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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-08-25 · N° 35. (25.8.1880) · p. Seite 303

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 35. (25.8.1880)
Date
1880-08-25
Page
Seite 303 (sequence 7)
Language
German
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seine halbgeöffneten Augen verweilten auf Bescht. Wir folgten der Richtung seiner Augen, wendeten uns zu Bescht um und gewahrten in der That, daß es ihn wirklich fröstelte. „Ich bin fieberkrank", sagte uns Bescht. Der gute Alte mochte wohl eingesehen haben, er habe bei uns ein ängstliches Gefühl rege gemacht und gab sich daher sichtlich Mühe, es zu verscheuchen oder wenigstens abzuschwächen. „Ihr seid Juden, auch ich bin Jude", sagte er uns im einladendsten Tone der Welt, „tretet also nur ganz ungescheuet bei mir ein. Meine Tochter Riwka führt das Wirthshaus ebenso wie früher ihre Mutter selig. Alle Welt kehrt bei uns ein, können die gute Behandlung und das freundliche Entgegenkommen nicht genug preisen und haben so Zadembrowa — so ist der Name des Dorfes — weltberühmt gemacht". Wir folgten seiner Einladung. Wir hatten über zwölf Stunden auf einem Wagen zusammengepfercht gesessen und gegen vierzig Meilen auf dem holperigsten Wege zurückgelegt; Ruhe that uns daher Noth. Bescht aber erklärte, er fühle sich sehr angegriffen und des ärztlichen Rathes und der Hilfe bedürftig. Er theilte es Leib Saras mit dem Ansuchen mit, hier nicht lange zu halten, vielmehr so schnell als möglich eine Stadt zu erreichen zn suchen. „Meine!" rief daher Letzterer seinem Heldenweibe zu, die mit dem Alten in ein Gespräch vertieft war, „Meine!" — unter dem Chaffidim benennen sich die Eheleute nicht, sondern bezeichnen sich durch die Nomina possessiva, die Frau nennt den Mann „Meiner" und er sie „Meine" — „R. Israel Bescht fühlt sich krank und wünscht einen Arzt, er bittet daher, daß wir hier nicht lange halten sollen." — Beim Namen Israel Bescht j spitzte der Alte die Ohren und ließ seine Augen nach allen Richtungen schweifen, als suche er etwas. Indessen erwiderte Sara: „Ein Mann, der im Himmel zu Hause ist und nach deffen Takt, so er es nur will, auch die Engel tanzen müssen, kann kaum eine Krankheit ernstlich fürchten oder ärztlichen Rath suchen." Bescht biß sich in die Lippen, als hätte er einen Frostanfall, aber weder er noch der Schattenmann Leib hatten Muth genug, gegen den Ausspruch dieser Frau Reclamation zu erheben. Es blieb uns daher nichts übrig, als Bescht vom Wagen zu helfen. Was Chaim anbetrifft, verblieb auch er auf dem Wagen in Träumerei verloren, er mußte förmlich gerüttelt werden, um den Wagen zu verlassen. Er gehorchte, folgte uns aber nur mechanisch. Als wir in das Wirthshaus treten sollten, sagte Bescht zu mir: „Eisekel, ich bin sehr krank, das geschäftige Leben eines Wirthshauses wird aus meine angegriffene Gesundheit sehr nachtheilig wirken, übrigens fühle ich das Bedürfniß, allein zu sein, wirst also für mich den Mkoven fordern." — „Warum nicht lieber ein separates Zimmer?" fragte ich. Bescht schwieg. „Ein separates Zimmer, möchte ich bitten," sagte ich beim Eintreten, Bescht am Arm führend oder richtiger schleppend, zu einer Frau, die bei der Küche beschäftigt war. „Hier gibt es nur einen Alkoven", antwortete jene, ohne sich nur zu uns umzuwenden. Ich ging daher auf den Alkoven zu, dessen Thür offen stand und zerrte Bescht, dessen Schwäche zusehends zuzunehmen schien, mit mir. Erst jetzt wendete sich die Frau um und kreischte uns entgegen: „Der Alkoven ist nur für noble Gäste." „Noblere Gäste könnten Sie gar nicht gehabt haben", replizirte ich mit den Augen auf Chaim weisend. Das Weib sah aber nur auf mich und Bescht und lachte so unverschämt laut auf, daß sie sich beide Hüften halten zu müssen glaubte aus Furcht etwa, ihr Zwerchfell könnte reißen. Ich gab mir Mühe, auch dieses Lachen als Bechunat sechok (Anbetracht des personifizirten Lachens) kabbalistisch auszulegen, allein der ausgetrocknete Bescht suchte sich diesmal besser auf mich zu stützen, daß er mich mit seinen ausgedörrten Beinen schier durchlöcherte, und gab meinen Gedanken eine andere Richtung. Auch Chaim schien durch dieses unbändige Lachen aus seiner Träumerei geweckt worden zu sein. Er sa^te Nichts, sondern sah mich fragend an. Mir war es aber m diesem Augenblick einzig und allein darum zu