Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 14 u. 15. (7.4.1880)
- Date
- 1880-04-07
- Page
- Seite 131 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Im Sinne der hochherzigen Spender, welche i« Lande der Freiheit und Vor« urtheilslosigkeit ihrer darbenden Stammesgenossen im alten, z. Z. etwas stark antisemitisch angehauchten Vaterlande liebend eingedenk geblieben sind, hat er den größten Theil der oben genannten Betrages an die Central-Sammelstellen des vater» ländischen Frauenvereins zu Breslau und Oppeln gesandt mit dem ausdrücklichen Ersuchen, die nothleidenden Glaubensgenoffen, welche aus rituellen Bedenken an den Beneficium der Suppenanstalten nicht Theil nehmen können, in anderer Weise schadlos zu halten. Die Adreffe unseres Rabbiners verdankt daS Hilfs-Comit6 in Pittsburgh dem dortigen Rabbiner, Hrn. Dr. L. Mayer, welcher vom Aufrufe in der „Israelin« sche.n Wochenschrift" Kenntniß genommen und der den Namen unseres Geistlichen durch deffen wiffenschaftliche Bei« träge für das „Jüd. Literaturblatt" schon seit Jahren kennt. Welcher Unterschied zwischen Amerika und — Deutschland! Dort wird auf die Anregung eines Rabbiners sofort von Bekennern aller Confeffionen ein Rabbiner mit der Mission betraut, die Armen ohne Unterschied des Glaubens mit Liebesgaben zu bedenken, während hier in den Nothstandsdistrikten Juden in verschwindend geringer Zahl, Rabbiner vielleicht überhaupt gar nicht als Mitglieder den Hilss Comil6s angehören. Wann wird es im Lande der „Anti-SemitenLiga" alias dem Lande der Intelligenz „westlich" zu tagen beginnen? Vielleicht dürfte der ferne Westen jenseits des atlantischen Oceans sich zur Radicalcur eignen für Herren von der Qualität eines Glagau, Marx, Stöcker, Treitschke und ihrer Trabanten, der eottors virorurn obseurorum. Dort würden sie vermuthlich zur Ueberzeugung gelangen, daß der Magen, das Geld und die Tugenden der Menschen interconfessionell rind international sind. Von dieser Ueberzeugung bis zur Anschauung, daß auch die Laster der Menschen, das Elend der Gesellschaft und die Schwierigkeiten der socialen Frage auf interconfeffionellen und internationalen Gründen ruhen, wäre am Ende nur ein Schritt. In Dresden erregt gegenwärtig eine Gerichtsverhandlung, die vor mehreren Tagen stattfand, die allergrößeste Sensation. Man entsinnt sich noch, daß ein Herr vr. Mehnert an der Spitze eines „Reform-Vereins" stand, der ungefähr das bezweckte, was die „Antisemiten-Liga" in Berlin anstrebte und was der Herr Hofprediger Stöcker in seinen Bier-Predigten propagirte. Nun hatte aber über Herrn vr. Mehnert, den Vorsitzenden dieses „Reform Vereins" und über dessen Vater, der sich vom Kleinbürger zum Abgeordneten der Sächsischen zweiten Kammer, zum Director des Landwirth- Ichaftlichen Credit-Vereins und zum Millionär „heraufgebracht" hat, die in Dresden erscheinende „Dresdner Zeitung" allerlei Mittheilungen veröffentlicht, welche Herrn Mehnert senior als eine Art von Wucherer darstellten und seinen Sohn als Helfershelfer bezeichneten. Es war eine Reihe von Fällen angeführt, wo Herr Mehnert nicht nur zu wucherischen Zinsen Baugelder dargeliehen, sondern zugleich durch schlau aufgestellte Verträge Personen um ihr Hab und Gut gebracht, von ihrem ländlichen Eigenthum nach und nach vertrieben hatte. Darauf hin hatte Herr Mehnert senior Klage gegen den verantwortlichen Redacteur der „Dresdner Zeitung" anstellen lassen. Es wurden verschiedene Personen vernommen, so z. B. ein Ehepaar Delfow, das von seiner Besitzung in Mecklenburg durch Herrn „Bankdirector Mehnert" vertrieben worden war, indem das Gut, das das Ehepaar ursprünglich besessen hatte, schließlich durch allerlei Schiebungen an Herrn Mehnert, den Sohn, überging. Die Frau deponirte unter Thränen chre Aussage, und ebenso wurde eine Reihe von and ren Aussagen vorgebracht, die für die Sache des Herrn Mehnert von niederschmetternder Wirkung waren. Der Advocat des Verklagten Redacteurs erklärte ganz offen, nach den nenen Wucher- Lesetzen