Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 41. (7.10.1880)
- Date
- 1880-10-07
- Page
- Seite 344 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 344 des Nationalwohlstandes einheimse, den Grundsatz ignorirend, daß das Volksvermögen sich aus dem Besitz der Einzelnen summirt. Aber es ist wahr, daß der mobile Besitz allein nur Neid erzeugt, nicht aber auch Ansehen und Macht giebt. Derselbe repräsentirt das Individuum, und wenn dieses nicht aus sich herausgeht und sichtbar unter die Gesellschaft tritt und an ihren Jnteresien und Lasten theilnimmt, so erklärt sich bis zu einem gewissen Grade die Jsolirung, welcher kein Gesetz entgegenwirken kann, da sich die öffentliche Meinung — ein Jmponderabile — nicht reguliren läßt. In die sichtbare Gemeinsamkeit der Nation tritt der Einzelne und eine ganze Gesellschaftsklaffe, wenn sie an ihrem Grund und Boden Antheil gewinnt und sich seßhaft vor Aller Augen macht. Das deutsche Judenlhum hat es bisher versäumt, aus den fluctuirenden Kreisen in die stabilen überzutreten, welche die feste Unterschichte des Staates bilden, denn sein Landbesitz ist geringfügig im Verhältniß zu seinem mobilen Vermögen. Daß es verhängnißvoll werden kann, auf der Oberfläche der wirthschaftlichen Strömungeu fortzuschwimmen ohne Halt in den Tiefen, wird heute angesichts der Erfolge der Judenhetze in Deutschland für Niemanden mehr ein Zweifel sein können. Ganz anders haben sich die Verhältniffe in Ungarn gestaltet. wo das Judenthum sich auch insoferne nationalisirt hat, als es an Grund und Boden Antheil erwarb und von diesem Fundamente aus sich an der Politik betheiligte, ohne genöthigt zu sein, an die Rockschöße einer Partei sich anzuklammern, von deren Gunst es seine politischen Rechte fristete. Der ungarische Jude ist Grundbesitzer und in allen Parteien vertreten und bewährt. Der Scherz Deak's in der zweiten Session des Reichstages von 1867 hat seine ernste Seite Wahrmann gehörte bekanntlich damals zur Deak-Partei, Eduard Horn zu der Gruppe Tisza, Ignaz Helsy zu der äußersten Linken; als zufällig die Drei beeinanderstanden, winkte Deak Tisza zu sich und sagte, auf die Gruppe hinweisend: „Der ist mein Jud, der andere ist Dein Jud, der dritte ist jener ihr Jud." Aber zwei derselben waren die wirthschaftlichen Führer und Berather ihrer Fraction, der dritte der Leiter der seinigen und er hatte, als der kernmagyarische Chauvinismus über die deutsche Bildungsstätte in Pest herfiel, allein den Muth, der Vernunft Zeugniß zu geben auf die Gefahr hin, seine Popularität in die Schanze zu schlagen. Diese Stellung des ungarischen Judenthums resultirt wesentlich aus seinem Landbesitz, der die sichtbare Gemeinschaft mit den Jnteresien der Nation herstellt und Herrn Jstoczy den Vorwand benimmt, den Herr Stöcker für seine Judenhetze verwendet, daß die Angegriffenen nämlich nur eigene, keine nationalen Jnteresien verfolgen. Das Stück Acker, das der Politiker selbst bewirthschaftet, giebt in den Augen des Volkes mehr Ansehen und Macht, als die Million, die er in der Brusttasche trägt. Die Wahrheit dieses Satzes bewährt sich positiv in Ungarn und das deutsche Judenthum muß sie heute nothgedrungen erkennen. Mit der Reichstagsverhandlung am 28. September wird die Judenhetze in U n g a r n wol für eine gute Zeit begraben sein; in Deutschland kann sie noch Orgien feiern, aber es läßt sich doch nicht denken, daß eine hochgebildete Nation dem Exceß nicht an dem Punkte ein Ende machen wird, da er sie um ihr internationales Ansehen zu bringen geeignet ist. Es fehlt nicht mehr viel dazu, denn bereits schüttelt man im Auslande über diese mittelalterlichen Feldzüge den Kopf, denn man begreift nicht, daß es Hoftheologen gestattet sein kann, die Führung der gemeinen Jnstincte der niedrigen und allezeit gegen jeden Besitzenden leicht aufzureizenden Mafien zu übernehmen. Man sagt, der Kaiser und der Kronprinz hätten die Agitation schon ausdrücklich mißbilligt; an der preußischen Reg ier u n g wird es sein, sich eben so correct zu erklären, wie die ungarische, daß sie mit den Wühlern keine Art von Gemeinsamkeit habe. Eine Mittheilung dieser Art fängt an dringend zu werden. (Wien. „Pr.") Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 30. September. Die „Voss.-Ztg." schreibt: Am Freitag Abend fand im Saale der Berliner Flora wieder eine jener christlich-socialen Versammlungen statt, in denen Herr Hofprediger Stöcker seine Brand- und Aufreizungsreden gegen die Juden und das Judenthum zu hallten pflegt. „Hat sich das moderne Judenthum ein wenig gebessert?" lautete diesmal das Thema. Unter dem schlecht verhüllenden Deckmantel heuchlerischer Floskeln, wie: „Ich nehme bezüglich des Judenthums den denkbar mildesten Standpunkt ein", trat der rohe und fanatische Judenhaß dieses christlichen Priesters der Miloe und Nächstenliebe nur in so grellerem Lichte hervor. „Ich will die 500.000 Juden in Deutschland, die sich finanziell, politisch literarisch und social eine solche unendliche Bedeutung angemaßt haben, blos auf dasjenige Maß von Bescheidenheit zurückdrängen, daß ihnen als „Gäste" gebührt.... Treue zum Vaterlande und zum Könige ist von jeher ein Grundzug der Deutschen gewesen. Eine nichtswürdige Judenpreffe (die Herrn Stöcker mit der Fortschrittspreffe identisch ist,) hat unser Volk dieser seiner Nationaleigenschaften jedoch beraubt. Das deutsche Volk ist aber auch von Natur aus ein religiöses Volk, allein eine nichtswürdige Judenpreffe hat es auch um seinen Glauben betrogen; das christliche Volk läßt es sich ruhig gefallen. wenn jüdische Literaten ihre Kirche, ihre Priester bespotten, ihre Heiligthümer schmähen u. s. w." Das sind nur ein paar ans dem Vortrage herausgeriffene Sätze, an denen der Leser sich genügen lassen mag. Wir unsererseits können Herrn Stöcker im Vertrauen sagen, daß die „Vossische Zeitung" nicht zur Judenpreffe gehört und daß die gesammte Nedaction (worüber wir bezüglich des Herrn Stöcker nicht ohne Zweifel sind) gut christlich ist. Um so mehr aber fühlen wir uns aus unserem christlich e n Bewußtsein heraus verpflichtet und berechtigt, Herrn Stöcker zu sagen, daß seine ernste Judenagitation eine Verleugnung des Christenthums in seinem Ursprung und seiner Lehre ist und daß seine demagogischen Hetzreden und seine Aufreizungen zum Haß und zur Verachtung der jüdischen Mitbürger des Gewandes, das er trägt, unwürdig ist. Ein Mann, der in die Goffe zu solch demagogischem Treiben hinabsteigt, gehört nicht auf die Kanzel, und eines der vielen Rälhsel, welche die heutige Zeit zu rathen aufgiebt, bleibt eS, wie die Behörden solchem Treiben ruhig zusehen können, und noch mehr, wie das geistliche Consistorium, das sonst so empfindlich bezüglich der Wahrung der Würde des priesterlichen Standes und Kleides ist (wir erinnern an den Fall Neßler), einem solchen Gebühren, das nachgerade zum öffentlichen Skandal wird, ruhig zusehen kann. Berlin. In der in dies. Bl. bereits erwähnten Broschüre des vr. S. Neu mann „die Fabel von der jüd. Maffeneinwanderung" weist der Verf. nach, daß dieselbe amtliche Statistik in Verkennung der Resultate ihrer eigenen Forschung stellenweise Urtheile ausspricht, welche angethan sind, in Betreff der Juden irrige Vorstellungen zu erwecken. Wenn das nun schon am grünen Zweige geschieht, was kann man da vom dürren Holze erwarten? Kann es da noch Wunder nehmen, daß eben jetzt eine Petition an den Reichskanzler sich