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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-06-09 · N° 24. (9.6.1880) · p. Seite 209

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 24. (9.6.1880)
Date
1880-06-09
Page
Seite 209 (sequence 7)
Language
German
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— 209 — — Die judenfeindliche Zeitung „Norve Vremya" ist wegen ihrer judenfeindlichen Artikel verwarnt worden. Melbourne. Herr E. L. Zoks ist zum dritten Mal, Herr I. P. Levien zum ersten Mal in das Victoria-Par» lament gewählt worden. Jerusalem. Der Protestbrief gegen die Schulen ist aus Furcht, dadurch den Schutz des britischen Consuls zu verwirken, in ein Bittschreiben gleichen Inhaltes an die Herren N. v. Rothschild und Sir Montague umgewandelt worden. (Chawazel.) Feuilleton. Chajim Prostak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus. Line wahrt Geschichte aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weiß mann. 5. Das Bath Kol. Der 17. Ab (25. August) des Jahres 1766 war für die polnische Judenheit ein folgenschwerer Tag. Die kleine Nebelwolke, die sich in Jaslowce erhob, hüllte auf lange Zeit, ja bis in die Gegenwart hinein' den Gesichtskreis vieler Tausende von Juden in ein unheimliches Dunkel. Während die bedeutendsten Männer der Wissenschaft im Vereine mit dem großen Juden Mendelssohn, Moses dem Zweiten, daran arbeiteten, die menschliche Vernunft aus mittelalterlicher Geistesknechtschaft zu befreien, schmiedete ein anderer Jude, ein Schwärmer und Schlaukopf, grade für das Volk des Geistes die Ketten geistiger Sklaverei, die bis heute noch nicht zerbrochen sind und gar viele Helle Köpfe umnachtet halten. Als ahnten die Jaslowcer Juden die ganze Folgenschwere dieses Tages, rotteten sie sich schon am frühen Morgen in Gruppen auf dem Markt, in den Gasten und auf allen öffentlichen Plätzen zusammen. Man steckte die Köpfe zusammen, disputirte, eiferte und zankte. Nichts Geringeres erhitzte die Köpfe, als die Frage, ob der Rabbiner recht gehandelt, den einflußreichen, in adeligen Kreisen vielgeltenden Mann mit so wenig Schonung vor ein Volksgericht zu fordern? Wird R. Chajim auch erscheinen? Wird der Rabbiner, wenn Chajim den Gehorsam versagt, auch vor weiteren Schritten nicht zurückschrecken? Over wird er dem gewaltigen Einfluß R. Chajims weichen müssen? Wird R. Chajim es auf's Aeußerste ankommen lassen? Diese und ähnliche Fragen wurden aufgeworfen und mit Leidenschaft erörtert. Es bildete sich aber auch eine Partei, die diesen Schlag von R. Chajim durchaus abgewendet wissen wollte. „Wie wenn wir durch eine ostentative Demonstration den Rabbiner einzuschüchtern suchten? „Wir gehen zu R. Chajim!" ließen sich einige Schreier aus der Menge vernehmen, Leute die R. Chajim wirklich ergeben waren. „Wir gehen zu ihm und fordern ihn zum Widerstande auf." Die Menge liebt den Exceß, sie begrüßte daher diesen Vorschlag mit einem lauten Aufjohlen. Alle Gruppen lösten sich in eineu großen Menschenknäuel auf, der sich nach der Gaste zu, in welcher R. Chajim wohnte, hinwälzte. Vor seinem Haus blieb die durch viele Schaulustige vermehrte unabsehbare Menge stehen. Als man R. Chajim die Mittheilung machte, der ganze Aulem (Gemeindemitglieder) stehe versammelt vor seinem Hause, eilte er an's Fenster, riß es auf, um sich selbst davon zu überzeugen. Kaum hatte ihn aber die Menge erblickt, als die Rädelsführer in ein „R. Chajim soll leben!" ausbrachen, und der Pöbel stimmte nicht nur dreimal, sondern — weil er eine heilige Handlung zu verrichten glaubte — siebenmal in diesen Ruf ein, so daß die Luft erdröhnte. Chajim riß Augen und Ohren weit auf, staunte die Menge seiner Freunde an und fragte, was das Alles zu bedeuten habe. Der Pöbel, der ja selten nach der Eingebung des kalten Verstandes handelt, sondern sich meist von der augenblicklichen Empfindung oder Aufwallung des erhitzten Gemüthes leiten läßt, war auch hier lange um eine Antwort auf diese vernunftgemäße, nüchterne Frage verlegen. Da ermannten sich einige und riefen: „Wir