Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 27 (1.7.1880)
- Date
- 1880-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Kamtz, 21. Juni. (Or.-Corr.) Die Lundenburger Gemeinde hat dieser Tage einen herben Verlust erlitten. Der Oberlehrer der dortigen öffentlichen isr. Volksschule, Herr M. Kobler, der auch in der hiesigen Gemeinde eine Reihe von Jahren als Oberlehrer segensreich gewirkt, ist am 19. d. M. im Badeort Luhatschowitz. gestorben. Herr Kobler gehörte zu den wenigen jüd. Lehrern im Kronlande, die sich nicht nur durch pädagogische Fachkenntniß, sondern auch durch gediegeues hebräisches Wissen vortheilhaft auszeichnen. Paris. Tüe Berichte über das Vorhaben des R. Israel Salanter, hier einen polnischen Rabbiner an eine polnische Gemeinde zu bringen, scheinen das Vorhaben vereitelt zu haben. Ein recht ingrimmig geschriebener Artikel im „Hamuggid" wüthet gegelt die Correspondenten, die so zur Unzeit geplaudert haben, gesteht aber das Vorhaben im Wesentlichen zu und will nur der Welt weiß machen, daß die Consistorialrabbinen nichts dagegen gehabt haben. Wenn nichts wird, können sie ihre Zustimmung geben! — Eine sehr bedeutende Zahl Israeliten (24 Maler) haben im diesjährigen Salon ausgestellt: Motive aller Art, selbst des christl. Cultus — aber Nichts vom Judenthume und jüdischer Geschichte. Der Preis der Akademie der schönsten Künste für die Geschichte „der Notenschreibung seit ihren Anfängen" ist Herrn Ernst David (Isr.) gemeinsam mit seinem Mitarbeiter und Freunde Herrn Mathis Lustig im Betrage von 3000 Frcs. zuerkannt worden. Bayonne. Die isr. Jugendgesellschaft zur Verbreitung der Künste und des Handwerks hat unter Anderen einen Preis von 100 FrcS. für ein Mädchen von 18 Jahren, welches 5 Jahre dastelbe Handwerk betrieben und sich durch Fleiß und gute Führung ausgezeichnet hat. Dieser von Madame Bernal gestiftete Preis ist auch in diesem Jahre einer Dame verliehen. (Un. isr.) Petersburg. Das Buch des Pros. Chwolson über die Blutanklage hat ein grusinischer (christl.) Geistlicher, Zacharias Pocheischwili, in's Grusinische übersetzt (die in Kutais übliche Sprache.) Warschau Seit zwei Jahren wird im Schooße der Gemeinde, welche di» Synagoge in der Plomsakie-Straße besucht, der Plan ventilirt, eine Bibliothek, natürlich von Werken der jüd. Wistenschaft, zu begründen. Endlich ist man an die Ausführung gegangen. Unter Vorsitz des vr. Zilkow ist ein ögliedriges Comit6, darunter Herr Slonimsky. Redacteur der „Hazefira", vom Vorstande mit der Bibliothekangelegenhcit betraut worden. Dieses erläßt nun eine Aufforderung um Geschenke von Geld und passenden Büchern. Das Porto soll vergütet werden. Odessa. Der hiesige Zweigverein zur Verbreitung der Wissenschaft unter den Juden Rußlands erzielte 1879 eine Einnahme von 2391 Rubeln und verausgabte 2048 Rubel an Gymnasiasten, Realschüler, Mädchen, welche höhere Schulen besuchen, an 3 nach Absolvirung der Realschule, an der Ackerbau- und Forstacademie Studirende u. s. w. Der Fonds des gegenseitigen Hilfsvereins beträgt 53,937 Rubel, wovon 11,821 Rubel an Mitglieder ausgeliehen sind — dazu sind in Casta 6431 Rubel. Plonsk. Der Führer der Lichtfreunde, Herr Abraham Melcarsko, starb hier, 43 Jahre alt, müde und matt durch die Verfolgungen und die Anfeindungen cher Orthodoxen, die ihm nach dem Tode alle Ehre erwiesen — hatten sie ihn doch nicht mehr zu fürchten. Er war ein tüchtiger Kenner der jüd. Religionsphilosophie; den More, Jkkarim und Kusari hatte er fast wörtlich inne. Ein von ihm verfaßtes Werk blieb Manuscript, konnte er doch kaum den Unterhalt für sein Werb und seine 7 Kindern erschwingen, die