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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-05-19 · N° 21. (19.5.1880) · p. Seite 180

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 21. (19.5.1880)
Date
1880-05-19
Page
Seite 180 (sequence 2)
Language
German
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— 180 — bitterung gegen die Juden zu wecken. Wir warten noch immer darauf, daß aus den Reihen der conserdativen Partei das erste Wort der Abwehr gegen diese Bestrebungen laut wird. Eine weitere Kräftigung der conservativen Partei würde leicht diese Bestrebungen zu legislatorischen Versuchen verdichten. Die Juven hängen der liberalen Partei an, um sich die Errungenschaften zu erhalten, die sie der Reichsverfassung und der Reichsgesetzgebung verdanken." Mit trefflichen Worten hatte früher schon derartiges judenhetzerisches Gebühren Karl Braun in seinem warmempfundenen Nekrolog, den er in der „Gegenwart" seinem Freunde Herrn B. Oppenheim widmet, gegeißelt; wir reihen sie den „Christlichen Stimmen über die Judenfrage" hier an. „Aber das wenigstens hätte man erwarten dürfen, daß man nicht versucht, ihn (Oppenheim) und seine deutschen Mitbürger gleicher (jüdischer) Confession, sei es aus Rassen-, sei es aus Religions-Haß — der eine wie der andere ist einZeichen von Barbarei, Culturlosigkeit oder Culturrückschritt — für die Hingebung und die Dienste, die sie der nationalen Sache ihr Leben lang gewidmet haben, durch eine, wenn nicht politische, dann doch ethnologische, theologische oder gar moralische — nein, sagen wir lieber unmoralische! — Ausschließung aus der deutschen Nation zu bestrafen. Und das thut man doch heutzutage und zwar nicht etwa unter Berufung auf die Principien der Ketzerrichter, oder auf die Grundsätze der „ständischen Gliederung" des Mittelalters, oder auf das Abpferchungs- und Verhinderungs-System des Polizeistaats; nein, — und das ist gerade das Unbegreifliche und das Niederträchtige bei der Sache — man thut es unter Berufung auf die Wiedergeburt des deutschen Volks, auf die Wiederaufrichtung des deutschen Reiches, auf die Principien des deutschen Nationalstaats. Kaum sind zehn Jahre darüber verstrichen, daß die Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes ausgesprochener Maßen vorzugsweise zu Gunsten unserer jüdischen Mitbürger, den großen Grundsatz der Gleichberechtigung der Confessionenin bürgerlicher, wirthschaftlicher Beziehung verkündet, alle damit inWiderspruch stehendenBeschränkungen aufgehoben und die Befähigung zur Theilnahme an der Reichs-, Provinzial-, Kreis- und Gemeinde-Vertretung, sowie die Bekleidung öffentlicher Aemter allen Deutschen, ohne Unterschiede der Religion und der Raffe, verliehen hat, — da schickt man sich im deutschen Reich an, die Weltanschauung, auf welcher jene Reform des Norddeutschen Bundes ruht, zu untergraben, indem man an die Dummheit und an die Leidenschaften asipellirt^ welche wohl ehedem auch in Deutschland, und in Deutschland leider länger und mehr als bei den übrigen Culturvölkern von Mittel- und West-Europa, ^geherrscht, von welchen wir aber bisher geglaubt haben, daß sie sich heutzutage höchstens noch zeigen bei einigen „interessanten", aber zurückgebliebenen „historisch-politischen Völkerindividualitäten" im Südosten Europas. Kaum sind es zwei Jahre, daß der Berliner Congreß unter Führung des deutschen Reichskanzlers, den großen Grundsatz der religiösen Freiheit proclamirt und einen widerstrebenden Donaustaat, unter Mitwirkung aller Culturvölker Europas, gezwungen hat, ernstliche Schritte zur Verwirklichung dieses Princips auch in dem Lande zwischen den Donau-Bulgaren und den transsylvanischen Alpen zu thun: da machen wir die Wahrnehmung, daß auch bei uns noch, bei den Deutschen, bei dem Volke der Dichter und Denker, und sogar in der Metropole des deutschen Reiches und der deutschen Intelligenz, immer noch Niederschläge des sinkenden Mittelalters exiftiren, welche die Lüfte verpesten und uns auf gleiche Linie mit jenem judenfrefferischen Gesindel in Bukarest und Jaffy herabzudrücken drohen, das heutzutage auch die rumänische Verwaltung und Gesetzgebung verleugnet und preisgiebt. Wir sehen, wie ein