Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 27 (1.7.1880)
- Date
- 1880-07-01
- Page
- Seite 140 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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140 — sehen, um sich besser zu überzeugen; aber er saß wie absichtlich von ihr weggewendet. Je mehr aber Chain: sich von seinen Vorschlägen begeistert fühlte, desto peinlicher wurde ihr dabei zu Muthe. Sie wollte zu widerholten Malen ihrer Mißbilligung Ausdruck geben, allein ihr gesunder Verstand gebot es ihr, damit zurückzuhalten, weil der Wein, wie sie sich sagen mußte, gewiß das klare Urtheil Chaims getrübt hatte, sie ihn auch zu gut kannte und meinte es werde ihn: der Muth fehlen, diesen Mann, den er für heilig hielt, eine bestimmte Erklärung zu geben. Als aber Chaim zu Allem was gesprochen war, Ja! sagte und zuletzt auch die Hand gab, schnellte Ester unwillkürlich empor, als hätte er sich dem Teufel verschrieben. Die Männer sahen sich nach ihr um. Sie gewann aber bald den Gleichmuth und die Ueberlegung wieder. Sie konnte jetzt den Fronten gut betrachten und gleich der erste Blick sagte es ihr, sie habe ihren Belfer vor sich. Sie sah ihn daher mit einem solchen Gesichtsausdruck an, der ihm sagen mußte, sie habe ihn erkannt. Er schlug die Augen nieder, entfernte sich ohne weitere Umstände mit einer „guten Nacht", vergaß aber keineswegs bei der Mesusah wieder seinen Hocuspocus zu treiben. Ester verbrachte ein schlaflose Nacht, ihr ahnte von dieser Freundschaft für ihren Gemahl und ihr Haus nichts Gutes, und sie wollte es abwenden. Die Morenu-Ordination ist im Ganzen der Kernpunkt, um den sich Alles dreht; wie, wenn ich ihn aus dem Wege schaffe? Gleich Morgen nnd in aller Frühe werde ich mich selbst zum Rabbiner begeben und er soll sie mir nicht versagen. — Des Morgens in aller Frühe sehen wir in der That Ester beim Rabbiner eintreten. Derselbe saß auch heute von hoch aufgethürmten Folianten umgeben und seine Frau stand am Kamin, um „etwas Warmes", so ein hellbraunes Gebräu von Cichorie, Waffer und Milch zu bereiten. Ester's Besuch überraschte sie außerordentlich, sie empfing sie mit besonderer Herzlichkeit. Sie lud ihren hohen Gast ein, weiter zu kommen, das heißt nicht an der Thüre stehen zu bleiben und rief ihrem Manne mit freudiger Erregung zu: „Beer, sieh' nur doch, was für einen werthen Gast wir haben." Der Rabbiner schlug seine Augen auf und als er Ester gewahrte, erhob er sich, ging ihr entgegen, begrüßte sie in den freundlichsten Ausdrücken und er selbst rückte einen Seffel zurecht und lud sie zum Sitzen ein. „Wie soll ich sitzen, wenn sie, Herr und Frau Rabbiner, stehen," stammelte Ester wegen dieser unerwarteten Zuvorkommenheit von Seiten des Rabbiners, verlegen. — „Auch Abraham stand und bediente seine hohen Gäste." erwiderte der Rabbiner mit freundlichem Lächeln. — „Ich weiß in der That nicht, womit ich mir diese große Ehre verdient habe?" — „Eine Mutter so vieler Waisen und Wittwen verdient mehr als wir zu erweisen vermögen." — „Ich habe Herr Rabbiner eine Bitte an sie zu richten." — „Nehmen Sie nur gütigst Platz und tragen Sie Ihren Wunsch vor." — „Ich bitte Sie, geehrter Herr, meinen Gemahl die Morenu-Ordination ertheilen zu wollen." — „So nehmen Sie doch nur Platz, es soll sogleich geschehen." — Ester, erstaunt über die Bereitwilligkeit des Rabbiners, ließ sich jetzt auf den ihr dargebotenen Stuhl nieder. Auch der Rabbiner nahm wieder seinen Platz ein, nahm aus der Tischschublade die nöthigen Schreibrequisiten, fertigte die gewünschte Ordination aus, bestreute sie mit Sand, legte sie zusammen und überreichte sie der Bittstellerin. Ester dankte verbindlichst und fragte, was sie zu zahlen habe. — „Die in meinem Consens vorgeschriebene Taxe von einem Dukaten." Ester zahlte ihn bereitwilligst, erhob sich mit den Worten: „Nun, geehrter Herr Rabbiner, werden Sie wohl mir meine Neugierde entschuldigen und die Freiheit, die ich mir nehme, verzeihen, wenn ich Sie frage, warum Sie bis dato damit zurückhielten." — „Weil ich heute das erste Mal eine solche unverdient austheile." — „Warum heute mehr als ein anderes Mal?" — „Weil ich es über mich nicht bringen