Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 31. (28.7.1880)
- Date
- 1880-07-28
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 271 — Chajim Proftak. Historische Erzählung aus der Eutstehungszeit des Chassidismus. Ein, wahre Geschichte aus der zweite« Hätste des 18. Jahrhunderts. (Fortsetzung.) Urisch, der Fleischer, hat seine siebzig Jahre bereits zurückgelegt, und ob zwar sie ihn nicht gebeugt hatten, konnte man es doch seinem runzeligen Gesichte ablesen, daß er sie im süßen Nichtsthun nicht verbracht habe. Sein ergrautes Haupt hatte das Ehrwürdige nicht, welches sonst das Alter einsiößt, vielleicht, weil sein Gesicht einen etwas barschen, ja brutalen Ausdruck hatte, was wohl von dem rohen Handwerk, welches er so lange betrieb, herrühren mochte, aber unter diesem scheinbar strengen Aeußern schlug ein echt jüdisches Herz. Er war Chaim, seitdem derselbe vom Glücke in dis-' Höhe geschnellt worden, nur vorübergehend begegnet, mit Ester stand er zwar in steter Verbindung, weil er in ihrem Aufträge alle Donnerstage an „verschämte" Arme Fleisch zu vertheilen hatte, allein er pflegte mit ihr nur quartalweise abzurechnen. Die Vorgänge in der Gemeinde kümmerten ihn nie. Auch die Bewegung in der Gemeinde, hervorgerufen von Bescht unter Chaims Aegide, ging an ihm spurlos vorüber. Das Gejohle der Prostaken, den nur durch Talmudstudium zu erwerbenden Morenutitel der Talmudkundigen sammt den damit verbundenen Rechten an sich zu reißen, hatte sein Ohr kaum berührt. Zwar von Chajims Betragen in letzterer Zeit gegen Ester hatte auch er viel munkeln gehört, aber weil er zuviel gehört, glaubte er nichts glauben zu dürfen. Erst als Ester in der Synagoge erschien, beschloß er der Sache mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden, obwohl er nichts von alledem was sie mit dem Rabbiner und mit seinen Beisitzern gesprochen, vernahm, aber die gedrückte Art, wie sie auftrat, sagte ihm doch, es müsse etwas Ungewöhnliches unter diesen Lebensgefährten vorgehen, und er machte es fick zur Pflicht, sich davon Gewißheit zu verschaffen. Und er kam im rechten Augenblick. Der brave Mann sah eine Scene vor sich, die ihn sehr befremdete und die er sich nicht erklären konnte. Ester mit dem verklärten Gesichtsausdruck der Resignation zum Gehen bereit. Chajim merklich zitternd, wie vom Bewußtsein eines bösen Gewissens geschüttelt. Weder Ester noch Chajim luden ihren unerwarteten Gast ein, näher zu kommen. Er selbst blieb an der Schwelle stehen, wie er sie betrat, er war von Staunen erfüllt und richtete nur seinen Blick fragend bald auf Chajim bald auf Ester. „So, lieber R. Urisch," unterbrach Ester das Schweigen, „so wie sie mich sehen, muß ich mein Haus verlassen, ein Haus, zu deffen Gedeihen ich so viel beitrug. Aber es wurde mir leicht gemacht, denn auch dieser winzige Raum, die Küche, ist mir in letzterer Zeit zur wahren Folterkammer gemacht worden." Diese Worte lösten Urisch die Zunge. — „Was ist mit Dir, Chajim?" sagte Urisch hierauf zu Chajim gewendet. „Was? Du wagst mir nicht gerade in die Augen zu sehen? stehst da, wie ein Gerichteter! was ist aus Dir geworden? Du warst doch ein recht braver Junge, ich versprach mir viel von Dir und Du versprachst meine Erwartungen nicht zu täuschen. Mit einem Male machst Du Dich zu der Leute Gelächter. Ich will nicht forschen, wer hier imzUnrechte ist, ich will mir nicht anmaßen hier Richter zu sein, aber gefällt Dir Dein Weib nicht, so weißt Du doch, man geht zum Row." Chajim schwieg noch immer, der Mann, der ihn einst von der Gaffe aufgelöst, machte auf.,ihn einen niederschmetternden Eindruck und er blickte wie träumerisch vor sich hin. Urisch legte ihm daher die Hand nur gelinde auf die Schulter, aber Chajim fuhr unter dieser Berührung zusammen, als hätte ihn ein elektrischer Schlag berührt. „Chajim Du zitterst, wagst mir nicht in die Augen zu sehen, findest auch kein Wort für Deinen einstigen Freund, der Dir auch Vater war?" — „Soll sie hier bleiben" ... — brachte Chajinr sichtlich verlegen, und als habe er alles überhört, kaum mit Mühe heraus. — „Aber Du sollst ihr diesen winzigen Raum nicht zur Folterkammer machen ...." In diesem Augenblicke trat Bescht ein. Durch sein