Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 13. (24.3.1880)
- Date
- 1880-03-24
- Page
- Seite 122 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Rechtlichkeit allgemeines Ansehen. Als die französische Revolution ausbrach, schloß er sich ihr ohne Rückhalt an und wurde ein Freund des damaligen Maire der Stadt, eines Anhängers Robespierre's. Das Amt des Maire mar zu jener Zeit kein leichtes. Er stellte eine Art von Gouverneur für die Stadt und Umgebung vor und ihm lag neben hundert anderen Geschäften auch die Ueberwachung der Royalisten und nichtvereidigten Priester ob. Jeder Verdächtige mußte sofort vor ihn geführt werden und Niemand durfte die Stadt ohne seine Erlaubniß verlassen. Der Maire von Nimes war ein kränklicher alter Mann, der auf ihm lastenden Verantwortlichkeit nicht gewachsen, bot er seinem Freunde Crsmieux an, die Last mit ihm zu theilen, und dieser nahm das gefährliche Amt an, in der Hoffnung, dadurch Gelegenheit zu finden, manchen Gewaltact abzuschwähen und manches Leben zu retten. Diese Hoffnung erfüllte sich auch. Bald nach seinem Amtsantritte stellte sich ihm ein Mann vor, der in kurzer Weise einen Paß verlangte, um Nimes verlaßen zu können. „Sie nennen mich Monsieur anstatt Citoyen, sagte ihm Cr6mieux, Sie sind kein Freund der Republik. Uebrigens erkenne ich Sie trotz Ihrer Verkleidung. Sie sind der Pfarrer meines Sprengels." Der Priester erbleichte. „Ja wohl", sagte er endlich, „ich bin ein katholischer Priester, und ich wende mich, um mein Leben zu retten, an einen Juden und Revolutionär, was Gott mir vergeben möge. Aber falls Sie mir Hilfe leisten, werde ich denken, daß Gott Sie zu seinem Werkzeuge gemacht hat, und daß es daher für mich keine Sünde sein kann, mein Leben aus ihrer Hand zu empfangen, im Uebrigen haben Sie die Macht, mich zu verderben, thun Sie, was Sie für gut finden." Cremieux Unterzeichnete mit einem Lächeln den Paß und reichte ihn dem Priester, der sich wortlos entfernte. Nachts darauf wurde Cr6mieux durch drei Männer geweckt, welche ihn um jeden Preis zu sprechen wünschten. Es waren drei Priester, die sich vor den Nachstellungen des Revolutions-Tribunals verborgen gehalten hatten und, durch das Beispiel des erwähnten Pfarrers ermuthigt, sich gleichfalls an Cremieux wendeten. Dieser stellte ihnen die gewünschten Päffe aus und die Geistlichen schieden unter den lebhaftesten Dankesbezeugungen. Jndeß rückte der neunte Thermidor heran. Robespierre endigte auf dem Schaffot und seine Anhänger wurden verfolgt und in den Kerker gebracht. Auch Crämieux' Vater traf dieses Loos. Er wurde unter der Anklage des Mißbrauches der Amtsgewalt vor ein Gericht gestellt und machte sich nach einer Äußerst heftigen Rede des öffentlichen Anklägers bereits auf das Todesurtheil gefaßt, als plötzlich der Präsident benachrichtigt wurde, daß sich neue Zeugen gemeldet hatten. Es waren die vier Priester, welchen Crsmieux zur Flucht verholfen, und die auf die Nachricht von seiner Verhaftung trotz der ihnen noch immer drohenden Gefahr heimgekehrt waren, um für ihren Retter auszusagen. Ihr Erscheinen machte tiefen Eindruck auf das Publikum wie auf die Richter, und obwohl der öffentliche Ankläger diese in so romantischer Weise erschienenen Zeugen etwas bespöttelte, vermochte er den zu Gunsten Cr6mieux' eingetretenen Umschwung nicht zu beeinträchtigen und dieser wurde freigesprochen. Aber die Ueberraschungen waren noch nicht zu Ende. Nachdem der Präsident unter dem Beifall der Anwesenden das freisprechende Urtheil vorgelesen hatte, fügte er unerwarteterweise hinzu: „Bürger Cremieux, der Gerichtshof hat Sie von der gegen Sie erhobenen Anschuldigung freigesprochen; aber es lasten noch ander Anklagen auf Ihnen, bezüglich derer Sie sich in einer späteren Sitzung zu verantworten haben werden. Man