Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 41. (7.10.1880)
- Date
- 1880-10-07
- Page
- Seite 349 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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widerte der Vater, „wenn Du Dich recht früh gewöhnst, ein Dir anvertrantes Geheimniß in Deine Brust, wie in ein Grab zu verschließen. Ich hoffe, mein Kind, Du hast es von Deinen Eltern gelernt, treu zu halten, was Du versprichst. Glaube mir, diese Treue allein ist der Schmuck und der Schutz des Menschen." Doch die Mutter und ich haben jetzt i einen weiten Weg zu machen und wir wollen," er neigte sich dicht an das Ohr des Knaben und flüsterte, nur diesem verständlich, „heut zum Freitag Abend in der Zeit zurück sein." Die Gatten standen auf, Arm in Arm stiegen sie die Stufen hinunter und einige Augenblicke später eilten die edlen Reiter dem Gebirge zu. Der Knabe schaute den Eltern mit heitern zuversichtlichen Blicken nach; dann wandte er sich nach dem Garten und verschwand bald hinter den schattigen dichten Myrthenbäumeu. Am Kiosk taucht die zarre Gestalt des Knaben wieder auf; er umgeht den kreisrunden Bau und blickt mit kindischer Neugier in den inneren Raum, deffen prächtige Ausstattung sein Auge entzückt. In lustigen Sprüngen geht er dann weiter, die Baumalleen entlang, bis das vergoldete Gitter dem Athemlosen Halt gebietet. Einen Augenblick steht er still, er blickt durch die Stäbe hinaus auf den blitzenden Fluß, zu dem ein bequemer, von beiden Seiten mit dichtem Gesträuch besetzter Weg, hinunterführt. Jetzt steht Alphons an der Gartenpforte, er dreht den Schlüssel um, das Schloß springt aus, der Knabe tritt ins Freie. Er steht und lauscht. War es ihm doch, als hätte er ein leises Stöhnen gehört. Sein scharfes Auge späht durch die Büsche, richtig! Da hebt sich etwas leise und vorsichtig vom Boden. Es ist ein Mann. Seine Kleider triefen von Wasser. Sein düsteres, unheimliches Gesicht richtet siL nach dem Knaben; dieser schauert, es überfällt ihn eine Angst, sich so allein mit diesem Fremden zu wiffen, er will in den Garten zurücktreten, da sieht er, wie jener mit einer flehenden Geberde ihn herbeiwinkt. Ohne sich zu bedenken, nähert sich der Knabe dem Gebüsch. „Kannst Du mich retten, Knabe, meine Verfolger sind mir auf der Spur, ich habe den Fluß durchschwommen, meine Kräfte sind erschöpft, ich kann nicht weiter." (Forts, folgt.) Chajim Prostak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus. Line wahre Geschichte «us der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weiß in a n n. 15. Kapitel. Die Trauung. Die Nachrichten, die Chaskel überbrachte, hatten Esters edles Herz ganz mit Trauer erfüllt. Sie wußte nun, daß Chaim gestorben war, wußte auch, daß die Todten nicht wieder aufgeweckt werden können, aber ihr blieb auch kein Zweifel übrig, daß Chaim keines gewöhnlichen, natürlichen Todes gestorben, daß Bescht ihn als vermeintliches Hinderniß seiner Lüsternheit aus dem Wege geschafft, und daß Chaim zuletzt sich seiner Fehlschritte und Verirrungen bewußt wurde, daß nur der gewaltsame Tod ihn daran hinderte, seine Reue zu bekunden; und das war es, was ssie untröstlich machte. Es fiel ihr somit auch gar nicht ein, Bescht durch falsche Vorspiegelungen zur Erbringung des Beweises vom Ableben ihres unglücklichen Mannes zu veranlassen, damit ihr der Weg zur abermaligen Verehelichung offen stände, — wie ihr die kluge Jentele rieth, — denn sie wollte sich mit diesem Gedanken gar nicht vertraut machen. Die kluge, stets auf ihren Vortheil bedachte Jentele, kümmerte sich aber gar wenig um die Denkungsart ihrer Freundin, sondern lenkte und handelte wie es ihr am besten zusagte, aber keineswegs etwa, um des verblendeten und mystifizirten Beschts Zwecken dienlich zu sein, ihr schwebte ein anderes Ziel vor Augen. Ihr Bruder, der Rabbiner zu Jaslowicz, hatte seine Frau durch den Tod verloren und war noch Wittwer. Jentele's sehnlichstes Streben ging nun dahin, die würdige Ester sich zur Schwägerin zu machen. Sie verschwendete ihre ganze