geräuschvolles Wesen an der Mesusa, wobei er sich stets zu schaffen machte und wodurch er die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, unterbrach sich Urisch Kazew. Bescht suchte bald den Friedensstifter zu spielen. „Was ist schon wieder vorgefallen? fragte er, sich an Chajim wendend. Ester, durch Urisch's Gegenwart ermuthigt, nahm das Wort: „Sehen Sie, lieber R. Urisch," sagte sie, sich vor diesen stellend, als fürchte sie auch noch jetzt Chajims Faust, vor der sie sich zu schützen suchte, „sehen Sie, wenn mir einerseits dieser Raum hier zur Folterkammer gemacht wurde, so hat es mir dieser Mensch gar zur glühenden Hölle gemacht." — Purpurröthe übergoß Esters Angesicht. Das war für Urisch genug, er wendete sich an Bescht, legte die Hand auf deffen Schulter, wie es immer seine Gewohnheit war, wenn er mit Jemandem ein scharfes Wort zu wechseln hatte und sagt zu ihm also: „Als Du jener fahrenden Komödiantengesellschaft entflohest, unter welcher Bedingung nahm Dich Esters Vater, seligen Andenkens, in sein Haus? Nicht war, nur unter der Bedingung, daß Du ein Büßerleben führen sollst." — „Habe ich etwa nicht Wort gehalten, wann hätte ich je unterlaßen ein solches zu führen?" antwortete Bescht die Augen verdrehend. Ester aber siel triumphirend ein: „Ich habe mich also Gottlob nicht getäuscht, es ist derselbe, der auch mein Belfer war. Nun fragen Sie doch, lieber R. Urisch, diesen lüderlichen Menschen, ob es sich mit einem Büßerleben zusammenreimt, im Geheimen ein ausgelaffenes frivoles Leben zu führen, so daß ich als Kind schon meine Unschuld gegen ihn vertheid i gen mußte und heute noch, in einer Zeit, in welcher mich Kummer, Sorge und Gram schier verzehren, beständig, gegen seine Angriffe auf meine Ehrbarkeit auf der Hut sein muß, befragen Sie ihn darüber, R. Urisch." Es hatte Ester große Ueberwindung gekostet, diesen Umstand im Beisein eines Dritten zur Sprache zu bringen. Sie erröthete bis in den Scheitel. Bescht aber erwiederte in seiner Unverschämtheit, daß er es durch seine beständigen Geistesübungen, losgelöst von den sinnlichen Handlungen thätig sein zu können, schon dahin gebracht habe, daß sein Geist von den sinntäuschenden leiblichen Vorgängen und Verirmngen keine Kenntniß mehr habe. — „Ich verstehe diese Redensarten nicht ganz, soviel entnehme ich. aber daraus, daß Du die Beschuldigung Esters nicht in Abrede zu stellen vermagst, nun so lasse Dir von dem simpeln Urisch ein ernstes Wort sagen, Du weißt, ich kenne Deine Vergangenheit. Du hast Deiner Mutter Tod durch einen Fußstoß herbeigeführt, nun, glaube ich, willst Du Deiner Religion, Deiner zweiten Mutter, auch einen solchen Fußstoß versetzen, indem Du allerhand sinn- und schamlose Lehren als göttlich zu verbreiten suchst." Eine feierliche Stille trat in Folge dieser plötzlichen Mittheilung, von der auch Ester vorher nichts wußte, ein. Auch der sonst gewandte Bescht, der von hohlen kabbalistischen Phrasen vollgestopft, und nie um solche verlegen war, war derart verwirrt, daß er keine Worte fand. Urisch wendet sich um zu Chajim und fragte ihn mit durchdringendem Blick: „Und Du? Was sagst Du jetzt?" Wäre Chajim nicht zu sehr schon in die Netze der schönen Sara verstrickt, es hätten ihm jetzt die Augen aufgehen müffen, so aber schwieg auch er. — „Soweit, Chajim, sind also die Sachen schon gediehen, der Teufel hält Dich in seinen Fangarmen fest! Du bist verloren, unrettbar verloren." — „Verloren!" wiederholte der wackere Alte kopfschüttelnd, dann sich aufraffend sagte er zu Bescht: „Dich mache ich für das mindeste Unbill, welches Ester widerfahren sollte, verantwortlich. Ich will ihr Vater sein. Merkt's Euch, sobald Ihr Euch das Mindeste gegen sie erlaubet, habet Ihr es mit mir zu thun." Bescht und Chajim, die sich mächtig genug fühlten, eine bestehende Ordnung umzustürzen, dem Rabbinismus zu trotzen, fühlten sich unter dem Eindruck dieser Worte des einfachen aber biederen Mannes schier zu Boden gedrückt. Um sich von diesem Alpendrucke zu befreien, schützte Bescht vor, es sei Zeit Mincha zu beten. Chajim, der nicht minder Fromme, durfte auch nicht länger bleiben und so verließen sie Beide das Zimmer, Urisch bei Ester zurücklassend. (Forts, folgt.)