Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 14 u. 15. (7.4.1880)
- Date
- 1880-04-07
- Page
- Seite 130 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 130 — den ihr der Dahingeschiedene von ihrem Anbeginne an eingehaucht und das Gepräge, das er ihr aufgedrückt, die alten bleiben, und sein Andenken für uns Alle zum Segen sein. „Er, der so Viele zur Frömmigkeit geleitet, wird leuchten wie die Sterne auf ewig." Wbg. Hannover. Am 29. v. Mts. starb hier nach schwerem mehrmonatlichem Krankenlager Herr Oberlehrer vr. Wiener, geb. 1819 zu Glogau. Diese Kunde wird nicht verfehlen, weit über die Grenzen des engeren Vaterlandes hinaus schmerzliches Bedauern wachzurufen. In ihm verliert zweifelsohne Hannover einen seiner gelehrtesten Männer, die jüdische Gemeinde ihr glänzendstes Talent. Die Bedeutung Wieners als Historiker ist von Capacitäten ersten Ranges anerkannt, seine Werke auf dem Gebiete jüdischer Literatur und Geschichtsforschung —, wir erwähnen hier nur seine von eben so großem Fleiß wie seltenem Scharfsinn Zeugniß gebenden Regesten seine gelehrten Editionen des Emek habacha, Schewet Jehuda, seine Untersuchungen über das Märchen von Lessing's 3 Ringen, über Schillert Freundschaft, sowie Ulnählige Beiträge in gelehrten Zeitschriften — sichern ihm ein dauerndes Andenken unter den besten Namen auf diesem Gebiete und doch — es bleibt tief schmerzlich zu sagen — ist W. niemals zur vollen Entwickelung und Anerkennung seiner wirklich eminenten Geistesgaben gelangt. Er war nach einer Jugend voll unsäglichster Entbehrung, die vielfach an das Leben Salomon Maimons gemahnt, durch eisernen Willen zum Studium gelangt und war bald nach Beendigung seiner Studien von 1849 bis vor wenigen Jahren Oberlehrer der hies. Religionsschule. Jndetz er war kein Kind des Glücks. Hätten holdere Sterne ihm geleuchtet, er wäre ein gefeierter, ein glänzender Lehrer und eine Zierde an jeder Hochschule gewesen, und erst in dieser Sphäre würde sein Geist d i e Blüthen getragen haben, die seine große Begabung, seine Lust an der Wissenschaft, sein eiserner Fleiß von ihm erwarten ließen. So aber haben leiver viele interne Verhältnisse und Mißgeschicke, die örtliche Jsolirung von verwandten Geistern und Männern gleichen Strebens, berechtigte und unberechtigte Ursachen ihm manchen seiner Tage getrübt und vielfach seine ganze Thätigkeit unheilvoll beeinflußt. Das aber werden Alle, die ihn, sei's auch nur aus seinen Werken, kannten, zugestehen müssen, daß er an Tiefe und Vielseitigkeit des Wissens, an Acribi des Verstandes, an Combinationskraft, an tiefer echter Gelehrsamkeit unter den jüdischen Gelehrten der Jetztzeit eine Stelle in der Vorderreihe einnimmt, und daß, ihn viele Jahre besessen zu haben der Gemeinde Hannover zur großen Ehre gereichen wird. Ehre darum seinem Andenken!*) Hamburg, 30. März. (Or.'Corr.) Wer darüber noch im Zweifel sein mochte, ob eine zeitgemäße Reform auf dem Gebiete des Gottesdienstes für Hamburg ein Bedürfniß geworden und ob eine solche überhaupt auf streng religiöser Grundlage ausführbar sei, der hatte Gelegenheit die Üeberzeugung sich zu verschaffen, wenn er am zweiten Festtage die Räume der neuen Synagoge betrat, welche überfüllt, ja fast doppelt besetzt waren. Trotzdem auch nicht ein einziger Piul beseitigt worden, verlief doch Alles in schönster Ordnung und keine Störung durch lautes Beten machte sich bemerklich. Vorsänger und Chor wetteiferten in dem Bestreben, die Gesänge und Recitation in schönster Harmonie zu Gehör zu bringen und die ganze Gemeinde lauschte in feierlicher und andächtiger Stimmung. Aber zu wahrer Begeisterung riß der Rabbiner, Herr vr. I., seine Zuhörer hin und, obgleich nur vortreffliche Reden von ihm zu hören gewöhnt, entsinne ich mich nicht, eine beffere Predigt, sowohl der Form als dem Inhalte nach, seit langer Zeit gehört zu haben. Hr. vr. I., indem er die Bedeutung des Peßachfestes, des GeburtSfesteS Israels zu entwickeln sich zur Aufgabe gestellt, entrollte ein Bild davon, wie der wahre Israelit seinen Geburtstag feiern *) Ueber den reichen literarischen