Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 12. (17.3.1880)
- Date
- 1880-03-17
- Page
- Seite 109 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 109 — nung, daß sich die Flammen dieser heiligen Stätte nicht nähern werden. In der Thal blieb auch das Gebäude, trotzdem die Flammen schon in dessen Nähe wütheten, mit einigen anderen umherstehenden Häusern von den Flammen verschont. Beyruth. Midhat Pascha empfing den neu ernannten Chacham Baschi, Rabbiner Alkaley, und antwortete auf dessen Ansprache: „Ich kenne keinen Unterschied der Religionen; ich habe sie alle gleich lieb." Feuilleton. Rabbi und Vagabond, oder-Schuld und Sühne. | Historisch-romantische Erzählung von Ad. v. Zem linszky. (Schluß.) 11. Liebe sühnt die Schuld. Der Winter ist vorüber. Im Hause des Rabbi Josua ist es gar stille und leer. Der Rabbi sitzt bei seinen Büchern, die Hausfrau beschäftigt sich mit der Vorbereitung zum Abendfeste; denn Abend ist Purim. Das kleine Mädchen, das der Rabbi vom Tode des Erfrierens gerettet, sitzt am Tische und spielt. Der Rabbi hatte Erkundigungen eingezogen über die Eltern des Kindes, doch nur ungenügende Auskunft hatte er erhalten. Die Papiere, die man bei der Frau gefunden, hatte man versiegelt an das Gericht gesendet. Dieses überließ ihm auf sein Begehren bereitwillig das Kind und so blieb es auch im Hause des Rabbi. Um so mehr war jedoch der Rabbi überrascht, eines Tages ein Packet Schriften zu erhalten, welche oas Gericht in dem Nachlasie der jungen Frau vorgefunden und an ihn adressirt war. Es waren Dokumente verschiedenen Inhalts und auch ein Brief, geschrieben von der Hand seiner Tochter Deborah. Mit ihrem Herzblute hatte sie diese Zeilen niedergeschrieben. „Vater! Mutter!" schrieb sie, „verzeiht mir, was ich verschuldet. Glaubet mir, ich habe es schwer, schwer gebüßt. Mit dem Schritte, den ich aus euerem Hause gethan, hat meine Buße begonnen. Ich war geflohen mit dem Manne, der all' mein Unglück verschuldet, bis wir Polens Grenze überschritten hatten. Aber ach! Es giebt kein Glück für Kinder, die gegen den Willen ihrer Eltern sich auflehnen, ihm entgegen handeln. Ich hab's bitter an mir erfahren müssen. Wo ich auch weilte, überallhin verfolgte mich der strafende Blick des von mir so tief gekränkten Vaters. Darf ich jemals seine Verzeihung hoffen? Vielleicht daß das Uebermaß der Leiden, die ich erlitten, meine Schuld gesühnt hat! Als ich durch Zufall erfahren, wie schmählich der mich betrogen, der Liebe mir geheuchelt, da verließ ich sein Haus, um durch selbst mir auferlegte Verbannung und durch Arbeit meine schwere Schuld zu sühnen und dann als reumüthige Büßerin zu Euch zurückzukehren. So arbeitete ich mehrere Jahre bei fremden Leuten für mich und mein Kind, verrichtete die schwersten Arbeiten mit Luft, da bemerkte ich plötzlich zu meinem Schrecken, daß Fieberschauer öfters meinen Körper befiel, sah meine eingefallenen Wangen von hektischer Rölhe angehaucht. Ich kannte diese Zeichen des Todes. Früher wäre mir der Tod eine Erlösung gewesen u. sehr willkommen. Aber jetzt, da ich meine Schuld durch Arbeit gesühnt zu haben glaubte, und von Euch Verzeihung zu erlangen hoffte, jetzt war es mir schrecklich, sterben zu müssen ohne Eure Vergebung. Ich beschleunigte also meine Heimreise. Ich pilgerte trotz Sturm und Wetter, trotz Schnee und Frost mit meiner kleinen Ester der Heimath zu. Doch ach, wenige Meilen von Florianow erlag ich meinen Anstrengungen. Ich liege hier im Krankenhause unter Fremden, ich fühle mein Ende nahen und schreibe diesen Brief an Euch. O, vergebt, verzeiht mir! Ich habe schwer gefehlt, aber auch schwer gelitten, ich glaube meine Schuld ist gesühnt. Ein Gedanke noch erschwert mir das Sterben. Was soll aus meinem Kinde werden? Es ist unschuldig an Allem. Vater, Mutter! Ich will das Kind in Eure Obhut geben, ihr werdet es lieben, ich weiß es; es sollen ja Kinder nicht büßen für die Sünden ihrer Eltern. Ihr werdet den letzten Wunsch Eures Kindes, das als reuige Sünderin stirbt, gewiß erfüllen. O! vergebt mir, ihr armen lieben Eltern den Schmerz, das Herzweh, das ich euch zugefügt. Seid meinem Kinde Alles, Vater und Mutter, dann sterbe ich beruhigt. Eure Liebe gegen mein Kind wird mir eine Bürgschaft der Verzeihung sein. Run sterbe ich leicht, ich fühle es, meine Schuld ist gesühnt, Ihr würdet, wäret Ihr jetzt um mich, sicherlich mir verzeihen. So lebt wohl, viel tausend mal küsse ich euch, ihr lieben herzigen guten Eltern, lebt wohl! Verzeihung Eurem unglücklichen Kinde und Liebe meinem armen Kinde! Gedenket mein! Deborah." Sie hatte gar viele heiße Thränen vergoffen, die Frau des Rabbi, als sie diesen Brief gelesen, und ihre ganze Zärtlichkeit widmete sie nun dem Kinde Deborah's. Sie fanden in dieser Liebe erquickenden Trost. So war die Zeit dahingegangen. Und heute saßen sie um den Tisch herum, der Rabbi las die Megillah und die lebhafte Ester stampfte mit ihren Füßen bei Nennung des Namens Haman. Und gar aufmerksam horchte die Frau und das Kino den Worten der Megillah und deshalb hörte auch keiner von ihnen, wie sich die Thüre öffnete, wie der bleiche Bocher in das Zimmer trat. „Gut Purim, Rabbi! Glück und Segen Eurem Hauses sagte er und schritt auf den Rabbi zu. Der Rabbi las noch immer, doch hatte er das Gesicht der Thüre zugewendet. Die Stimme war ihm etwas bekannt. „Seid willkommen in meinem Hause" sagte er aufstehend und dem Gaste die Hand zum Willkomm reichend. (Fortsetzung in der Beilage.) 2331] Zum Semesterwechsel wird empfohlen: Mkmorir u. Gesangbuch für israelit. Schulen von Lehrer Straßburger in Buttenhausen (Württ.) Preis 90 Pf. 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