Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 22. (26.5.1880)
- Date
- 1880-05-26
- Page
- Seite 193 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 193 — stens eine halbe Stunde nach dem „Lichtbenschen"*) gewesen sein," erwiderte Ester etwas ängstlich. — „Und das sagen Sie mir so frei von der Brust weg! R. Chajim ist also in den heil. Schabbes hineingefahren!" rief Jentele mit einem verschmitzten Seitenblick und in ganz erstaunt thuendem Tone. „Es ging diesmal nicht anders. Chajim führte recht viel Geld und Werthsachen bei sich; sollte er etwa des Nachts auf freiem Felde bleiben?" — „Er hätte sich Reb Herz Goldmann zum Muster nehmen sollen. N. Herz' Geschäfte reichen bis Danzig und Pest und er muß manchmal jahrelang von Hause fern sein, und doch wenn sich ihm ein ähnlicher Fall ereignet, feiert er den heiligen Sabbath in einer Dorf.schenke." — „Auf der Route aber, die Chajim fahren mußte, gab's weder ein Wirthshaus, noch eine Schankstube; auch glaubte er noch rechtzeitig anlangen zu können, aber unsere polnische Straßen, und dazu noch vorn letzten Regen ganz durchweicht, haben es verschuldet, daß er die letzte halbe Meile länger als gewöhnlich fahren mußte." - „Nein, liebe Ester, dem Sabbath gegenüber gelten solche kleine Ausflüchte nicht!" warf Jentele abermals vorwurfsvoll ein. — „Aber um Gott des Himmels Willen bedenken Sie doch, daß aus eben diesem Weg, vor noch nicht ganz zwei Monaten an R. Gumpel ein gräßlicher Raubmord verübt wurde." — „Nun, was glauben Sie, wenn ihm das des Sabbath wegen widerfahren wäre, wäre sein Verdienst etwa gering gewesen?" — Der arme Chajim. der bis jetzt stand, und das seltsame Verhör über sich mit anhören mußte, konnte sich nicht mehr aufrecht erhalten, die Füße versagten ihm völlig den Dienst, seine Augenrollten wild umher, als wollte er eine Zuflucht suchen gegen diese giftig-bissige Schlange. Er ließ sich auf einen Stuhl nieder, und ein langgedehnter Seufzer entrang sich seiner gepreßten Brust, der sich tief in Esters mitfühlend Herz eingrub und ihre innersten Fibern erzittern machte. Ganz verzweifelt ging sie daher auf ihre scheinbare Freundin zu, etwa wie man vor einen Richter tritt, der über Tod und Leben zu gebieten hat, und redete zu ihr so flehentlich mit einer schier von Thränen erstickten Stimme: „Liebe Jentele! und Sie hätten anordnen oder wünschen können, daß mein Mann oder wer immer auf einem so unsicheren Landwege, so mordverdächtigtem Winkel eine ganze Nacht zubringen soll?" — „Ob ich angeordnet, ob ich es gewünscht hätte, als käme es hier auf menschliche Wünsche und Anordnungen an. Hier handelt es sich um Gottes unbegreiflichen Willen! Was wissen wir? Wir wissen nur daß geschrieben steht, daß das Verletzen der Sabbathheiligkeit ein Todesverbrechen ist." — „Aber wir verletzen doch den Sabbath der Kranken wegen, und warum soll man sich nicht aus sicherer Todesgefahr am Sabbath retten dürfen? Unmöglich kann die Religion mit sich t selbst so im Widerspruch sein; unmöglich kann Gott an dem * unzeitigen Dahinscheiden eines Menschen, ich meine an dem leichtsinnigen Sichpreisgeben,. an der Todesgefahr eines Familienvaters Gefallen haben!" sagte Ester diesmal ein wenig gereizt, und eine feine Röthe übergoß ihr schönes Gesicht. — „So ist es, das sündige Geld führt uns in Allem irre. Unmöglich hätte R. Chajim so zähe an dem Leben gehangen, wenn der Reichthum es ihm nicht so werth gemacht hätte, und unmöglich hätte die sonst so fromme Ester sich zugetraut, über den Chillul Schabbes so leichtfertig zu urtheilen," entgegnete Jentele kopfschüttelnd. Es fehlte nur noch ein „Ach!" dazu und die berühmten Worte Schillers vom „Richten mit einem Achselzucken und Verdammen mit einem christlichen Ach!" hätten hier ihre volle Anwendung gefunden. — „So fragen Sie den Fuhrmann, es ist das ein jüdischer Fuhrmann, und Sie sollen aus seinem Munde vernehmen, daß der Lemberger Rabbiner in allen Bethäusern hat publiciren lassen: „man solle der Sabbathfeier wegen auf dem flachen Lande jetzt wegen Lebensgefahr nicht Zurückbleiben." Und der Fuhrmann selbst, war es, der meinen Mann zum Weiterfahren ermunterte;" entgegnete Ester sich