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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-07-21 · N° 30. (21.7.1880) · p. Seite 263

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 30. (21.7.1880)
Date
1880-07-21
Page
Seite 263 (sequence 7)
Language
German
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dem die Chassidim behaupten, er habe die weitesten Räume übersprungen — wobei natürlich auch die Pferde nie fehlen durften —, daß er in die hermetisch verschlossensten Räume eindringen konnte und sie weisen auf jenes unsinnige Märchen hin, das einer der bodenlosesten, vermessensten Lügenfabrikanten erdichte: er pflege in das Scklafkabinet des in ihren Augen ketzerischen Kaiser Josef ll. unsichtbar einzudringen, und ihn wegen seines Gesetzes, welches die Juden zum Besuch ordentlicher Schulen anhielt, hart zu züchtigen. Dieser Leib Saras, von dem man nicht weiß wer sein Vater, wer seine Mutter, wo sein Geburtsort war, von dem daher das neue Lexikon chassidischer Halbgötter (Schein hagdolim hachadosch sub voce) behauptet, es sei ein „heiliger Engel vom Himmel herabgestiegen", (ir wekadisch min schemaja nachith) dieser Mann hatte ein wunderhübsches Weib, Namens Sara, der er seinen Beinamen verdankte, die den unsittlichsten Gebrauch von ihrer Schönheit machte.*) In Gemeinschaft mit diesem feilen Weibe trieb Leib Saras Pferde-Handel. Dieser Mann kam nun mit seinem schönen Weibe, um sich an Bescht zu sonnen. Kaum hatte Chajim ihre Bekanntschaft gemacht, als er ihnen seine Wohnung einräumte; die arme Ester wurde nicht nur ihres Geschmeides beraubt, sondern auch in die Küche verwiesen. Auch die Köchin, die Ester ihre „treueste Seele" nannte, hatte er aus dem Hause fortgejagt. Chaim, Bescht, Leib Saras und die hübsche Sara feierten förmlich Orgien, und Ester litt still und ertrug ihr Leid mit einer Entsagung, die wir nur bei den starken Geistern des edlen Geschlechts begegnen und welches uns zu dessen Verehrung hinreißt. * * * Diesem Gebühren gegenüber konnte Rabbiner Beer nicht länger müßig bleiben. Nachdem sowohl Bescht als auch Chaim ihm in unzweideutiger Wdse den Gehorsam gekündigt hatten, beschloß er, das einzige Mittel gegen sie anzuwenden, das ihm zu Gebote stand, den Bann auszusprechen. Es war Donnerstag Nachmittag, die gesammte Gemeinde wurde in die große Synagoge berufen. Der Rabbiner wies auf die neuesten Vorgänge und die Separationsgelüste hin, die ihn überhaupt veranlaßten, die Rädelsführer Bescht und Chaim vor sich zu laden. Er konnte auch auf sein unverdrossenes Bestreben, die Sache friedlich beizulegen, Hinweisen; Alles wäre vergebens gewesen, sie hatten ihm auf der frechsten Weise den schuldigen Gehorsam gekündigt. Jetzt, da sich noch dazu das unsittliche Treiben mit jenem verrusenen.Weibe geselle, und die angeerbte Keuschheitstugend, womit die Juden sich vor allen anderen Nationen auszeichneten, zu vergiften oder wenigstens in schlechten Ruf zu bringen drohe, da dürfe er in seiner Eigenschaft als Rabbiner diesem Unwesen nicht länger ruhig zusehen. Mit Zuziehung des Siebener-Ausschusses (Time hair), die den Fall geprüft und gut erwogen hätten, sei beschlossen, den schwersten Bann vorläufig über Bescht als Jrrlehrer und Chaim als desien Helfershelfer (messaja), beide aber als Verleiter der denk- und urtheilsunfähigen Menge, zu verhängen. Es wurden nun die heiligen Rollen aus der Lade gehoben, auch die Schoferoth bereits in Bereitschaft gehalten, um sie bei Verkündigung des Bannes ertönen zu lassen, als Ester an der Pforte des Tempels erschien und um die Erlaubniß zum Eintreten bat, um einige Vorstellungen Vorbringen zu dürfen. — „Sie mag eintreten und dieselben erheben," entschied der Rabbiner so laut, daß Ester ihn hören konnte. Ester trat ein, in einen schwarzen Shawl wie eine Trauernde so gehüllt, daß man ihr Gesicht kaum recht sehen konnte, und blieb an der Thür zögernd und verlegen stehen. — „Treten Sie nur weiter vor, kommen Sie bis hierher," sprach ihr der Rabbiner, der dieses Zögern verstand, Muth zu. Ester schritt bis zummußersten Ende der Ostseite, allwo der Rabbiner seinen Sitz hatte, vor. „Nun, würdige Frau, was haben Sie uns zu sagen?" fragte TDurauf 'bezieht' sich wahrscheinlich-das -Eichende Gutachten de- Stanislauer Rabbiners