Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 42. (14.10.1880)
- Date
- 1880-10-14
- Page
- Seite 357 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 357 — laß mich allein." — „Ich wollte Euch nicht beleidigen," sagte Alfonso und trat eingeschüchtert ein paar Schritte zurück. „Die Deinen werden Dich vermissen und nach Dir suchen," murmelte der Fremde, sich von dem Knaben abwendend. — „Ihr irrt Euch," rief dieser, der jetzt die Unfreundlichkeit des Gastes zu verstehen meinte, „Vater und Mutter sind nicht daheim, und die Diener sahen mich mit dem Korbe nach dem Garten gehen und glauben, daß ich Datteln und Orangen sammle." Hastig trat der Fremde an die Seite des Knaben, der wieder bei dieser plötzlichen Bewegung scheu zurückwich. „Bin ich der einzige Fremde hier im Schlosse?" rief er, indem er krampfhaft seinen Arm faßte. „Der Einzige," sagte der Knabe, verwirrt und erschreckt von dem seltsamen Betragen des Fremden. „Es ist gut," rief der Andere, „nun gehe unb laß mich allein." Der Knabe gehorchte, hob den entleerten Korb vom Boden auf, ging in den Garten hinaus und begann die auf dem Rasen verstreut liegenden Früchte zu sammeln. Aber seine Gedanken kehrten beständig zu dem Fremden zurück. Er empfand ein leises Grauen vor dem seltsamen Manne und es ängstigte ihn,t daß er selbst vor seinen Eltern ein Geheimniß haben und 'nichts von der Gegenwart des Fremden sagen sollte. Nicht ohne große Scheu näherte er sich diesmal dem unterirdischen Versteck unter dem Kioske. Es war ihrn, als ob die unheimlichen Augen seines Gastes ihn überall und unablässig verfolgten. Er stellte rasch den Korb auf die Stufen, bot die schönsten Früchte dem Manne dar, der sie gierig nahm und mit Heißhunger aß. Alfonso rannte mit seiner Last in das Schloß zurück und versuchte vergeblich die immer wachsende Angst seines Herzens zu beschwichtigen. Langsain verging der Tag, Alfonso sorgte für die Bedürfnisse seines Gastes, aber beide blieben schweigsam und der Knabe verabschiedete sich früh dem Fremden und versprach, am nächsten Morgen wieder zu ihm zu kommen. Mit einer ihm sonst fremden Sehnsucht schaute Alfonso den Weg entlang, auf welchem die Eltern zurückkehren mußten. Die Minuten wurden denl unruhig Wartenden zur Ewigkeit. Die Diener gingen erstaunt an den Knaben vorüber der gegen seine sonstige Gewohnheit heute kein freundliches Wort für sie hatte. Endlich hörte der Knabe den fernen Hufschlag, er sprang die Terrasse herunter, eilte an's Thor und lag wenige Minuten später in den Armen der Mutter. Er lief den Eltern voran in's Haus, wo ein Diener mit brennenden Kerzen in der Hand der Herrschaft durch mehrere Corridore bis in's Wohnzimmer voranleuchtete. „Du hast doch unser Haus gut gehütet?" fragte der Vater scherzend auf dein Wege. Der Knabe zuckte leise zusammen und wandte das erglühende Gesicht ab. Die Thür hatte sich hinter ihm geschlossen. (Fortsetzung folgt.) Chajim Prostak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus Eine wahre Geschichte aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weiß mann. (Fortsetzung.) Jentele verschonte also längere Zeit Ester mit Heirathsvermittelungen. Eines Tages aber gab sie ihr den Ester sehr ansprechenden Rath, das Andenken ihres Mannes dadurch zu ehren, daß sie auf dessen Namen 1000 Dukaten der Gemeinde als keren kajemeth (unantastbares Capital) deponiren solle, um die Zinsen allmonatlich an die Gemeindearmen zu vertheilen. Ester hatte nichts Eiligeres zu thun, als mit ihrem Curator Lippschütz hierüber Rücksprache zu nehmen. Dieser - aber meinte hierzu seine Zustimmung nicht so unbedingt geben zu können, da möglicher Weise das Vermögen den Kindern gehöre. Darum solle dieser Fall erst dem Rabbiner zur Entscheidung vorgelegt werden. Ester, die jede gute That beschleunigte und nicht gern Jemanden mit ihren Angelegenheiten belästigte, nahm sich vor, den' Rabbiner nächstens zu besuchen, um seine Meinung zu vernehmen. Es war ein schöner Frühlingstag, die Erde hatte sich ganz in Grün gekleidet. Sie Sonne prangte