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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-05-05 · N° 19. (5.5.1880) · p. Seite 164

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 19. (5.5.1880)
Date
1880-05-05
Page
Seite 164 (sequence 2)
Language
German
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— 164 nur seine Zuversicht bewiesen, daß er freien Männern gegen» über steht, die ihn und nicht sich selber hören wollen. Seine Ansichten aber als Feindseligkeit gegen dar Judenthum zu stempeln — ist gerade so gerecht, als wenn Jemand LaSker's Opposition als die Ausgeburt seines Preußen« und EhristenhasieS bezeichnetevr. BellowS stärkster Tadel betraf den Anspruch auf Jnfallibilität, den er im ältern Judenthum zu finden glaubte; und selbst den hat er damit entschuldigt, daß wahrscheinlich „unter keiner andern Voraussetzung in jenen früher» Zeiten eine so wunderbare Geschichte, wie die der JSraeliten, sich hätte verwirklichen können, eine Geschichte, deren mächtige Fäden seither den Aufzug (warp) im Gewebe deS religiösen Lebens der Welt bilden." Wer vr. BellowS auch nur dem Namen nach kennt, wird eine solche Verdächtigung von vorn herein abweisen, vr. BellowS ist der ehrwürdige Führer der unitarischen Kirche Amerika's, d. h. einer Kirche, die nicht in Dogmen, sondern in Freiheit, Gerechtigkeit und Humanität ihren Stolz setzt; ein Mann der feinsten Bildung, des gewinnendsten Benehmens, der zartesten Rücksicht auf die Schwächen Anderer, der tiefsten Herzensgute, die ganz im Stillen schon manches arme jüdische HauS erquickt hat; ein Mann, desien gesellschaftliche Stellung in den erste« Reihen zu suchen, und desien Name als Schöpfer und Leiter der großen Sanitätscommiffion in den Annalen des letzten Bürgerkrieges in unauslöschlichem Glanze prangt. Und wer ihn näher zu kennen das Glück hat, den muß eS geradezu empören, ihm eine Feindschaft und Taktlosigkeit zur Last gelegt zu sehen, für die in seinem ganzen Wesen kein Plätzchen, in seiner mehr als vierzigjährigen öffentlichen Thätigkeit als Geistlicher und Menschenfreund auch nicht die geringste Rechtfertigung zu finden ist. Damit aber Ihre Leser selbst urtheilen mögen, übersetze ich eine Stelle aus seiner „feindseligen" Rede, die Sie Ihren „Christlichen Stimmen über Juden und Juden- Ihum* getrost anreihen können. Wir geben hier die betreffende Stelle: Nachdem vr. Bellows nachgewiesen, daß das nationale Dankfest auf dem Boden des Alten Testaments erwachsen und daß letzteres überhaupt unendlich mehr zur ganzen Gestaltung des amerikanischen Lebens beigetragen, als das Neue, fährt er also fort: „Die Gebete und Gesänge stammen hauptsächlich daher, und es (das A. T.) hat den größten Theil der Bildersprache geliefert, in welche sich die Vorstellungen vom höchsten Wesen kleiden. Nur einen Schatz — vielleicht das Bezeichnendste und Innerste des A- T.'s, sein Herz und seine Seele — nämlich: die wahre Einheit Gottes, die weder Theilung noch Theilnahme zuläßt — diesen hat die Kirche sich nicht angeeignet, ja nicht einmal gebührend geehrt. Darin, daß Ihr die alten Wächter und bis zur Stunde getreuen Vertreter der wichtigsten und größten Vertreter aller überlieferten Wahrheiten, des: „Höre, Israel, unser Gott ist der Einziges" seid, finde ich den besonderen Grund meiner Hinneigung zu Euch. Alle Ehre der unbeugsamen Treue eines Volkes, aus dessen Herzen weder Verfolgung noch Schmähung, noch Haß, noch politische und soziale Unterdrückung eine Wahrheit ausmerzen konnte, welche den Mittelpunkt aller Religion bildet und die einer stets herrlicheren Anerkennung entgegengeht. Die Gelehrten und Frommen der Welt haben sich umsonst abgemüht, Euch zu überzeugen, daß Euere Bibel das nicht gemeint hätte, was sie schlicht und einfach lehrt; daß sie von dem Volke, an das sie sich zunächst wandte, niemals recht verstanden, daß