Horowitz in seiner Gutachtensammlung Ben Lewai, in welchem er mit pilpulistischer Gewandtheit zu erweisen glaubt, esvdvt malach muteres (die Gattin eines Engels ist statthaft). sie der Rabbiner Beer. „Ehrwürdiger Herr Rabbiner", entgegnete Ester leise, kaum vernehmbar, „ich wage zu bitten, mit der Verkündigung des Bannes noch einzuhalten und noch einmal einen gütlichen Versuch anzustellen, vielleicht wird es doch gelingen." „Haben Sie Aussicht darauf?" »Das kann ich nicht sagen, aber da ich, sobald der Bann verkündet werden soll, mich werde veranlaßt sehen, auch mein letztes Winkelchen in meinem Hause mit meinen Kinderchen zu verlassen; heute schon bin ich Bettlerin, was werde ich dann mit meinen armen Schäflein beginnen. Bei Chaim ist das Mitleid gegen sein Weib und seine Kinder ausgestorben, sein Herz ist zu Stein geworden . . ." Ester konnte nichts mehr sagen. Rabbiner Beer erhob sich. Er stand lange bis er reden konnte; er empfand tiefes Mitgefühl mit dieser schwergeprüften edlen Seele. Er hätte weinen mögen, eine Thräne schimmerte sogar in seinen Wimpern und doch wollte er seine Rührung verbergen, „Meine Herren! Ester bittet um Aufschub, bittet, es sich nicht verdrießen zu lasten, nochmals zu versuchen, die Sache gütlich beizulegen. Sie hat auch einen Grund angeführt, der uns ans Herz geht und einem jeden Juven einleuchten muß. Der Bann soll also vorläufig nicht verkündet werden. Die Thorarollen mögen wieder in die Lade gehoben werden." — „Ehrwürdiger Herr Rabbiner", Hub Ester nun wieder an," ehe die heilige Lade geschlossen wird, möge mir gestattet sein, dahin zu treten, um mein schwerbeladenes Herz vor Gott auszuschütten." „Treten Sie hin und beten Sie!" Ester trat vor die Lade und betete still und andächtig. Ein Thränenstrom ergoß sich aus ihren Augen. Die Spannung in der Synagoge war eine außerordentliche, man konnte es Jedem am Gesichte ablesen, wie tief ergriffen er war. Als Ester ihr Gebet beendigt hatte und sich anschickte, die Synagoge zu verlassen, rief ihr Rabbiner Beer zu: „Gott möge dein Gebet in Erfüllung gehen lasten"; und ein einstimmiges „Amen" erscholl durch die heiligen Hallen. 8. Ueberraschungen. Ester war kam heimgekehrt, als Chaim zu ihr eintrat. Wie hatte sich dieser Mensch in wenigen Wo Herr verändert! Die Ueberfülle des Genustes geistiger Getränke und die durchwachten Nächte bei Trank, Gesang und Tanz i8chem schomaim (ad majorem dei gloriam) hatten den in den besten Jahren stehenden Mann zum Greis gemacht. Sein sonst von Gesundheit und Frische strotzendes Gesicht war ganz verfallen, blaß und abgespannt. Seine Augen waren aus ihren Höhlen getreten und sahen nur matt vor sich hin; sie nahmen nur Leben an, wenn er in Zorn aufbrauste und grimmige Blicke schießen ließ. — In solcher Verfassung trat er jetzt zu Ester ein, die sowohl wegen seines plötzlichen Erscheinens als wegen seines Gesichtsausdruckes zusammenschrak und sichtlich am ganzen Leibe zitterte. Chaim sah es nicht oder er hatte kein Auge dafür. „Aus meinem Hause", fuhr er sie an, ihr die Thür weisend, „aus meinem Hause! Wer zu meinen Feinden zählt, ist auch mein Feind, und als solchen will ich Dich in meinem Hause keine Minute länger dulden." Ester erhob sich, griff nach einigen Kleinigkeiten, um das Haus zu verlasten, in welchem sie so viele glückliche Tage verlebt, welches sie zu einem wahren jüdischen Hause der Wohlthätigkeit und Frömmigkeit gemacht hatte. „Entblößt von Allem, wie ich Dich ins Haus genommen, sollst Du es wieder verlasten!" donnerte sie der entmenschte Gottbegeisterte an. „Nur für meine armen Kinder will ich etwas mitnehmen", sagte Ester wehmüthig. „Weil sie auch Deine Kinder sind, darum kann ich ihnen nicht Vater sein. Sie haben sich an der Brust eines ungläubigen, von der Ursünde behafteten Weibes genährt, deshalb muß ich sie verwerfen. Fort somit, fort!" Ester blieb hiernach nichts übrig, als zu gehen, von Allem beraubt, zu-gehen. Und sie schritt, ohne auch nur zu seufzen, der Thüre zu. Chaim erwies ihr noch einen Liebesdienst, wohl nicht in guter Absicht, er kam ihr zuvor, ihr die Thür zu öffnen; aber wie er sie aufmachte, , prallte er zurück: UrifchKazew erschien gerade an der Schwelle. (Fortsetzung folgt.)

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