Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 45. (4.11.1880)
- Date
- 1880-11-04
- Page
- Seite 381 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9584241--4325-9584248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 381 — der Badchen (Lustigmacher, Hochzeitsnarr), der bei keiner jüdischen Hochzeit in dieser Gegend fehlen darf, fehlte diesmal. Ein feierlicher würdiger Ernst war vorherrschend. Ester saß in einen Stuhl zurückgelehnt, mit einem feinen Tuche ihr Gesicht verhüllend, um ihre Schwermuth, der sie heute mehr als je drückte, zu verbergen. Jentele machte die Honneurs. Gegend Abend wurde das Zimmer glänzend erleuchtet. Im größten Zimmer wurde ein Trauhimmel errichtet. Die Brautführer führten das würdige Brautpaar unter denseben. Die lautloseste Stille lerrschte im ganzen Hause. Reb Herz Goldman, ein naher Verwandter des Rabbiners, schickte sich eben an, das Ceremoniell des Trauactes vorzunehmen, als die Thür geräuschvoll sich aufthat. Aller Blicke wandten sich der Thür zu. Ein armer, kränklicher, schrecklich herabgekommener, todtenbleicher Mann, auf einen Anderen gestützt, der sich kaum noch aufrechthalten konnte, war eingetreten und bewegte sich mit äußerster Mühe nach Vorwärts. Seine Augen lagen matt und tief in den Höhlen, seine Haare hingen lang und wild herab, seine Haut mar bis auf die Knochen vertrocknet, seine Glieder nur sehr defekt von Lmnpen umhüllt. Man glaubte ein Skelett, einen Schatten, vom Todtenreich erstiegen, vor sich zu sehen. Auch Ester blickte die Gestalt an, — sie entfärbte sich, ein markerschütternder Schrei ertönte aus ihrem Munde: „Chajim!" und eine wohlthätige Ohnmacht raubte ihr für den Augenblick die Besinnung. Eine große Verwirrung bemächtigte sich aller Gäste, man wußte nicht, was zu thun sei. Denn auch Chajim — er war's — war mit dem Ausrufe: „O meine Ester!" leblos zu Boden gesunken. Rabbiner Beer war die einzige Person, die die Geistesgegenwart nicht verlor. Als erste Pflicht erkannte er, der schwergeprüften Frau helfend beizustehen. Auch Jentele war ihr beigesprungen und hatte die Ohnmächtige nnt Hülfe einiger Frauen ins Nebenzimmer gebracht und zu Bette gelegt. Die Männer machten sich um Chajim zu thun. Es dauerte lange, bis Ester ihre völlige Besinnung gewann. Sie sah anfangs scheu um sich. Es machte aber auf sie einen tröstlichen Eindruck den Rabbi und seine Schwester um sich zu sehen. „Habe ich geträumt, oder war es Wirklichkeit?" fragte sie. „Wirklichkeit", antwortete der Rabbi. Ester wollte sich erheben, um zu Chaim zu eilen, allein der Rabbi verwehrte es ihr theilnahmsvoll. „Sie dürfen sich nicht aufregen.^ Ruhe wird Ihnen wohlthun. Auch für Chaim habe ich gesorgt. Dr. Eskeles ist um ihn beschäftigt." „O! wie danke ich Ihnen, edler Mann", rief Ester aus. „Aber was macht er? was sagt er?" „Dr. Eskeles versprach mir, bald über seinen Zustand Auskunft zu geben." In diesem Augenblicke trat in der That Dr. Eskeles ein. Ester wollte sich von ihrem Lager ausrichten. Der Arzt hieß sie liegen bleiben. Der Rabbi und seine Schwester machten ihm Platz, j Er fühlte ihren Puls und fand ihn beruhigend. „Was macht Chaim? ist er wirklich so krank?" bestürmte ihn Ester mit! feuchten Augen. Der Arzt griff nochmals nach dein Puls, nls glaubte er sich über ihren Zustand mehr vergewissern zu j müssen und antwortete: „Ich darf Ihnen die Wahrheit nicht! verhehlen, die Enttäuschung würde sonst eine schreckliche für > -Sie sein. Chaim ist so erschöpft, seine Gesundheit so zer- ' rüttet, daß er beim größten Aufwand unserer Kunst nur! wenige Tage noch leben kann." Ester schlug die Hände zusammen und wollte in Klagen ausbrechen. Der Arzt ergriff ihre Hand und sprach besänftigend zu ihr: „Sie sehen hier nur das sich vollführen, was Sie schon längst geglaubt haben. Er ist eine lebendige Leiche!" „Darf ich nicht zu ihm?" fragte sie. „Nein, durchaus nicht; er bedarf in diesem Augenblicke besonders der Schonung." Nach wenigen Tagen war Chaim Dank des sorgfältigsten ärztlichen Beistandes so.weit, um sein Schicksal erzählen zu können. Die Ereignisse bis Zadembrowa kennen wir bereits aus den Mittheilungen Esikel Schochets. Dort