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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-09-10 · N° 37. (10.9.1880) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 37. (10.9.1880)
Date
1880-09-10
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift." Nr. 37. Magdeburg, den 10. September 1880. 11. Jahrgang. Auch ein Martyrium. Der jüdische Märtyrer Dr. Archer Jnowraclawer, dessen Nichtbestätigung durch das Provinzial - Schulcolleg'um von Schlesien wir neulich gemeldet, ist nicht mehr! Nicht der physische Tod, der unerbittliche Feind alles Lebens, hat ihn plötzlich aus der Mitte der Lebenden dahingerafft, ein Beschluß des Provinzial-Schulcollegiums war diesmal im Stande zu lobten und zum Leben zu erwecken. Der „Jude" Ascher Jnowraclawer hat vor einigen Wochen sein kurzes, hoffnungsleeres Dasein geendet und aus seiner Asche schwang sich ein moderner Phönix, der „Christ" Dr. Alfred I n o w auf und erhofft nun von einer hohen Behörde die Bestätigung, die dem Juden Ascher versagt worden war.*) Ueber die Festigkeit und Tüchtigkeit der Gesinnung, welche der neue Märtyrer in diesem Schritte bewiesen, wollen wir nicht sprechen, obgleich wir meinen, daß ein Mann, der sich die Festigkeit nicht zutraute, den Anfechtungen der Behörde zum Trotz in seiner Religion zu verharren, schicklicher gehandelt hätte, in aller Stille dieselbe mit einer materiell nützlicheren zu vertauschen, ehe er die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gelenkt. Aber die Frage können wir doch nicht unterdrücken, was wohl das Provinzial- Schulcollegium zu diesem plötzlichen Glaubenswechsel sagen mag. Formell bat allerdings Dr. Ascher Jnowraclawer die einzige Schwierigkeit aus dem Wege geräumt, welche seiner Anstellung im Wege gestanden. Aber das Mittel, durch welches er dies gethan, ist recht geeignet, jenes angebliche Hinderniß in seiner ganzen traurigen Unhaltbarkeit zu beleuchten. Wird das Schulcollegium den Christen Jnow bestätigen? Bietet der Christ gewordene Jnow für die Erziehung der ihm anzuvertrauenden Jugend wohl eine bessere Garantie als der bei seiner Religion treu verharrende Jnowraclawer? Wir können keines Menschen Herz und Nieren prüfen, und es ist ja nicht unmöglich, daß der Jude Jnowraclawer schon Jahre lang von der „Gnade" erleuchtet und von den „christlichen Heilswahrheiten" überzeugt gewesen sei. Aber nichts destoweniger kann es uns Niemand verargen, wenn wir in der zeitlichen Aufeinanderfolge dreier Ereignisse — der Nichtbestätigung des Juden, des Uebertritts zum Christenthum, der Bestätigung des Christen — einen Schacher mit den heiligsten Jntereffen der Menschheit erblicken, der gerade am wenigsten zum Bildner der Jugend qualificirt. welcher ja vor Allem Ueberzeugungstreue und Gesinnungslüchtigkeit fest ins Herz geprägt werden sollen. Das Judenthum verliert, das Christenthum gewinnt an solchen Neophyten nichts, aber die öffentlichen Zustände leiden darunter, und wenn man auf offiziöser Seite in so eindringlichen Tönen über das täglich überhandnehmende Schwinden von Treue und Glauben im deutschen Volke jammert, so sollte man zuerst den Anfang damit machen, solche Lockmittel zum Wankelmuth und zur Untreue selber aus dem Wege zu räumen. Wir bezweifeln es nicht, daß auch dem Provinzial-Schulcollegium der plötzliche Uebertritt nicht ganz gelegen kommt, denn wir können es uns nicht denken, daß es mit freudigem Herzen einem Manne die Charakterbildung deutscher Jünglinge anvertraute, der, wie es wenigstens durch die obengenannte Aufeinanderfolge der Ereignisse den Anschein hat, eben erst bewiesen, wie wenig Festigkeit er besitzt; und bewiesen — angetrieben durch den Erlaß der Behörde. Wir gönnen ihr von Herzen den Herrn Dr. Jnow, wir gönnen ihr auch die Lehre, die er