vollständig mittellos geblieben sind. (Hazefira) Amerika — ist das Land der Originale. Als für Irland gesammelt wurde, haben auch die Juden und sogar die jüd Vereine wacker beigesteuert. Darunter auch eine Loge der Benai Berith, welche jede Unterstützung der Alliance abgelehnt hatte! Feuilleton. Chajirn Prostak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des ChassidisMus. Eine wahre Geschichte aus der zweiten Hätste des 18. Jahrhunderts von A. ö. Weiß mann. (Fortsetzung.) „Wie Sie wissen, ist ja eben das Lesen und Verstehen hebr. Bücher meine schwächste Seite," seufzte Chaim. — „Die Kabbala hat eben noch diesen Vorzug, daß man, um dieselbe zu erfassen, gerade nicht gelehrt sein muß, und auch darin ist sie grundverschieden vom Talmud. Es gibt Leute, die bis zn ihrem Lebensende Nichts als Talmud lernen, und doch darin nicht zu einem hohen Grad gelangen, während aber die Kabbalehre von einer eingeweiheten Person weiter überliefert, in kürzester Zeit mit der größten Gewandtheit sowohl theoretisch wie praktisch geübt werden kann. Noch mehr grade der, welcher des talmudischen Wissens baar ist, dessen Geist nicht getrübt ist, der hat recht eigentlich die Anlage, sich mit ihr vertraut zu machen." — „Und Sie, Sie selbst wollen mich in dieselbe einweihen?" fiel Chaim überrascht ein. -- „Ja ich will es und ich will noch mehr, ich will, daß diese göttliche Lehre Gemeingut aller echten Juden werden soll. Wir sollen sie nicht für uns in Pacht nehmen, wie es die Rabbiner mit dem Talmild gemacht haben, sie haben ihn mit Zusätzen, Erläuterungen, spitzfindigen Erklärungen umgeben und ihn so für Viele unzugänglich gemacht; wir aber müssen bemüht sein, die Chochmannistarah allen beizubringen, Alle zu Propheten vorzubereiten. Denn wir müffen suchen Alle gleich zu sein. Es soll kein Rangunterschied zwischen uns bestehen. Morenu und Chaber soll ausgemerzt werden. Entweder sind wir Alle Chaberim oder alle Morenu's. Und dieses große Werk der Befreiung aus der talmudischen Knechtschaft können Sie nur. Sie allein ausführen. Sie haben Macht, Einfluß und Ansehen dazu. O! R. Chaim, Sie waren dazu ausersehen, der Messias unserer unterdrückten Brüder zu sein. Die Zeit ist dafür günstig. Ein Bathkol hat sich heute für Sie entschieden. Die nöthige Weihe dazu will ich Ihnen ertheilen. Entziehen Sie Ihre Hand dem großen Befreiungswerke nicht." Mit diesen Worten füllte Bescht die Gläser. „Nun kann ich auf das bevorstehende Befreiungswerk trinken? Erklären Sie sich dazu bereit?" drang er in den bereits unzurechnungsfähigen Messias. „Ja! ich bin bereit, Ihnen zu folgen bis-". Bescht ließ ihn nicht ausreden, „geben Sie nlir die Hand dazu", unterbrach er ihn, ihm die Hand entgegenstreckend. Chaim verweigerte die seinige nicht, und sie schüttelten sie lange. Beide erhoben sich hierauf, riefen einander ein kräftiges „L'chajim" (Vivat!) zu und leerten den Inhalt der Gläser bis auf die Neige. Ester saß bis sitzt wie auf Kohlm da; das hinreißende Auftreten dieses Mannes flößte ihr mehr Angst als Vertrauen ein. Ein Measch, der angeblich aus Frömmigkeit nicht auch einer Frau offen ins Gesicht zu sehen wagt, konnte ihr durchaus nicht sympatisch sein. Dann stiegen in ihr dunkele Erinnerungen und mit ihnen der Verdacht auf, es sei das derselbe Mann, der einst ihr Belfer war. Er stand damals schon im Gerücht der Heiligkeit, aber von welch unheiliger Seite kannte sie ihn. Mußte sie nicht damals schon zu wiederholten Malen im Alter von zehn Jahren seine frechen Angriffe auf ihre Keuschhelt abwehren. Sie liebte es nicht, Jemanden zu verdächtigen, sie wollte darum durchaus diesem Manne ins Gesicht A