wollen nicht, daß man Euch zur öffentlichen Verantwortung ziehe." — „Meine lieben Freunde," entgegnete R. Chajim, „Euer mir auf so unzweideutige Weise entgegengebrachtes Wohlwollen rührt mich sehr, aber es kann mir doch im vorliegenden Falle nichts nützen, ja eher noch schaden; denn habe ich mich wirklich gegen das Gesetz vergangen, so wäre es mir nur erwünscht, daß ich auch ganz nach der gesetzlichen Strenge büße. Wird nun nach dem Vorgefallenen der Rabbiner rücksichtslos ohne Voreingenommenheit für oder gegen mich und ohne meine Person, meinen Einfluß und meine Sympatie in der Gemeinde zu beachten urtheilen können?" — „Ihr habt aber Nichts verbrochen. Euer Gewissen kann sich hierüber ganz beruhigen. Jeder Andere an Euerer Stelle würde ebenso gehandelt haben." — „Und doch mußte Jochewed blos deswegen sterben, weil sie nur wenige Späne am Sabbath auflas." „Z e l o f c h o d! wollt Ihr sagen," corrigirten ihn Viele. Es fehlte nur wenig und eben derselbe Pöbel der seine innige Theilnahme ihm so offenkundig bezeugte, jetzt schier in ein Hohngelächter wegen eines winzigen I^axsu« memoriae ausgebrochen wäre. So wandelbar ist der Pöbel und seine Gunst. Es war aber noch Rücksicht genug, daß er früher auseinander ging, um erst dann seinen Spott über Chajims Unwissenheit ungezwungen und ausgelaffen treiben zu können. Auch Chajim zog sich jetzt zurück; wie er sich umwendete gewahrte er Ester im Zimmer. „Nun Ester habe ich recht gehandelt?" fragte er sie und fügte hinzu, ohne vorerst ihre Antwort abzuwarten: „Ester, Du sollst mit mir zufrieden und ich Deiner werth sein." — „Und doch wäre es mir nur erwünscht, wenn der Rabbiner sich hierdurch veranlaßt sehen sollte, Dich nicht mehr wie einen gemeinen Gesetzesübertreter vor Aller Augen zur Rechenschaft zu ziehen." — „Ich jedoch fühle mich so strafwürdig, daß ich glauben muß, ich würde mein aufgeregtes Gewissen ohne empfindsame Sühne nie beschwichtigen können" — „Eine solche tiefempfundene Reue allein muß Gott gefällig sein, darf genügen, um sich mit Gott und seinem Gewissen auszusöhnen. Oeffentliche Sühne oder Bußübung ist des Menschen nicht würdig, stumpft vielmehr das sittliche Gefühl ab, verthiert den frommen Sinn, und ist am Wenigsten geeignet, dem Frevel zu steuern, wenn es nicht gar die Bösewichter abhärtet, reizt und ihnen vollends vielleicht auch eine Dulderkrone aufsetzt." „Ich muß es über mich ergehen lassen," seufzte Chajim. — „Ich möchte Alles was ich besitze darum geben, könnte ich schon um diesen Tag älter sein," sagte Ester beklommenen Herzens. In diesem Augenblick meldete das Hausmädchen, das Frühstück sei angetragen. „Ich werde Nichts genießen, ich will heute fasten," meinte Chajim. Ester aber eilte, indkm sie ihrem Manne einen schmerzvollen Blick zuwarf, mich hinweg, um ihre Rührung zu verbergen. Schon um ein Uhr Nachmittags machte der Schamesch die Runde durch die Stadt, und unter dem Rufe „zur Assiphah" (d. h. zur Versammlung) hämmerte er dreimal an die Pfosten der südischen Häuser. Als er bei Chajim vorbeikam, nahm dieser Mütze und Gürtel, schlich sich wie ein Dieb aus seinem eigenen Hause, durcheilte die Gaffen ohne aufzublicken, und athmete erst auf, als er die Pforte des Beth hamidrasch (Lehrhaus) erreicht hatte. Außer Reb Israel Belfer oder Baalschem, wie man ihn später nannte, war noch Niemand da. Chaim warf einen scheuen Blick um sich und sank tief aufseuszend auf seinen Sitz nieder. Reb Israel, der ihn sofort bemerkte, holte eines der auf dem Tisch zerstreut umherliegenden Bücher, blätterte darin eine Weile, schritt dann mit dem aufgefchlagenen Buche auf den Delinquenten zu, überreichte es ihm — es war das Psalmbuch — und wies ihn an, das 27. Capitel bis zum Beginn des Verhörs zu wiederholen. Er gehorchte und das that ihm sehr wohl. Denn obwohl er den Sinn des Psalms nicht verstand, wirkte er auf ihn doch höchst beruhigend; hatte er doch seinen Sinn zu Gott gerichtet, zum Urquell der Seelenruhe und des Seelenfriedens. (Fortsetzung folgt.)

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