Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-07-08 · N° 28. (8.7.1880) · p. Seite 247

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 28. (8.7.1880)
Date
1880-07-08
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5369809-9583817-9584091--4175-9584098
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 247 Jndigenat Zugelaffenen haben etwa 10 es erhalten, die An« | dern können die nöthigen Papiere nicht erhalten und im October ist das Jahr vorüber, in welchem sie ihr Recht geltend machen dürfen. Dann sind sie Fremde, gleich den 300,000 Andern, von denen man in 6monatlicher Sitzung 50 der Reichsten (die brav gezahlt) oder der Verräther ihrer Glaubensgenossen mit dem Bürgerrecht beschenkt hat. Feuilleton. Chajim Pro stak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus. Eine wahre Geschichte aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weißmann. 7. Die Trennung. Esters Hoffnung, sie werde ihren Gatten von der Gemeinschaft aus dem Scheinheiligen zurückhalten können, erwies sich trügerisch. Auch die so lange und so heiß ersehnte Morenuordtnation hatte ihre Zugkraft verloren. Ester überreichte sie ihrem Gatten in dem guten Glauben, er werde sich hiedurch befriedigt fühlen und sich zu keinem feindlichen Schritte gegen die Morenu's mehr verleiten lassen, allein er nahm das Schriftstück, riß es in Stücken und rief in bethörtem Entzücken aus: „Also werde ich die Macht der Rabbiner oder Talmudträger, die wegen ihres talmudischen Geflunkers ihre eigenen Brüder beherrschen, bedrücken und tyrannisiren, zerreißen." — Ester wurde hierüber ganz bestürzt. „Wie!" rief sie verwundert ans, „wie! Du schenkst jenem Menschen wirklich Gehör? Willst Dich von ihm so weit verleiten und so blindlings ins Schlepptau nehmen lassen?" — „Diesem heiligen Manne sollst Du sagen," glaubte Chajim sie corrigiren zu dürfen. — „Er ist ein Heuchler, ein farinik (Betrüger)", antwortete Ester in ihrer gereizten Stimmung. — „Ester, was ist aus Dir geworden! Du lästerst einen solchen allgemein anerkannten Heiligen," sagte Chajim vorwurfsvoll und raufte sich sein Haar, um seinen Schmerz hierüber zu bekunden und um fernen Worten mehr Nachdruck zu geben. — „Es ist mit Dir jetzt nicht zu reden, ich will eine geeignetere Zeit abwarten um Dir deine Augen zu öffnen," entgegnete Ester. — Chajim kreuzte die Arme, sah sie voll Staunen an, ihm konnte es gar nicht einleuchten, daß es Jemand auf der Welt geben könne, der nicht auch von der Heiligkeit jenes Mannes überzeugt sein sollte. — „Mache nicht solche große Augen, mein theuerer Chajim. Ein anderes Mal sollst Du von mir über diesen Mann Dinge vernehmen, daß Dir die Haare zu Berge stehen werden. Ich finde nur nicht den jetzigen Zeitpunkt für geeignet dazu, Du bist sehr aufgeregt," antwortete Ester auf jenen Blick und schickte sich an zu gehen. Das raubte Chajim seine ganze Fassung, er hielt sie unsanft zurück und fuhr sie mit dumpfer Stimme an: „Du gehest, uns anzugeben, uns unseren Feinden zu verrathen!" Mit diesen Worten steigerte sich seine Entrüstung bis zur Wuth und seine Augen schienen in Blut getaucht und Feuer zu sprühen. Ester lachte darob hell auf und fügte dann hinzu: „Du geberdest Dich heute wie ein Tollhäusler, nichts anderes." Dann entwand sie sich seinen Armen und ging. Ester sah nun nur zu gut ein, daß sie es mit einem Schwärmer ärgster Sorte zu thun habe, sie nahm sich daher vor, nur langsam auf ihn einzuwirken. „Was langsam geht, geht sicher und „auch Regentropfen höhlen Steine aus," sagte sie sich und versprach sich davon den größten und besten Erfolg. Allein diese altbiblische* *) Weisheitsmaxime sollte sich einem Schwärmer gegenüber unwirksam erweiien. Ihn riß eine feindliche Macht so gewaltig auf der schiefen Ebene mit sich fort, daß ein Umkehren unmöglich, der Sturz rapid sein mußte. Bescht hatte schon längst die Prostaken aufgewühlt, daß sie nur auf einen günstigen Augenblick späheten, um ihr Haupt frech erheben zu können. Jetzt, da sich Bescht Chajims *) Siehe Hiob, 14,19, vergewissert glaubte, hielten