. Dazu willst du mir noch befehlen?" — „Narr du! Soll ich etwa die Pferde antreiben! Was werben die Diener dazu sagen? Habe ich doch nie die Absicht gehabt, mit dir zu streiten oder dir zu befehlen. Du siehst ja, daß du denselben Antheil von der Beute erhälst, wie ich. Drum hurtig, daß wir schneller einen andern Ort erreichen, wo unser Weizen blüht!" Seitdem haben die Beiden nie wieder mit einander gezankt. In brüderlicher Eintracht betrieben sie i§r gemeinsames, gewinnreiches Gewerbe. (Mach dem „Hameliz".) Cin moderner „Baal-Teschmva." „Lustig gelebt undselig gestorben, das heißt dem Teufel die Rechnung verdorben! „Diesessprüchwörtliche Spottwort findet sich zur Verherrlichung unseres Jom kippur verkörpert in dem „B a a l-T e s ch u w a ", den der uns vor einigen Tagen zu Gesicht gekommene, in Mainz erscheinende „Israelit" vom 8. v. Mts. seinen Lesern vorführt. Hören wir! Ein gewiffer Isaak Levi, statt sich, dem Wunsche seiner Eltern gemäß, auf der Universität für den Rabbinerberuf auszubilden, wendet sich der Rechtswissenschaft