ihr einfachster Sinn der einfältigste und armseligste wäre; daß sie voller Hindeutungen und Vorbilder fi, deren Wohlthat erst den spätesten Geschlechtern zu Theil werden solle. In dem einen Punkte jedoch — in dem Glauben an die Einheit Gottes — habt Ihr und Ihr allein die Festung behauptet ((held the fort), sowohl gegen die Vielgötterei der alten Welt, als auch gegen die Dreigötterei (trltkeism) der historischen christlichen Kirche. Ihr habt sie vertheidigt um einen Preis, wie er für keine andere Wahrheit je gezahlt wurde und, in der That, sie war Eures nationalen Opfers werth. Einst wird die Christenheit Euch den Dank erstatten, den Ihr für dieses unschätzbare Zeugniß verdient; kommen wird der Tag. da Denker, Weise und Heilige anerkennen werden, daß es nichts Empörenderes und Beschämenderes in der christlichen Geschichte giebt, als die bestän « dige Verfolgung eines Volkes, welches ja unmöglich christlich werden konnte, ohne einen zweiten, sichtbaren Gott anzuerkennen und das so lange gehaßt und verachtetet wurde biendlich — nicht religiöse Liebe — sondern politisch; Einsicht nicht zu sagen politische Nothwendigkeit, ihnen theilweise Duldung sicherte." _ Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Der Bericht über das von Moritz und Sarah Reichenheim gestiftete Waisenhaus der jüdischen Gemeinde, pro 1879 (von dem Waisenhaus Director vr. M. Jnlrosinski) enthält zunächst ein beherzigenSwerthes Wort an die Vormünder. Es ist leider die Erfahrung gemacht worden, daß die Mütter der in Wohlthätigkeits-Anstalten untergebrachten Kinder häufig nicht vortheilhaft auf dieselben einwirken, indem sie schädigend in die Zucht und Erziehung dadurch .ingreifen, daß sie Lieblosigkeit, Naschsucht und den nothwendig damit verbundenen Hang zur Lüge unterstützen. DaS Vorwort richtet sich daher an die Vormünder, um ihre Obsorge für die ihnen anvertrauten Kinder ihnen mehr ans Herz zu legen. Kommt es doch gar nicht so selten vor, daß Mündel ihre Vormünder noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Die Ausgaben für die Anstalt betrugen rund 46,000 Mark, zu denen die Gemeinde einen Zuschuß von 18,000 Mark geleistet hat. Es waren im Laufe des Jahres 45 Knaben und 26 Mädchen in der Anstalt. Entlassen wurden 13 Kinder: 5 Knaben und 7 Mädchen; ein achtes Mädchen verstarb an einem Herzleiden nach monatelangeni Krankenlager. Ausgenommen wurden 12 Kinder: 8 Knaben und 4 Mädchen. Die Kosten für Beköstigung beliefen sich auf 164 Mk. pro Kopf, die Gesammtausgaben auf 631 Mk. Den Kindern stoffen Gaben für ihre Sparkassenbücher, zu gemeinschaftlichen Ausflügen, zu kleinen häuslichen Festen, zu Prämien rc. von verschiedenen Wohlthätern und Gönnern zu. Der Bericht erwähnt auch mit Genugthuung, daß die Kaiserin Augusta bei einem Besuche und einer Besichtigung der Anstalt Ihre volle Befriedigung über die Räume und die Einrichtung derselben erkennen zu geben geruht hat. — Es dürfte nicht ohne Interesse und im Gegensatz zu den in unserer Zeit vielfach zu so häßlichem Ausdruck gelangenden confesiionellen Hetzereien als ein erfreuliches Zeugniß religiöser Toleranz anzusehen sein, daß, wie uns mitgetheilt wird, bei der Centralverwaltung der hiesigen jüdischen Gemeinde unter sechs Bureaubeamlen, zwei Personen christlichen Glaubens angestellt sind, (die eine mit einem Gehalt von 3000 Mark, die andere mit einem etwas geringeren), und daß auch am jüdischen Krankenhause, welches eine eigene Bureauverwaltung hat, der einzige Bureaubeamte christlicher Confesiion ist. Es mag auch nicht unerwähnt bleiben, daß zwei Stipendien, welche die jüdische Gemeinde überhaupt zu vergeben hat, in gleichen Beträgen ä 200 Mark für einen Studirenden christlichen und einen Studirenden mosaischen Glaubens bestimmt sind. Ja, es ist der Fall schon vorge-

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