sie ihn für gekommen. Bald stellte es sich gar heraus, daß der Anhang ein bei Weitem größerer war, als man voraussetzte. Die Juden sind nur gegen Abfallsverlockungen von Außen so zähe. Im Innern aber folgen sie blindlings bent Lockruf eines jedweden Betrügers. Unzufriedenheit, niedriger Ehrgeiz, Rachelust wegen erfahrener Zurücksetzung, waren stets die mächtigen Triebfedern zum Abfall von der Muttergemeinde oder Auflehnen gegen dieselbe. Daß der Mensch seinen Geist dazu mißbraucht, um sein Gewissen zu ersticken und es zu bereden sucht, es geschehe das nur aus purem Eifer für seine Religion, lehrt genugsam das Mittelalter, in welchem die Priester einer Religion der Liebe, zur größern Ehre Gottes raubten, sengten und Frauen, Greise und Kinder mordeten. Auch hier waren es nur die Unzufriedensten der Unzufriedenen, die Niedrigsten der Prostaken, die sich entschlossen, mit Bescht durch dick und dünn zu gehen und dies — feig genug — als erst Chajim ihre Schutzmauer zu sein versprach. Etwas mußten aber diese Leute thun, um ihr Auftreten zu bekunden. Es war damals noch nicht das goldne Zeitalter, das jeder begabte Heuchler und verwegene Betrüger seine Minirarbeit vor den Augen der Welt wagen, die große Trommel zum Abfall, wenn auch unter der Maske eines orthodoxen Israeliten, rühren durfte. Der Abfall war zwar auch damals gestattet, ja sogar belohnt, aber nur zur herrschenden Kirche. Bescht wußte Rath. Eine separirte Synagoge, ein „Betstübel" in irgend einem Winkel mußte gefunden werden, um dort ihren Cultus treiben zu können. Und Chajim seinerseits war in der Ausführung nicht verlegen, er half diesem Bedürfniß auch eilends ab. Er ließ aus Stall und Wagenremise, welche auf seinem Hausflur vis-ä-vis seines Wohnhauses und dem Garten zu lagen, zu diesem Zwecke zwei Zimmerchen, „Stübel" oder „Klause" genannt, einrichten.*) Mit der Einweihung dieser neuen Synagoge wurde nicht viel Aufhebens gemacht. Es fand sich eine ziemlich große Anzahl Prostaken ein, und diese beteten auf einer nie gekannten, nie geahnten Art. Man galoppirte in diesem Stübel herum, wie in einer Reitschule, oder als wäre man von wilden Thieren gehetzt, machte Luftsprünge als brenne ihnen der Boden unter den Füßen, führte Handfechtereien aus, als gelte es gegen Windmühlen zu kämpfen und erhob ein Gezeter, als wäre man von giftigen Schlangen gebissen, oder als gelte es die Tobten zu erwecken. Auch der Vorbeter hielts beim Vorbetpult (Amud) nicht aus. Was Wunder also, daß man ihm nur bei Borchn und Keduschah folgte oder folgen konnte. Sonst verweilte Jeder bei einem ihm beliebten Kapitel und machte dabei die possirlichsten Excursioaen. Der Eine stampfte mit den Füßen und kreischte: „pitum; pitum! Vater süßer! pirutn!“**) der Andere platschte mit den Händen, daß die Luft erdröhnte, rollte wild mit den Augen und schrie: „samim, ‘ theuere, goldene Mama! samim!“ Ein Dritter wieder hielt sich mit beiden Händen den Kopf, bewegte ihn so schwindelnd schnell nach allen Seiten, als wollte er sich überzeugen, daß der Kopf ihm auf dem Nacken fest sitze, und tobte: „86 haischc, se heische, baby baby! se heischa.“ Gleichzeitig stieß aber Einer plötzlich einen Schrei, wie in einem Wuthausbruch aus: „schnajitn lajom, schnajim lajom, hahaha!“ Und wieder ein Anderer kicherte gleich darauf bei den possirlichsten Bocksprüngen: „eth haechad taase baboker, w6th' hascheni taase ben ha-arbajim!“ Andere geberdeten sich wie die Tollhäusler; begleitet mit den lächerlichsten Interjektionen poltert Einer: „w’halo naß raglajim jafin loh;“ worauf ein Zweiter: „harchebh picha w’amalehu;“ und ein Dritter: ,.hodor hu l’chol chassidow!“***) ' (Fortsetzung folgt.) *) Daher nennen die Chassidim noch heute ihre Bethäuser entweder „Klausen" oder „Chassidimstübcl". **) Aus 'der Schilderung der Bereitung des Rüucherwerkes im Tempel zu Jerusalem. ***) Es sind das Alles aus dem Zusammenhang gerissene und durch das bunte Durcheinander in ihrer Zusammensetzung gar lächerlich wirkende Gebetstellen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.