ihr ertheilt; vielleicht wird sie fortan behutsamer sein in der Nichtbestätigung von Juden — des Judenthums halber. *) Die HH. Schulraty Polte und Gymnasialdirector Schwartz waren die Taufzeugen. Vermischte und neueste Nachrichten. . Berlin. Drei Mormonen, und zwar drei reisende Apostel derselben, an deren Spitze der Missionar Johann Hink, die „Reisenden", Georg Bullich und Moritz Nosenbaum aus Fordon (Ostpreußen), befanden sich jüngst in Berlin, um hier fromme Brüder und möglichst „schöne" Schwestern zu werben, die an den „heiligen" Gestaden des Salzsees ihre Glückseligkeit nach den Lehren Brigham Ioungs finden sollten. Die Behörde kam jedoch hinter die Absicht dieser „Frommen", verhinderte eine Versammlung, welche dieselben für „Zu Erleuchtende" zusammenberufen, sie sistirte die drei „Apostel" und veranlaßte sie, Berlin schleunigst den Rücken zu kehren. Grünberg, 27.^August. Heute fand eine Sitzung der Repräsentantenversammlung der hiesigen Synagogengemeinde statt, in welcher einstimmig der Antrag des Vorstandes angenommen wurde, einen Bauplatz für den Preis von 1500 M. anzukaufen, um auf demselben ein Gotteshaus zu errichten. Cobleuz, September. (Or.-Corr.) Der Bericht über das zweite Geschäftsjahr unseres Armenvereines beziffert die Einnahme auf M. 1824.22, die Unterstützungen an 1383 Durchreisende (1095 Männer, 201 Frauen, 87 Kinder, davon Deutsche 781, Russen 268, Oesterreichs r 280 etc.) auf M. 1627,86, an hiesige 120 M. Der Rest deckte das kleine Deficit des Vorjahres und die Verwaltungskosten. Betrübend ist, daß die meisten Mitglieder mit den Zahlen des Beitrages ihre Vereinspflrcht erfüllt zu haben glauben, nicht einmal der Generalversammlung beiwohnen und noch weniger gewillt sind, das Vorstandsamt zu übernehmen. Mit Müh und Noth fanden sich drei opferwillige Herren, die die Vereinsgeschäfte im laufenden Monat führen wollen. Gelingt es der auf den 26. c. berufenen Generalversammlung nicht, einen Jahresvorstand zu ernennen, dann ist der Armenverein gewesen — und die zudringlichen Hausbettler machen ein befferes Geschäft. Auch deshalb schon sind Bezirksvereine anzustreben, da die Hauptorte in größeren Gemeinden gefunden werden, in denen Leute vorhanden sind, die Einsicht, Zeit und Willen haben, thätig zu sein für die Gesammtheit. Wiesbaden, 25. August. Vor Kurzem wurde auf Veran« laffung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde nach längeren Nachforschungen von Herrn Dr. Baer (Biebrich) der älteste vor mehr als 150 Jahren gesetzte Grabstein auf dem israelit. Friedhofe festgestellt. Der Vorstand der Kultusgemeinde hat die fast unleserlich gewordene Inschrift des Grabsteins renoviren und das Grab selbst schmücken und einfriedigen laffen. Posen. Die hies. isr. Krankenverpflegungs- und Beerdigungs - Gesellschaft hat eine „Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben i. I. 1879" veröffentlicht, aus der ersichtlich, daß die Mitgllederbeiträge sich auf 4699,50 beliefen und die Sammelbüchsen 1644,64 einbrachten. Die Gesammteinnahmen betrugen — abzüglich der Werthpapiere — 14303, die Ausgaben 13605 M., wovon aus arme Hauskranken und Wöchnerinnen 5142 M., auf durchreisende Kranke 186 M. kamen. — Ueber Synagogenbau-Angelegenheit berichte ich Ihnen nach den Feiertagen. Wien. Im hies. Dominicanerconvente wurde vor Kurzem der Conventuale P. Ludwig Adler zum Prior erwählt. P. Ludwig, früher Franz Adler, war als Primaner in Aschaffenburg von seinem damaligen Mitschüler Franz Brentano vom Judenthume zum Christenthume bekehrt worden, widmete sich dem Weltpriesterstande und wurde Miffionär der katholischen deutschen Gemeinde in London. Sein Mitschüler Franz Brentano, der in Münster mit günstigem Resultate Philoso-

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