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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-05-12 · N° 20. (12.5.1880) · p. Seite 177

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 20. (12.5.1880)
Date
1880-05-12
Page
Seite 177 (sequence 7)
Language
German
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.** *. l/fc — 177 — «8 20,410 «itgezählt. Sab vsr Samens reten. ^me viele Quartiert berech- Der Maren Jahrhat eine rrtei durch und vr. undM. vertreleu M Ortha- Jnleressant nicht in die Rabbinen iber nicht, »er Verlo- Prinzeßin Feuilleton. Chajim Prostak. Historische Erzählung aus der Eutstehuugszeit des Chassidismus. Sine wahre Geschichte aus der zweiten Hälfte des 18. Zahrhundert» von A. S. Weiß mann. (Fortsetzung.) Es war ein niedriges hölzernes Häuschen mit Strohdach, in welchem das geistige Oberhaupt der damals nicht unbedeutenden Gemeinde Joslowce residirte. Ein schnrales Vorhaus führte direkt in die Stube, welche als Speise-, Empfangs- und Studirzimmer, wie Küche, Kanzlei, Schlaf- und Gerichtsstube diente. Zwei kleine Bauernfenster, die auf die kothige Gaffe führten, erhellten den innern Raum derselben. Der Rabbiner war eine schlanke hagere Gestalt. Er saß in eineni vom Zahne der Zeit hart mitgenommenen Stuhle, auf dem auch von seinem Vater lange innegehabten Rabbinatsstuhle, weit zurückgelehnt. Derselbe stand am äußersten Ende des von Rauch geschwärzten Zimmers und vor einem viereckigen, unter dem schweren Joche vieler Folianten seufzenden Tische. Einer der Folianten lag aufgeschlagen in aufgestellter Richtung auf seinen Knieen und über den Tisch herrüberragend. Die hohe Stirn war vom beständigen Studiren und Grübeln von Falten durchfurcht, mit der rechten Hand glättete er seinen langen rabenschwarzen Bart, ihn zugleich mit dem Zeigefinger theilend. Manchmal führte er auch die Spitzen des Bartes zum Munde und hielt ihn mit den Lippen fest, das längste Haar desselben gleichsam wie einen Ariadenfaden festhaltend, um sich mit dessen Hilfe aus dem geistigen Labyrinthe des Talmud heraus zu finden. Während sein Geist so über den Tiefen des Talmudmeeres webete, trat Jentele mit einem „Gott helf!" ein. „Gesegnet die Kommende!" entgegnete der Lernbeflissene, ohne seine Stellung mit dem großen Buch im Schooße auch nur im mindesten zu verändern. Die Eintretende brauchte nur wenige Schritte zu machen, um hart an ihren Bruder heran zu treten. Sie rückte auch einen Sessel ohne vorhergegangene Einladung nahe an den seinigen, und rückte auch ohne Weiteres auf ihren Gegenstand los mit den Worten: „Bruderleben ich habe mit Dir was zu sprechen." — „Das setze ich voraus und weiß auch, daß Chajim Prostak den Gegenstand des Gesprächs bilden wird." — „Woher weist Du das?" — „Weil Du seit einer geraumen Zeit Dein Gehirn mit Nichts, als mit ihm beschäftigst." — „Aufrichtig gestanden verursachen mir diese Leute, sowohl Chajimalsauch Ester,viel Nachdenken. Wenn ich sie manchmal besuche, so überbieten sich Beide an Höflichkeitsbezeugungen und Zuvorkommenheiten, sie fühlen sich durch meine Intimität sichtlich geehrt, — und doch, wenn sich eine günstigere Stellung für meinen Mann darbietet und ich sie für ihn beanspruche, komrne ich immer um eine Stunde zu spät." — „Was ich Dir vom Anbeginne gesagt habe, das wiederhole ich Dir heute; Du hast eine abschüssige Bahn betreten, wenn Du glaubtest, Chajim werde seine Morenu um jeden Preis zu erkaufen suchen, er wollte sie verdienen, er erschöpfte sich im Wohlthun und suchte Jeden und Alle für sich günstig zu stimmen, er wollte den Schein gemieden haben, als habe er diese Ehre erkauft oder erschlichen. Und diesen Anschein hätte es immer, wenn er Deinen Chaskel mit einen! Posten betraut, den er nach dem allgemeinen Urtheile nicht verdient. Chaskel ist bei der öffentlichen Meinung nicht gut beleumdet, ob mit Recht oder Unrecht will ich aus Rücksicht auf Dich jetzt hier nicht erörtern. Hättest Du Dich aber um die Leute verdient zu machen gesucht, wie ich es vom Anfänge gerathen habe, Chajim wäre nicht undankbar gewesen, so aber, da Du beständig bemüht warst, die Morenuangelegenheit in die Länge zu ziehen, mußte es ihnen schon der richtige Instinkt eingeben, woher der eigentliche Widerstand rühre, sie hielten Dich für klug und vielleicht mehr als das, für schlau, und sie