Ueberredungskunst, um sie mit dem Wiederverheirathsgedanken vertraut zu machen, aber umsonst, Ester blieb standhaft; sie glaubte durch lebenslanges Wittwenthum den Manen ihres Gatten eine Genugthuung zu gewähren. Ihr edles Herz, und ihre zartbesaitete Natur sträubten sich dagegen, während ihr so früh dahingeschiedener Gemahl im Grabe modere, für sich Glück und Genuß in den Armen eines Andern zu suchen. Allein Jentele war durchaus nicht die Person, sich von ihren Plänen so rasch abbringen zu lassen. Aus ihrer langen Vertrautheit mit Ester wußte sie, daß der frivole Bescht Esters Unschuld schon in ihrer frühesten Jugend nachgestellt, daß sie ihm eines Tages, da ihr Schreien ihr nur wenig gefruchtet hatte, weil ihre Eltern und das ganze Hausgesinde abwesend waren, sich mit den Zähnen wehrend, ihn so heftig gebissen, bis er sie loslaffen mußte. Mit diesem Zeichen ausgerüstet, hoffte sie Bescht giltige Beweise zu entlocken und so bewog sie ihren Mann, nochmals diese beschwerliche Reise zu wagen. Sie hatte sich auch nicht getäuscht. Es gelang ihm, Bescht ganz in die Falle zu locken, d. ihm die tatsächlichen Beweise vom Hinscheiden Chaims zu entlocken. Bescht genügte jenes Zeichen, um an Esters Neigung zu glauben und sich den schwindlichüen Hoffnungen aus baldige Erfüllung seines Herzenswunsches hinzugeben. In seiner Verblendung strengte er sich an, eine nicht anzufechtende Bescheinigung von dem Tode Chaims durch die beiden Rabbiner und Rebbes Pinchesel Korezer und Bär Mezeritzer zu erbringen. Sie gaben an, ihn, Chaim, von Jaslowicz aus gekannt, ihn während seiner Krankheit besucht und ihn sterben und bestatten gesehen zu haben. Er drängte Chaskel, so schnell als möglich heimzukehren, um Ester vom Hinscheiden ihres Mannes zu überzeugen und wenn sie sich geniren sollte, behufs Verehelichung mit ihm direct nach Mendziborz zu kommen, so möge sie ihm Ort und Tag angeben, wo und wann sie mit ihm zusammentreffeu wolle So sehr auch Rabbiner Beer Ester von den Eheseffeln frei zu wiffen wünschte, weil auch er es als das höchste irdische Glück angesehen haben würde, sie sein zu nennen, so konnte er doch nicht umhin, jene Todtenbescheinigung durch die beiden Handlanger Beschts und des Chassidismus vom moralischen Standpunkte als nicht ganz glaubwürdigzu beanstanden. Leute, die mit Bescht unter einer Decke steckten, erweckten bei ihm den Argwohn, sie könnten, um Bescht einen Liebesdienst zu erweisen, auch falsches Zeugniß ablegen. Er legte daher diesen Fall dem damaligen Lemberger Rabbiner Chaim Kohen Rappaport zur Begutachtung vor: Dieser aber meinte, weil es sich hier darum handle, eine Frau aus unendlichem Wittwenthum (tekanoth agunos) zu erlösen, so genüge ja nach talmudischer Annahme selbst die absichtslose Erzählung eines Nichtjuden. Man solle in keiner Beziehung talmudischer sein, als derTalmud. Diese günstige Entscheidung flößte der ebenso unternehmenden als klugen Jentele frischen Muth ein, um mit erneueter Kraft auf ihr Ziel loszusteuern, allein vergebens. Ester war aller Welt zugänglich, leihte aller Welt ihr Ohr wo es galt gut, mitleidig oder gar verzeihlich zu sein, aber wo es sich um ihre innere Ueberzeugung, ihre Pietät handelte, da war und blieb sie felsenfest. Als daher Rabbiner Beer seine Schwester um das Ergebniß ihrer Anstrengungen fragte, meinte sie, er müsse selbst sein Heil versuchen. Allein wie? Seit der Zeit, daß Jentele mit Ester von einer Verbindung mit ihrem Bruder sprach, mied sie auffälliger Weise seine Gegenwart, und der Rabbiner durfte wohl den Anstand nicht verletzen, eine alleinstehende Frau zu besuchen. Es wurde daher beschlossen, einige Zeit verstreichen zu lass n, in der Jentele keine Silbe über Verheirathung mit ihrer Freundin reden solle, um sie so in den Glauben zu wiegen, man habe den Plan ganz aufgegeben; dann aber irgend eines der unschuldigsten und unverfänglichsten Mittel auffindig zu machen, sie mit ihm zusammen zu führen. Und Jentele war die geeignete Person, diesen Plan mit allen Klugheitsmaßregeln auszuführen. (Forts, folgt.)