führe den Angeklagten in das Gefängniß zurück." Bei diesen Worten ertönte ein Schrei im Zuschauerraume. Cr6mieux' Gattin, zur Zeit in gesegneten Umständen, war dem jähen Aufeinanderfolgen von Trauer, Freude und Schreck erlegen und bewußtlos zu Boden gesunken. „Man führe diese Frau sammt ihrem Gatten fort," bemerkte der Präsident, als man ihm den Vorfall mitgetheilt, „der Gerichtshof hat nicht Muße, sich mit derlei Angelegenheiten zu befassen." So wurde Crsmieux denn zur Seite seiner bewußtlosen Frau in das Gefängniß zurückgeführt und, da keine Zelle frei war, für den Augenblick in der Wohnung des Kerkermeisters untergebracht. Er gab sich eben ziemlich bitteren Betrachtungen über seine Lage hin, als ihm der Präsident des Gerichtshofes gemeldet wurde. „Ich will den Mann nicht sehen," rief er unmuthig, „der mich allem Rechte zu Trotz der Freiheit beraubt." Aber der Präsident war bereits in das Gemach getreten und hatte die Hand auf feine Schulter gelegt. Cr6mieux sah sich überrascht um und maß den Präsidenten mit düsterem Blick, während dieser ernst, fast traurig, vor ihm stand. „Thörichter Mann," sagte der Letztere endlich, und seine Hand glitt langsam am Arme Cr6mieux' hinab, bis sie dessen Hand« erreichte und sie krampfhaft drückte, „begreifen Sie denn nicht, daß ich nur zu Ihrem Besten gehandelt habe? Das Gericht hat Sie schuldlos befunden, aber das Volk will Opfer haben und hätte Sie auf der Straße in Stücke zerrissen! Doch lassen Sie mich nun auch Ihre Gattin sehen." Madame Crsmieux, welche in einer anderen Abtheilung des Hauses untergebracht war und sich inzwischen etwas erholt hatte, weigerte sich gleichfalls in bitteren Worten, den Besucher zu empfangen. Aber dieser gab sich darum nicht geschlagen. „Sie wagen es, vom Präsidenten des Gerichtshofes so zu sprechen " sagte er zu ihr. „Nun wohl, zur Strafe werden Sie dieses Gefängniß nicht verlaßen!" (Die kranke Frau war ohnehin keines Schrittes fähig.) „Und da wir keinen Ueberfluß an Zellen haben, werden Sie das Zimmer Ihres Gatten theilen. Nun Madame," fügte er lächelnd hinzu, „sind Sie zufrieden?" — Crsmieux und seine Frau verblieben mehrere Monate in diesem übrigens ganz erträglichen Gefängniffe, in welchem ihr Sohn, der künftige große Advocat, das Licht der Welt erblickte. Dies erzählte Crsmieux Herrn Gotthold Neuda im vor- Sommer selbst, er schloß das Gespräch mit folgenden Worten: „Meine politische Laufbahn ist Ihnen bekannt. Es bleibt mir noch übrig. Ihnen zu sagen, daß ich der erste Jude bin, der in Frankreich Advokat geworden. Ich war auch der erste Jude spanischer Abkunft, welcher ein eingewurzeltes Vorurtheil besiegend, eine eheliche Verbindung mit einer sogenannten „deutschen" Jüdin einging. Das galt damals als eine Mesalliance, denn wir spanischen Juden bildeten uns ein, daß unser Blut einen bläulicheren Schimmer besitze, als jenes unserer nichtspanischen Glaubensgenossen. Bedarf es der Versicherung, daß ich diese Verbindung nie bereut habe und daß ich heute nach mehr als fünfzig Jahren bereit wäre, sie von vorne zu beginnen — wenn das möglich wäre?" Das Mitternachtslied. Freie Uebertragung des '2N2 TPl- Gar oft, es schien wie Mitternacht, Hast große Thaten Du vollbracht. Du Leuchte in der Nacht! Dem frommen Ahnen Abraham, Als Freunden er zu Hülfe kam. Gabst Du zum Sieg die Macht. # Bekehrt von falschem Götterwahn, Betrat er kühn die lichte Bahn; Noch war's wie Mitternacht! Du wiesest heil'ger Sitte Brauch Dem König Grar's; zu Laban auch Du kamst im Traum der Nacht. Es rang dann Jacob bis zum Licht, Wie Israel für Gott und Pflicht, Wenn ringsum Mitternacht. Du schlug'st Egyptens Jugendkraft, — Wie selbst es sann so frevelhaft — Zur Zeit der Mitternacht. Du zeigtest Sisra Jacob's Hort, Die Sterne, schien es, stritten dort. Zu scheuchen Mitternacht.