schrieben also auf Deine Rechnung all' die Unbill, welche Chajim in der Synagoge widerfuhr. Ihre Freundlichkeit und Zuvorkommenheit ist aber nur äußere Höflichkeit, im Grunde aber hast Du ihr Wohlwollen verscherzt." — „Das glaube ich nicht, und würde auch meine Taktik nie aufgeben, denn früher oder später müßte sie zum Ziele führen, Chajim besitzt Ehrgeiz — wann hat ihn ein reicher Mann nicht gehabt — und wie dürfte er nur bei solcher Blamage, die ihm so oft im Angesichte der Mindesten und Gemeinsten widerfuhr, und die, wie er sich auch sagen mußte, ihm auch ferner widerfahren werde, noch weiter widerstehen können, aber ...." — „Gut! Nehmen wir an, er capitulirte vor der Nothwendigkeit, betrauete Deinen Mann mit einem Dir erwünschten Posten, ich ertheilte ihm die Morenu, was dann? Könnte er ihn nach kaum erlangter Morenu nicht wieder seines Postens entheben?" — „Dann hat er Nichts gewonnen, denn mit einem erkauften Morenutitel kann man noch immer nicht Maftir sagen, und wäre es Dir doch keineswegs benommen, ihn damit wieder zu überhäufen." — „Dazu hätte ich mich aber nicht Hinreißen lassen. So lange ich ihm die Ertheilung der Morenu vorenthalte, hat es bei der Gemeinde den Schein des Rechts, und der Unparteilichkeit für sich, und so oft Chajim sich in seiner ganzen Unwiffenheit zeigt, — was so eklatant beim Maftirlesen geschieht, — müssen selbst seine ergebensten und abhängigsten Freunde meiner Weigerung Recht geben, wenn ich nicht gar als unparteiischer und strenger Rabbiner im Ansehen steige, so aber würde er alle Ehrenämter in der Kehilla an sich reißen und auch gar Parneß werden und in diesem Falle dürfte ich ihn schon seines Ansehens und seiner Bedeutung wegen nicht mehr blamiren lassen und mich mit ihm nicht zu Überwerfen suchen. Die ganze Gemeinde stünde sonst wider mich wie ein Mann auf." — „Was haben wir da über des Kaisers Bart zu streiten, da doch ein von mir nicht berechneter Umstand eingetreten ist, der mich veranlaßt, eine Frontveränderung zu machen. Chajim drohet nämlich Jaslowce zu verlassen, wenn man ihm die Morenu bis Sabbath Nachmu spätestens nicht ertheilen werde, und somit werde ich Dich bitten, diese auszuftellen und sie mir auch, lieber Bruder, heute noch einzuhändigen, ich habe sie meiner Freundin Ester mit Bestimmtheit versprochen." — „Ich verspüre aber heute die wenigste Lust dazu, — mir kommt es wie gewünscht, daß Chajim sich durch die Morenuangelegenheit veranlaßt sieht, Jaslowce zu verlassen." — „Bist Du von Sinnen, was werden all die Leute, die ihren Lebensunterhalt nur ihm verdanken, dazu sagen? sie würden nur Dir alle Schuld beilegen." — „Wenn auch, so werden die Bemitteltern und Reichern auf meiner Seite sein, die es nur zu sehr fühlen, daß sie in eben demselben Maße, wie Chajim gestiegen, gesunken und in Schatten gestellt wurden; auch der ärmern Klasse wird es nicht schwer halten beizubringen, wie gemeinschädlich es für sie ist, daß das Kapital in einer Hand sich aufgehäuft und der Handel sich in derselben conzentrirt habe, daß sie hierdurch zu unfreiwilligem Werkzeuge und geistloser Maschinerie herabgedrückt wurden, was die nothwendige Folge haben muß, daß Einer für Alle denken und Alle von Einem in beständiger Abhängigkeit bleiben müffen." — „Dafür haben sie aber den Vortheil, daß dieser Eine auch für sie sorgt und sie der täglichen Sorge, des beständigen Kampfes ums Dasein enthoben sind." — „Ich glaube kein Jude möchte sich, um welchen Preis immer, seiner Selbstständigkeit, seiner eingnen Denkthätigkeit, Combinations- und Spekulationsfähigkeit entäußern, denn jeder ist vom Spruche durchdrungen: „Besser das Bittere von Gott, als das Süße vom Menschen." — „Lieber Bruder, ich habe durchaus keine Zeit dazu, mich jetzt an den Funken Deines Geistes zu ergötzen, und bitte Dich daher kurzweg die Morenu für Chajim Prostak ausstellen zu lassen, denn ich muß diese noch heute haben." — „Ich aber glaube vom Gegenstände gar nicht abgewichen zu sein, wenn ich bei meinen Ausführungen bleibe und Dir nun erkläre, daß ich diese Morenu nie ertheilen werde." — „Ich sehe es ein. Du bist heute nicht gut gelaunt, glaube aber nicht, mir in der Beziehung widerstehen zu können. Ich komme wieder. Auf Wiedersehen also, lieber Bruder!" (Fortsetzung folgt.) \

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