wäre Herr Mehnert bereits criminell strafbar, und 131 — wenn hier Mitglieder der zweiten Kammer zugegen wären, so würden dieselben sofort eine ehrengerichtliche Untersuchung gegen ihren „Collegen" verlangen. Das Geschäftsverfahren, das Herr Mehnert beobachtet habe, sei allerdings ein solches, von dem man behaupten müsse, daß die betreffende Situation in strafbarer Weise ausgebeutet worden wäre. Auf solche Weise habe sich Herr Mehnert vom kleinen Mann zum Millionär heraufgebracht. Der Proceß endete mit der A b w e i s u n g des Herrn Mehnert und seiner Verurtheilungindie Kosten, während der verklagte Redacteur freigesprochen wurde, unter besonderer Anerkennung Seitens des Gerichts, daß es in der That die Pflicht der Presse sei, derartige Zustände, eine derartige Handlungsweise zu geißeln. Dieser Ausgang des Processes muß natürlich auch zugleich von vernichtender Wirkung für die Stelluug des Herrn Mehnert sein. Mehrere landwirthschaftliche Kreisvereine des Königreichs Sachsen hatten bereits erklärt, so lange mit dem landwirthschaftlichen Kreisverein in Dresden außer jedem Verkehr bleiben zu wollen, bis Herr Mehnert zurückgetreten wäre. Jetzt ist der Rücktritt in der That erfolgt. Auch als Abgeordneter wird Herr Mehnert wahrscheinlich sein Mandat niederlegen müssen und ebenso wird er vermuthlich durch die öffentliche Meinung veranlaßt werden, seine Position als Director des landwirthschaftlichen Creditvereins aufzugeben. Die Entlarvung erregt um so größere Sensation, als eben Herr Mehnert junior, der in diesem ganzen Processe, theils indirect, eben als Sohn seines Vaters, theils direct wegen seiner Theilnahme an den eben beregten Geschäften eine so traurige Rolle spielt, an der Spitze desselben „Reform- Vereins" steht, der sich in die Brust warf und voll von sittlichem Pathos erklärte, zum Heil des Deutschen Vaterlandes müsse mit den bösen Juden aufgeräumt werden, weil diese in Handel und Wandel nicht Treu' und Ehrlichkeit üblen und weil.... es gar vorgekommen sein soll, daß stch Juden sehr hohe Procente haben zahlen lassen. Oesterreich. Wien. Die Anhänger des Herrn Wilhelm Marr in Deutschland sind — sie versichern es selbst und man muß es daher glauben — Patrioten der besten Sorte; nichts natürlicher daher, als daß sie sich zu der Ueberzeugung bekennen, das Vaterland müsse größer sein. Selbstverständlich haben sie dabei jenes Vaterland im Auge, welches ihr Ideal bildet, das Vaterland, in welchem eine kühngeschwungene Nase zu den unmöglichen Erscheinungen zählt, in welchem alte Kleider aufgehört haben, einen Handelsartikel zn bilden und in welchem — was die Hauptsache ist — das Volk seine geistigen Genüsse ausschließlich aus den literarischen Erzeugnissen der Herren Marr und Genossen schöpft. „Du sollst die Schriften des Herrn Wilhem nicht nur lesen, sondern auch kaufen, damit es ihm wohlergehe auf Erden," ist das erste der zehn Gebote Jener, die sich zu der Secte der „Antisemiten" bekennen. Um die Propagirung dieses Gebotes handelt es sich allem Anscheine nach auch nur bei der Verbreitung einer Aufrufes, der seit einigen Tagen in Wien circulirt und von dem ein Exemplar uns vorliegt. Ein sich bescheiden in die tiefste Anonymität hüllender „Patriot" fordert in diesem Pamphlet alle „Gesinnungsgenossen" auf, sich' nach deutschem Vorbilde zu einer „Antisemiten-Liga" zu vereinigen, um Wien „von der Geißel des Judenthums" zu befreien. Als beste Vorbereitung für den Eintritt in einen derartigen Bund schöner Seelen wird natürlich die Vertiefung in die elastischen Literatur-Producte oberwähnter Herkunft, die dann auch sammt und sonders mit Titel und Verlagsort genau angeführt sind, dringend anempfohlen. Zahlreiche Persönlichkeiten von Einfluß und Bedeutung, auch Deputirte, sind dnrch dieses Circular zur freundlichen Theilnähme an der Vernichtung des Judenthums aufgeforoert worden; wie viele der Adressaten dieser liebenswürdigen Einladung bisher nachgekommen sind, ist uns nicht bekannt. (Fortsetzung in der Beilage.)