thun, Bescht irgendwo niederlaffen zu können, und ich versuchte daher das Mitleid dieser Frau zu erregen. „Der Mann ist krank, sehr krank! haben Sie um Gotteshimmels-! willen Mitleid!" — „Hier ist kein Spital", sagte jenes Weib in einem so entschiedenen Tone, daß ich nicht mehr gewagt hätte, mich mit ihr in einer weiteren Conversation einzulaffen. Diesmal trat Chaim in den Vordergrund und sagte, sich zu jenem herzlosen Weibe wendend: „Dieser Mann ist aber kein gewöhnlicher Mann. Es ist das jener Mann, von dem Sie gewiß gehört haben. Es ist Reb Israel Bescht." — „Auch ich habe einen Bruder gleichen Namens gehabt, aber dieser Schekez (Scheusal) hat die Mutter, im Ganeden (Pradies) ruht sie! in die Erde gebracht. Stellt Euch vor, meine lieben Leute, ein Junge von kaum zwölf Jahren stoßt seine Mutter so mit dem Fuß, daß sie davon den Tod erleidet." — Ich ließ Bescht auf eine der vielen Bettbänke nieder und wollte Chaim ansehen, was für eine Miene er bei der Mittheilung dieser Frau machte, und begegnete einem sehr bedeutungsvollen Blick, den er mir zuwarf. Wir schienen uns in der That der Mittheilung des Rabbiners Beer, die er an jenen für uns so verhängnißvollen Samstag im Namen Urisch Kazews gemacht, gleichzeitig erinnert zu haben. Sollten wir uns an dem Thatorte, wo sich Bescht eines Muttermordes schuldig machte, befinden? Beschts plötzlicher Fieberanfall, simulirt oder nicht, bekräftigte uns noch in unserer Annahme. — Chaim war übereilt genug, die Wirthshausfrau in einen Winkel zu ziehen, sie auszuforschen und auch ihr seinen Verdacht mitzutheilen, die ihn wieder nicht lange behalten konnte und noch schneller als sie ihn vernommen ihrem Vater mitzutheilen sich beeilte. Der Alte trat bald ein, ging aus Bescht zu, j der auf der Bettbank, den Spodik (Pelzmütze) tief bis in die Augen gedrückt, merklich zitternd, hingestreckt lag. „Riwka!" sagte er zu seiner Tochter, „Rinka, komme doch einmal her und laß uns sehen, ob wir unser Bescht'chen wieder erkennen werden." — „Wenn er nur die Augen öffnen soll, so erkenne ich ihn sofort wieder, sie hatten etwas so Unheimliches, Aengstigendes." — „Ich erkenne ein Pferd, wenn ich es einmal gesehen, aus Tausend heraus und auch nach vielen Jahren und solle mein Kiud nicht wieder erkennen! Das wäre schön!" Der Alte besreiete hierauf Bescht von seiner Pelzmütze und schrie: „O! er ist es! o, daß er es ist! daß ich diesen Schekez Wiedersehen muß — —." Es trat eine feierliche Pause ein. Bescht hielt die Augen fest geschloffen und wagte nicht aufzusehen. Ich war eben im Begriffe mir darüber kabbalistische Combinationen zn nlachen, als der Alte den Bescht mit beiden vor Wuth zitternden Händen ergriff und zu ihm sagte: „Laß doch sehen, wie Du ausgewachsen bist", und er suchte ihn in eine vertikale Richtung zu bringen, allein Bescht spielte den Entkräfteten, den Ohnmächtigen, wie Freund Reinecke Fuchs den Verschiedenen, wollte sich daher nicht auf recht halten. Der Alte versetzte ihm daher mit dem Knie Eins an jener Stelle, die man als Kabbalist als Bechunat achoraim (Anbetracht der personificirten Rückseite) bezeichnen kann. — „Eh! mißhandeln", schrieen jetzt das ehrenwerthe Ehepaar Leib und Sara, welche eingetreten und Zeugen dieser Scene waren, „mißhandeln, das ist nicht schön, nicht jüdisch und einen kranken Menschen mißhandeln, daß ist nicht menschlich." — Kurz und gut, sie legten sich in's Mittel, um Frieden zu machen, aber anstatt des Friedens drohte ein allgemeiner Krieg auszubrechen; denn auch Chaim mengte sich darein, er machte auch der von ihm so verehrten Sarah eine Scene Es entstand ein Gezeter, ein Lärm, kurz ein Wirrwarr; natürlich wollte ich es mir kabbalistisch zurechtlegen, es als bechunath arbubja (Anbetracht des personificirten Wirrwarrs) ansehen. In diesem Augenblicke hörte ich meinen Namen nennen, ein außerordentlicher Schrecken fuhr in meine Glieder, weil man behauptete, ich hätte das Alles angestiftet, ich hätte sogar Chaim aufgereizt, den Schmuck von jener Frau zurückzufordern, die mich mit Ohrfeigen und noch etwas Anderem bedrohete. Ich hielt Sara für eine praktische Kabbalistin, während ich nur ein theoretischer Kabbalist bin, ich hatte also allen Grund, mich leise hinauszuschleichen und auf und davon zu machen; ich weiß daher ganz und gar nicht, was weiter v'orgmg. (Forschung "folgt) ' °

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