war es also, wo Chaim, von dem ganzen verbrecherischen und betrügerischen Wesen Beschts und seiner Helfershelfer überzeugt, sich von ihnen trennen wollte und sie zur Zurückgabe des kostbaren! Schmuckes, den die schöne Sara ihm entlockte, zu veranlaffen. Dann bestand er noch auf eine kleine Summe Geldes zur Rückreise. Beides wurde ihm verweigert. In Medziborz jedoch angelangt, war er schon entschlossen, auf Alles zu verzichten und sich nach Hause durchzubetteln. Allein zu spät. Hier wurde er von Schergen ergriffen, um angeblich vor ein Gericht geschleppt zu werden; aber er wurde ohne Verhör in einen unterirdischen Kerker geworfen. Hier schmachtete er fünf Jahre ohne je frische Luft geathmet, ohne je mit einem menschlich fühlenden Menschen ein Wort gewechselt zu haben. Sein ihm täglich einmal Brod und Wasser darreichende Kerkermeister schien stumm gewesen zu sein. So siechte er hin, dem Tode entgegen, der gegen seine Bitten taub war, ihn nicht erlösen mochte. Da nnt einem Male, vor einigen Wochen, thaten sich seine Kerkerpforten auf, er wurde herausgeschleppt, auf einen Wagen gehoben, welcher ihn wochenlang weiter führte. Wenn ihn seine Erinnerung und sein Gedächtniß nicht ganz in Stich gelassen, so war Leib Saras Kutscher, der trotz seiner Fragen das Ziel der Reise nicht angeben wollte. Eine Meile vor Jaslowiec setzte er ihn vom Wagen ab, allwo er lange bis zum Sterben erschöpft dalag. bis ein Wanderbettler sich seiner erbarmte. Wie groß war seine Freude, aus dessen Mund zu vernehmen, daß er nur eine Meile von Jaslowiec entfernt sei. Er bat Gott, ihm noch so lange das Leben zu lassen, bis er Ester und seine Kinder werde gesehen und ihre Verzeihung würde erlangt haben." Und Gott hatte ihn erhört; er sah seine Familie wieder, Alle verziehen ihm. Mit kindlicher Liebe pflegten sie ihn und auch Ester wich nicht von seinem Krankenlager. Er starb noch in derselben Woche, Bescht und seine Lehre verwünschend. Wer hatte Chajim aus dem Kerker befreit? Als Bescht, seiner Verabredung mit Chaskel gemäß, mit höchster Ungeduld lange auf Esters Nachrichten vergeblich gewartet hatte, sandte er seine Spürnasen nach Jaslowiec, um des Näheren zu erfahren. Und was diese erfuhren, bewies ihm zur Genüge, daß Chaskel ihn überlistet und arg mystificirt hatte. Er sah nun ein, daß er Alles, was er gethan, um Ester für sich zu gewinnen, nur im Dienste des Mannes, den er aus dem Grund der Seele haßte, gethan habe. Er beeilte sich daher, die Kerkerpforten, die er hinter Chaim vor Jahren hatte schließen lassen und den er, falls Ester, wie er sich geschmeichelt hatte, seine Frau geworden wäre, sicher hätte ermorden lassen, nun wieder zu öffnen, damit dieser sich dem Rabbi Beer j als Ehehinderniß präsentire. Chajim war noch zur rechten Zeit erschienen, um Rabbi Beer vor Sünde zu bewahren. Aber drei Monate nach Chajims Tod führte er Esters Gattin heim und beschloß mit ihr seine Jahre in Fülle häuslichen Glückes Auch Jentele erreichte ihr Ziel; Chaskel wurde bei der Propination zu Jaslowiec als Tageskassirer angestellt. Bescht gab vor, nach Palästina zu wandern, blieb aber in Constantinopel zurück, wo er zu den Donmäh's übertrat, einer Sekte, die noch immer auf die Wiedererscheinung des Pseudomessias Sabbathai Zowi hofft. Dort im Lande der Vielweiberei, starb er eines seines Lebens würdigen Todes an der — Lustseuche. Die 'unheilvolle Saat, die dieser verworfene Mensch vor hundert Jahren ausstreute, ging leider auf. Wir verdanken ihr eine Unzahl sogenannter Wunderrebbe's, die nach dem Ruhme des betrügerischen Bescht lüstern sind. Wie eine Schlingpflanze breitete sich der Chassidismus rasch aus und überwucherte die sittlichen Keime des Judenthums. Keine wahre Frömmigkeit hat je so viel Gutes als die Scheinheiligkeit Gemeinschüdliches auf die Welt gebracht. Man beurtheilt den Baum nach den Wurzeln. Was kann der noch so ästereiche Baum des Chassidismus werth sein, wenn er in thierischer Genußsucht, Menschenverdummung und zügelloser Phantasterei wurzelt. Nur Unterricht, Bildung, Aufklärung sind die geeigneten Mittel, der weiteren Ausbreitung dieser Wahn- und Irrlehre wirksam entgegenzuarbeiten. Ende.