Nachlaß dieses bedeutenden jüd. Gelehrten werden wir später im Literaturbl. nähere Mittheilungen »nachen. (Rev.) sollte, nicht durch Geschenke und Festlichkeiten, sondern indem er einen Rückblick auf die Vergangenheit, einen Blick auf die Gegenwart und auf die Zukunft richte. Hierbei schilderte der Redner das Verhältniß des Kindes zum Vater und zur Mutter in Anwendung auf den Schöpfer und die göttliche Lehre in so ergreifender und doch so natürlicher Weise, daß wohl kein Auge thränenleer blieb. Zur Betrachtung der Gegenwart übergehend, legte Redner seinen Zuhörern die zwei Fragen zur Erwägung vor: war die Feier der Festtage im Hause der Eltern nicht eine weit innigere und mehr religiöse als die der Jetzzeit? und fühlen wir uns glücklicher dadurch, daß wir die häusliche Feier ihrer Weihe beraubten? Den Schluß bildete ein Blick in die Zukunft, wie sich die Erziehung der Kinder gestalten müffe und zwar nach Anleitung der Verses: iß nicht auf den Unterricht allein dürfe die Erziehung sich beschränken, sondern das gute Beispiel müffe vor Allem wirken und die Berücksichtigung der individuellen Anlagen eines jeden Kindes sei geboten, wohin die D'OD deuteten. Haben Rabbiner und Vorstand der Synagoge im Laufe der Zeit auch Vieles durch Gehäffigkeiten und üble Nachreden der Gegner zu leiden gehabt, der Triumph, den sie am Peßachfeste feierten, entschädigte sie für Alles. Ein wenig erfreuliches Bild erblicken wir leider, wenn wir die Gefängniffe durchschreiten; hier zeigt sich uns, wie die Gottlosigkeit auch bei Juden in erschreckender Weise zugenommen und die Laster gehäuft hat; das hiesige Zuchthaus allein birgt vierzehn Insassen, das Gefängniß vierundzwanzig» dazu kommen noch Viele in Untersuchungshaft sich Befindende. Allen diesen werden von der Gemeinde während der acht Tage des Festes nicht nur Mazzoth, sondern eS wird ihnen eine vollständige koschere Kost gereicht, was mit sehr großen Opfern und Umständen verbunden ist, weil daS neue Zuchthaus sich eine Meile weit von der Stadt entfernt befindet und daher eine Küche in unmittelbarer Nähe eingerichtet werden mußte. Mit einiger Genugthuung darf ich hinzufügen, daß unter den Gefangenen, Gott sei Dank, nur etwa vierzehn Procent hiesige sich befinden, während die Uebrigen Fremde sind, theilweise unserem größeren Vaterlande, theilweise dem Auslande angehörend; die wenigsten von ihnen mögen wohl der Opfer werth sein und sie zu würdigen wissen.*) — Em Beispiel von Unduldsamkeit von Seiten des Oberrabbiners haben wir wiederum zu verzeichnen. Derselbe untersagte kürzlich den Mitgliedern der Beerdigungs - Brüderschaft, sich mit der Beerdigung eines Kindes zu beschäftigen, dessen Mutter mit Hülfe eines der Tempelprediger zum Judenthume ülergetreten war. Wenn der Herr Oberrabbiner den Mohelim die Vornahme der Beschneidung in zweifelhaften Fällen untersagt, so können wir's nicht immer tadeln, wenn er es mit seiner Gewissenhaftigkeit nicht vereinbar findet, aber die Verweigerung des Begräbnisses (den Platz selbst räumt die Gemeinde selbstverständlich ein) kann in einer Zeit wie die jetzige mehr Unheil als Nutzen stiften. (S. unter „Constantine.") Sohrau O/S., 31. März. (Or.'Corr.) Den Aufruf für die verschämten Nothleidenden in Oberschlesien hat die „Wochenschrift" in einer glücklichen Stunde veröffentlicht. Als mittelbare und unmittelbare Folgen sind die beträchtlichen Spenden anzusehen, welche von edelsinnigen Glaubensgenoffen seitdem den Rabbinern von Kattowitz und Sohrau zugegangen. So lief aus Hamburg vor einigen Tagen durch Vermittelung des Herrn Oberrabbiner Stern die namhafte Summe von 330 Mark für nothleioende Glaubensgenossen ein. Aber auch jenseits des Oceans im fernen Westen ist der Ruf von der traurigen Lage der darbenden Oberschlesier nicht wirkungslos verhallt. Das deutsche Hilfs Comitd in Pittsburgh im Staate Pennsylvania sandte an die Adreffe des Hrn. Rabbiner vr. Deutsch die Summe von 1000 Mark zur angemessenen Vertheilung an nothleidende Oberschlesier ohne Unter- *) Wir kommen auf diesen Punkt einmal ausführlicher zurück. (Red .>