am blauen, wolkenlosen Himmel. Ihre Strahlen weckten Leben und Frohsinn soweit sie drangen. Die Thautropfen glänzten wie brillantener Schmuck am grünen Kleide der Erde. Es ist ein Morgen der ersten Maitage. Die zehnte Stunde ist noch nicht abgelaufen. Rabbiner Beer sitzt wie immer unter seinen großen Folianten. Ein Fensterflügel, der nach einem Garten führte — seitdem seine brustkranke Frau die Gassenluft nicht vertragen konnte, miethete er sich in einen der luftfrischen Vororte ein, und bewohnte auch nach ihrem Ableben dieses mit einem Garten umgebene Haus — stand weit^ geöffnet und gewährte der sanften Frühlingsluft, welche mit seinen Schläfenbüscheln spielte und seine Stirn fächelte, freien Einzug. Auch heute lagen vor ihm mehrere der riesiggroßen Bücher aufgeschlagen, aber man konnte es ihm deutlich ansehen, daß seine Gedanken anderswo waren. Manchmal schien er seinen Athem zurückzuhalten, hob den Kopf in die Höhe als strenge er sich an zu lauschen. Bald blickte er zur Thüre, als erwarte er Jemanden mit Ungeduld. Endlich ging die Thüre auf. Des Rabbi Herz pochte mächtig. Ester war mit einem „guten Morgen" eingetreten. Er erhob sich schnell, eilte ihr entgegen, begrüßte und bewillkommte sie in den herzlichsten Ausdrücken, lud sie zum Sitzen ein und rückte selbst ihr den Sessel zurecht, eine Ehre, die einem Laien von einem Rabbiner in jener jüdisch-throkratischen Zeit nur selten widerfuhr. Ester konnte nicht umhin, von diesem Anerbieten Gebrauch zu machen. Aber diese Ehrenbezeugung machte sie so verlegen, daß sie verhindert war, die Verlegenheit des Rabbi wahrzunehmen. „Sie werden sehr entschuldigen, verehrte Frau," sagte derselbe, zu Ester sich verneigend, „wenn ich Sie, allerdings nur auf wenige Augenblicke, allein lasse, ich muß meinen Knaben Hereinrufen, den wie sie wissen müssen, verbietet unser strenges Sittengesetz mit einer Frau tete ä tete zu sein." Die auffallende Blässe in Ester's Gesicht machte einer edlen Purpurröthe Platz. Sie schämte sich, einen solchen Verstoß gegen das Sittengesetz gemacht zu haben und rechtfertigte sich mit den Worten: „Jentele hat mich hierher begleitet, nur ist sie mit ihrem Knaben, der armen Waise, eben vor der Thür zurückgeblieben." „So wird es genügen, wenn ich die Thür öffne, meinte der Rabbi." Hierauf ließ er sich auf seinen Stuhl nieder. Ein feierliches Schweigen herrschte im Zimmer. Ester saß verlegen, wußte nicht wie das Gespräch einzuleiten sei, um die Angelegenheit vorzubringen, um deretwilleu sie hier erschien. Der Gedanle, mit dem Mann allein zu sein, den sie so hoch hielt, der ihr stets so zuvorkomniend, wohlwollend und man könnte sagen ehrerbietig begegnete, und den zu heirathen Jentele sie erst vor nicht zu langer Zeit eindringlichst zuredete, brachte sie ganz um ihre Geistesgegenwart. Rabbiner Beer benützte die Verwirrung, die an Esters ganzen: Wesen so deutlich zu bemerken war, um auf sein Ziel loszusteuern, sein Glück zu machen. Er brach das Schweigen mit den Worten: „Ich freue mich des günstigen Umstandes sehr, der nur das Vergnügen Ihrer angenehmen Anwesenheit verschaffte, denn ich habe mit Ihnen, würdige Frau, wichtige und ernste Worte zu reden." — Ester erhob ihre Augen, sah den Rabbi bedeutungsvoll an und schlug sie bald wieder nieder. Sie schwieg und der Rabbi sagte weiter: „Wenn sich je ein Mitglied meines Rabbinatssprengels, meiner innigsten Theilnahme und meines regsten Mitgefühls würdig und verdient gemacht hat, so sind Sie es, gutmüthige Frau. Sie werden mich daher recht sehr entschuldigen, wenn ich Ihnen sage, daß die Schwermuth, der Sie sich seit dem Bekanntwerden des frühen Hinscheidens Ihres Gatten so ganz überlassen, weder mit der Religion und Moral, noch mit dem gesunden menschlichen Sinn sich vereinbaren läßt. Sollten Sie sich und eine freundliche Zukunft deshalb ganz aufgeben, weil Ihrem Gatten ein Schicksal ereilt hat, in dessen Fangarme er, trotz Ihrer unzähligen Ermahnungen und Vorstellungen, höchst eigensinnig und in so thörichter Weise rannte?" (Fortsetzung folgt.)