Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 16. (14.4.1880)
- Date
- 1880-04-14
- Page
- Seite 146 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 146 — ihn lästerst, der es auch von Euch verdient, weil er Euch Juden so sehr im Stiche läßt." „Ich bleibe meinem Gotte und meiner Religion treu", entgegnete Chajim bestimmt, fest und begeistert. „So lasse ich Dich wie einen Hund niederschießen." „Ich bin gefaßt." „Ist Dir nicht schade um die Deinigen?" „Ich habe auf dieser weiten und breiten Welt Niemanden." „Wie, bist Du wie ein Pilz aus der Erde geschossen?" „Ich hatte Eltern, habe sie aber früh verloren. Als ich noch Kind war, hatte meinen Vater ein ähnliches Schicksal, wie es mich eben erwartet, ereilt. Graf Potocki erschoß ihn muthwilliger Weise, als er beim Fürsten Jablouowski zu Besuch war. Meine Mutter ftarb aus Gram, Schwestern und Brüder hatte ich nie." „Und diesem Grafen Potocki fluchst Du wohl allstündlich? gestehe die Wahrheit Jud!" „Das thue ich nicht und darf es nicht." „Warum denn nicht?" „Weil meinem Vater nur das widerfahren ist, was mir eben bevorsteht und was ein jeder Schlachziz ungestraft nach Gutdünken verüben darf. Wir sind nun einmal im Goluß (Exil) und müssen dieses ganze Ungemach als eine gerechte Strafe Gottes ertragen, mit Ergebung ertragen." „Aber ihr betet doch täglich, und euer Gebet ist nichts als Fluch auf alle Andersgläubigen." „Gott behüte, wir beten blos, daß er das Herz unserer Machthaber für uns erweiche, oder daß der so sehnlichst erwartete Messias doch endlich erscheine." „Der Messias ist aber schon erschienen." „Glauben es der gnädige Herr doch nicht!" „Wie Jude bist Du so frech oder so unwissend?! Ich sage Dir, daß er gekommen ist, nur habt ihr Juden ihn nicht anerkennen wollen." „Schenke der gnädige Herr sein Ohr nicht unfern ärgsten Feinden. Wie hätten wü den Messias, den wir so sehnlichst herbeiwünschen, nicht mit'Freuden begrüßen sollen?" „Ihr habt nicht nur das nicht gethan, sondern ihr habt sogar eueren Messias gekreuzigt." „Wie wäre das möglich, einem Messias, den Gott sendet, beizukommen." „Diese Lästerung, die euch eure falsche Rabbinen lehren, sollst Du mir, unbesonnener Junge, mit sammt den Rabbinen büßen," sagte schließlich der Graf. Dann befahl er seinen Haiducken, die Schießwaffen wieder einzustecken, den Juden aber in ihre Mitte zu nehmen, ihn so nach Buczacz zu treiben und ihn dort sofort ihm vorzuführen. Dann hieß er dem Kutscher die Pferde die Zügel schießen zu lasten und nach Hause zu fahren. Der befehlende Herr war kein Anderer, als der Graf Potocki, Mojwode zu Buczacz, derselbe, welcher Chajims Vater aus purer Laune erschossen. Die letzte Drohung gegen Chajim war übrigens nicht sein Ernst, weil er nicht zu den Glaubenseiferern gehörte, sie war vielmehr blos Vorwand, um mit diesem armen Menschen, dessen Vater er eigenhändig ermordete, anzuknüvfen. Das erweckte bei ihm ein gewisses Interesse und er war es ja gewöhnt, nur nach Laune zu handeln. Kauvl angelangt, ganz erschöpft, noch außer Athem, von den Haiducken arg zugerichtet, außerordentlich von dem Gedanken gepeinigt, er habe durch eine unvorsichtige Antwort ein großes Unheil heraufbeschworen und daher ganz verstört, wurde Chajim vor den Grafen geführt. Demselben siel die Veränderung des Jünglings sofort auf, und wollte er ihn deshalb befragen, aber Chajim ließ ihm keine Zeit dazu, er bückte sich tief und betheuerte bei Allem, was ihm heilig, daß er Alles was gesprochen aus eigener Eingebung gesprochen habe, er habe also keine Mitschuldige, habe er doch nie Unterricht genoffen, nie und bei Niemandem etwas gelernt. „Bin ich ja so unwissend, daß ich nicht einmal hebräisch gut zu buchst«- biren vermag, und ffarum, o, allmächtigster und gnädigster Herr, lasset