in die Brust werfend. *) Segensspruch beim Lichtanzünden, womit der Sabbath im Hause beginnt. — »Sie geben also so viel auf die Aussage eines Fuhrmanns? da haben Sie es, was es heißt: nicht gelernt haben!" erwiderte Jentele boshaft. R. Chajim, der sich bisher alle erdenkliche Mühe gab, seiner tiefen Erregung Herr zu sein, und den für ihn so peinlichen Dialog durch Dareinreden nicht verlängern wollte, konnte nun nicht mehr an sich halten, er sprang wie ein gehetztes Wild aus; „hinaus mit der Bestie!" tobte es in seinem Herzen und nur vor Wuth versagte ihm für den Augenblick die Stimme. Er ließ sich wieder auf seinen Stuhl nieder. Jentele und Ester, beide mochten es ihm aber vom Gesichte abgelesen haben. Jentele suchte daher sich bei Zeiten zu empfehlen. „Guten Schabbes also, meine lieben Freunde," sagte sie sich verneigend und schickte sich an zu gehen. Auch Ester bemühte sich dem Gespräch eine andere Wendung zu geben und auf die Sache zu kommen, um die es ihr eigentlich zu thun war. „Sehen Sie, Jentele, ich habe meinem Manne berichtet, in wie weit Sie sich Mühe gaben, die fragliche Mo - renu-Angelegenheit zu Ende zu führen, und um Ihnen einen Beweis unserer Erkenntlichkeit zu geben, hat er Ihnen ein Präsent mitgebracht . . . ." Bei diesen Worten öffnete Ester ein Etui, in welchem ein Diadem zum Vorschein kam. Es war dies ein Schmuck, welchen die jüdischen Frauen in Galizien auf der Stirne zu tragen pflegen. Ester reichte es ihr hin. — „Es ist am Schabbes gebracht, ich darf es also nicht berühren. Gut Schabbes!" sagte Jentele trotzig, kehrte ihnen den Rücken und ging. — Ester war wie vernichtet, sie blieb an ihrer Stelle wie festgewurzelt und konnte ihre Augen gar nicht von der Thüre, durch welche Jentele verschwand, abwenden. Chajim aber sprang auf wie von einer Pulvermine in die Höhe geschleudert. Er hatte seinen Ingrimm zu lange unterdrückt, als daß er nicht mit doppelter Wuth ausbrechen sollte. Er ballte die Faust und erhob sie drohend ebenfalls gegen jene Thür und schrie mit dumpfer Stimme: „Diese Schlange, diese listige Bestie, diese vornehme Bettlerin, wie sie auf uns herabsieht, wie sie zu verwunden und sicher zu treffen versteht! Und so sind sie alle, die frömmelnden Morenu's. Ester, sie haben es auf mich besonders abgesehen," begann er wieder in einem wehmüthigen Klageton, „Ester, noch heute werden sie mich zu demüthigen suchen, bald werden sie mich vor sich laden, mich des Chillul-Schabbes (Sabbathentweihung) anklagen und öffentlich beschimpfen und verhöhnen. Aber," rief er mit gehobener und verzweiflungsvoller Stimme, „sie werden, sie sollen es an mir nicht erleben. Ehe ich's dahin kommen lasse, lieber — laß ich mich ... taufen." Mit diesen Worten hat er ausgetobt und sank ganz erschöpft in seinen Sessel zurück. — Ester, die seinen Worten anfangs mit ungeteilter, innigmitfühlender Theilnahme gefolgt war, raubten die letztausgestoßenen Worte schier die Besinnung, sie glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen, kreuzte die Arme über die Brust, beugte ihren Kopf vor und stierte ihn mit aus den Höhlen getretenen Augen an. „Du willst vom jüdischen Glauben abfallen? da's willst Du? Chajim, Du kannst das wollen?" Als Chajim nicht antwortete, schrie sie wie wahnsinnig auf: „Lebendiger Gott!" eilte nach ihren beiden Kindern, erfaßte sie beinahe unliebsam, zog sie fest, an sich, umklammerte sie krampfhaft mit den zitternden Händen, als gelte es, sie den Krallen eines wilden Raubthieres zu entreißen. „Gott," flehete sie, „Gott stehe mir bei, diese meine theuern Kinder dir und deiner heiligen Religion zu erhalten, Gott verscheuche den J6zer hora (die bösen Eingebungen) aus dem Herzen meines Mannes!" Dieses von Herzenstiefe kommende Gebet wirkte auf sie beruhigend, sie zog die Kinder an sich, ließ sich in einen Stuhl nieder und heiße Zähren entquollen ihren Augen und sie schluchzte laut. Chajim wurde von dieser Scene mächtig ergriffen. Aufrichtige Reue zerfleischte sein Inneres. Alles in der Welt mochte er jetzt darum gegeben haben, hätte er jene Worte nicht gesprochen, die ihm wie in einem Ausbruche des Wahnsinns entschlüpft waren. (Fortsetzung folgt.)