Theil unserer Bevölkerung halbwegs jenen „frommen" Reden und jenen pathetischen Pamphleten Gehör schenkt, die, allerdings unter Beifügung von allerlei fein berechneten und vorsichtigen Cautelen, von welchen ich dahin gestellt laffen will, ob sie von der Rücksicht auf den Staatsanwalt oder auf den Anstand dictirt sind, Gesinnungen fördern, welchen der gemeine Haufen mit den Buchstaben HEP vor» mals Ausdruck zu geben gewohnt war. Sollte nicht vor Allem die heutige Judenhetze ein Symptom sein, daß der deutschen Nation die Gefahr droht, eine Einbuße an ihrem geistigen und sittlichen Culturcapital durch Hereinbrechung von Verwilderung und Barbarei zu erleiden? Vereinigen wir uns Alle, welcher Religion und Raffe wir angehören mögen, damit das heilige vestalische Feuer der Civilisation und des Culturforlschritts auf dem deutschen Heerd, auf dem es bisher so hell, so leuchtend, so wohlthuend gebrannt hat, auch in Zukunft nicht erlösche." In der Erfüllung dieser Aufgabe dürfte die „Ministerielle" auch die Lösung der so ironisch von ihr gestellten „Preisfrage", — die sie doch am besten zu beantworten in der Lage ist — am ehesten finden. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. A. Vom Rhein, 7. Mai. Die „Köln. Ztg." von gestern veröffentlicht folgenden Bericht: „Der Verein, welcher sich die Unterhaltung des in unserer Stadt bestehenden jüdischen Lehrerseminars für Rheinland zur Aufgabe gestellt, hat den Rechenschaftsbericht für das dreizehnte Jahr seines Bestehens herausgegeben. Aus diesem ersehen wir, daß die Lehranstalt von 20 Seminaristen aus verschiedenen Gebieten Deutschlands besucht wird; 5 der Zöglinge werden im Herbst dieses Jahres, nach erlangter Ausbildung, als Lehrer entlasten werden. Neben einer vorsichtigen Vermehrung der Schülerzahl hat der Verein eine größere Capital-Ansammlung ins Auge gefaßt, „um die Zukunft der Anstalt zu begründen und gegen die Schwankungen wechselnder Verhältniffe möglichst sicher zu stellen." Indem der Bericht den bisherigen Gönnern der Anstalt den verdienten Dank ausspricht, gibt er zugleich der Bitte um milde Stiftungen für das Seminar Ausdruck. Die Stiftungen und Capitalien, welche dem Institut seit seiner Gründung zugewanvt wurden, haben die Höhe von nahezu 30,000 M. erreicht. Dazu kommen zwei in'Ehrenfeld telegene Häuser, die der Anstalt zum Geschenk gemacht wurden. Die Gesammt-Einnahme und Ausgabe vom 1. Januar bis zum 31. December 1879 betrug 37,895 M. Das Effecten- Conto weist die Summe von 31,575 M. auf. Die Gesammt- Einnahmen in dem nun abgelaufenen Geschäftsjahre erreichten die Höhe von 28,444 M., wovon das Frankfurter Comite aus Frankfurt 3370 M., aus verschiedenen Plätzen 1096 M., zusammen 4466 M. aufbrachte. Die Gesammt-Ausgabe stellt sich auf 20.641 M. Mithin tritt die Anstalt das neue Geschäftsjahr mit einem Ueberschuß von 7803 M. an." Gestatten Sie mir, geehrter Herr Redakteur, auf die Gründe aufmerksam zu machen, welche der gedeihlichen Entwickelung und der allseitigen Theilnahme an der Förderung der gedachten Anstalt hemmend entgegentreten. Die Gründer des Seminars haben wohl fromm und religiös gesinnte Lehrer heranbilden wollen, aber nicht eine Pflanzstätte des S eparatistenthums herzustellen gemeint. Von Tag zu Tag aber mehr entwickelt das Seminar sich zu einer solchen. Der Leiter desselben scheint seiner eigentlichen hohen, fruchtbringenden Aufgabe immer mehr zu vergessen und sich immer mehr als orthodoxen Separatrabbiner von Köln, Rheinland und Westphalen aufzuspielen. Das Seminar ist Nebensache, die beim gesunden Sinne der Kölner Gemeinde sehr erschwerte Bildung einer Austritts gemeinde Hauptsache. So lange nun das Seminar eine so geringe Schülerzahl, wie bisher, aufweist, tritt der Schaden jener verkehrten Richtung nur darin hervor, daß die Beiträge für dasselbe allein von den wenigen Gesinnungsgenossen und der Masse Gedankenloser kommen. Sehr Viele, die den Werth eines jüd. Lehrerseminars, zumal in unserer Zeit, genau zu ermessen verstehen, die mit Feuereifer für dasselbe wirken würden, wenn es nur eine jüdische Lehrerbildungsanstalt sein wollte, halten ihre Förderung zu-

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