nur an mir allein die verdiente Strafe vollziehen, und ich werde selbst bei den gräßlichsten Todesqualen für Euer Heil und Glück flehen." „Was ist Dir denn in dieser kurzen Wegesstrecke widerfahren, Du bist ja gar nicht mehr derselbe?" Chajim fieberte am ganzen Körper, er überhörte diese Frage, ihn überwältigte nur der eine Gedanke, man werde ob seiner Antwort, deren Tragweite er selbst nicht begriff. Unschuldige verantwortlich machen, und hatte nur eine Bitte, ihn, aber nur ihn allein, alle erdenkliche Folterqualen ausstehen zu lassen. „Weder Jemand Anderem, noch Dir soll darob ein Haar gekrümmt werden, ich kenne den Märtyrermuth Deines Volkes, das, wie ich überzeugt bin, eine Freude daran hat, wenn ihm die Gelegenheit sich darbietet, ihn be» thätigen zu können." Der Graf brach plötzlich ab, ihm fuhr ein anderer Gedanke durchs Gehirn. „Hatte nicht auch Jesus, einer der Ihrigen, seinen Märtyrertod muthwillig herbeigeführt? Warum hatte er nicht den ihm zur Last gelegten Delicten bestimmt widersprochen? Warum hatte er zu der Ausflucht: „Ihr sagt es!" Zuflucht genommen?" Hierauf begann der Graf sein großes Gemach mit raschen Schritten kreisförmig zu durchschreiten, blieb jedes Mal als er an Chajim vorbeikam, bei ihm stehen, fixirte ihn einige Augenblicke, einmal betrachtete er ihn lange, und stellte an ihn folgende Frage: „Du erzähltest mir heute, ein Graf habe deinen Vater erschossen, kennst Du diesen Grafen, oder was weißt Du von ihm Näheres?" „Ich weiß nur, daß er sich Potocki nannte und Wojwode von Buczacz war, sonst aber, wie käme ich dazu, eine so hochvermögende Person persönlich zu kennen." „Nun, wo glaubst Du, befindest Du Dich gegenwärtig?" „Im gräflichen Schlöffe zu Buczacz." „Wie nennt sich der Besitzer dieses Schlosses, weißt Du auch das?" „Graf Potocki." „Möglicher Weise auch derselbe, der Deinen Vater erschaffen." Chajim blieb diesmal die Antwort schuldig, er starrte den Grafen mit aus den Höhlen tretenden Augen an und der Gedanke, er stehe vor dem muthwilligen Mörder seines Vaters, der mittelbaren Ursache des frühen Verscheidens seiner Mutter und seines grenzenlosen Elends wirkte auf ihn so bewältigend und niederschmetternd, daß er ohnmächtig zusammenstürzte. — (Fortsetzung folgt.) Dem Andenken des Geschichtsforschers Dr. M. Wiener in Hannover. Gest, den 30. März c. Meertiefe Wehmuth hält mich heut umfangen; Ich steh' im Geist an jenes Forschers Grab, An dessen Lippen lernend ich gehangen Und nun für immerdar verloren Hab'. Ein großer Denker ist zur Ruh' gegangen, Ein Heller Stern an Juda's Horizont, In dessen Ghetto's seine Blicke drangen Tiefblickend, wie es Wemge gekonnt. Nun ist er todt, und wenig Schollen Erde Umspannen den, dess' klarer großer Geist Weit überragte seiner Lehrstatt Zinnen. Groß ist die Lücke, da er ging von hinnen, Der Lehrstuhl, den er zierte, ist verwaist — Er war ein treuer Hirte Juda's Heerde! Max Weinberg. Badegäste finden a ngenehme Wohnung zu civilen Preisen in Haus „Rolandseck“. Bequem in der Nähe des Curhauses und der Koscher-Restauration von Loewenstein gelegen. [2313 Bad-Ems. Frau Dr. Cohn. Israelitische Pension zu Detmold. Es finden noch einige junge Damen sowohl zu ihrer wiffenschafllichen Ausbildung als auch zur Erlernung desHaushalies freundliche Aufnahme bei mir; desgleichen Kinder, die die hiesige, sehr gute höhere Töchterschule besuchen wollen. Frau Wwe. Dr. Fahrenbach, 2330) aeb. Ems. Große Chancen eröffnen sich dem Gründer eines [2370 israelit. Restaurant in einer weltbekannten, stark besuchten Badestadt. Anfragen befördern sub N. W. 68 die Central-Annoncen Exped. von G. L. Daube L Co., Frankfurt a. M. Verantwortlicher Redakteur Dr. Rahmer in Madebura. Druck von tz. Horbach in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.