darf. Sie abzuweisen Und es ist wohl keine Schmeichelei, wenn ich hinzufüge, Ihr Herr Gemahl verdient sie doch — Euretwegen." Ester empfahl sich, der Rabbiner und seine Frau begleiteten sie bis auf die Gasse. Unterwegs stellte sie bei sich einen Vergleich zwischen jenem frauenscheuen Frommen, der gestern ihr Gast war und dem zuvorkommenden Rabbiner, deffen Gast sie heute war, an, der gewiß zu Gunsten des Letzteren ausstel. Hocherfreut eilte sie heim in der Hoffnung, Chajim durch das Morenu-Diplom, das Ziel aller seiner ehrgeizigen Wünsche, zu befriedigen und die Pläne des Bescht dadurch zu vereiteln. (Ende des 6. Kapitels.) Das Kaddisch-Gebet. Die in Petersburg erscheinende hebr. Wochenschrift „Hameliz" bringt eine prachtvoll geschriebene Erzählung, die anscheinend dem Leben entnommen ist und die Aufopferung schildert, welche die Mischehe religiös Gesinnten auferlegt. Ein französischer Kaufmann, Israelit und Deputirter zur Zeit der Republik von 48, Namens Lawrette, empfing die beste Gesellschaft bei sich. Besonders attachirte ein junger neapolitanischer Gesandtschaftsattach6 sich seinem einzigen Sohne Dieser ward geringfügiger Ursachen von dem heftigen Vater einst öffentlich beschämt und verschwand. Vergeblich waren alle Nachforschungen, bei welchen Fürst Lopredo, der genannte Attache, eifrig half. Der Vater siechte hin, die Tochter ward d?m Hausfreunde in Liebe zugethan und die Mutter, eine geborene Lampronti, gab nach des Vaters Tooe das Eingehen einer Civilehe zu. Die Zertrümmerung des neapolitanischen Reiches führte den Fürsten nach Rußland, wo er in der Armee einen hohen Posten bekleidete. Frau und Schwiegermutter galten als Katholiken und hüteten sorgsam das Geheimniß ihres Glaubens, da sonst die Stellung des Fürsten unhaltbar geworden wäre. Die Mutter erkrankte und gebot ihrer Tochter sie zwar als Christin beerdigen zu lassen, uni auch jetzt noch das Geheimniß zu wahren, aber dafür Sorge zu tragen, daß während des Trauerjahres in einer Synagoge Kaddisch für sie gesagt und an ihrem Sterbetage ein Licht brenne und das übliche Gebet verrichtet werde, denn der Sohn, dem dies oblag, war verloren. Wohl hatte ihn die Mutter in Petersburg als Kaufmann wiedergefunden — aber sie hatte sich ihm der Tochter wegen nicht zu erkennen gegeben, obschon ihr Mnttergefühl sie öfters in sein Geschäft trieb, um den Langentbehrten wenigstens zu sehen. Auf dem Todesbette hätte sie ihn gern gesprochen. Doch, weh! der Adreßkalender bezeichnte ihn als Katholiken — er war also doch verloren! Tagelang irrte die Tochter nun die Straßen Petersburgs, nach Juden ausspähend und doch fürchtend, sich Einem anzuvertrauen. Endlich erfuhr sie von einem alten Mazzoth verkaufenden Manne den Namen eines Synagogenvorstehers mit dem Bedeuten, daß dieser ein wackerer Herr sei. Sie bat diesen um eine geheime Unterredung, entdeckte ihm Alles und erfuhr von ihm, daß der Bruder Jude sei und nur als Katholik sich habe einschreiben lassen, weil er sonst sein Geschäft nicht hätte betreiben dürfen. Am Jomkippur besuche er die Synagoge. Doch nun mochte sie dem Bruder den Tod der Mutter nicht mittheilen, damit er sich nicht als Jude verrathe. Sie zahlte reichlich für den Kaddisch und stiftete 100'Rubel, für deren Zinsen das Jahrzeitgebet gehalten werden sollte. Einige Wochen daraufaber löste der junge Herr Lawrette sein Geschäft auf, erschien in der Synagoge, um Kaddisch zu sagen, spendete einen silbernen Leuchter hinein, auf welchem das Jahrzeitlicht für seine Mutter gebrannt werden sollte und schickte dem edlen Vorsteher ein kunstreich gearbeitetes Petschaft. Die Schwester hatte sich ihm zu erkennen gegeben. Die Jahre gingen hin. Bei Plewna schwerverwundet starb der General Lopredo, und feine Wittwe mit ihren 4 Kindern verließ Rußland — wohl um mit dem Bruder vereint in der Heimath offen die väterliche Religion zu bekennen, der sie im Herzen nie untreu geworden ist. So war es das Kaddischgebet, das die Geschwister aus den Jrrpfaden der Mischehe wieder auf den rechten Weg zurückführte. Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer in Magdeburg. Truck von H. Horvach in Barby. Verlag von Rodert Friele in Leipzig.