Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 10. (3.3.1880)
- Date
- 1880-03-03
- Page
- Seite 94 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 94 — imrnmersort; Ihr ließet mich nicht zu Athem kommen. Das Geschick hat es so gewollt, daß ich in Eure Hände falle, hier in dieser Wildniß, wo ich bereits entronnen zu sein glaubte. Seht meinen Arm, den Ihr mir damals verbunden. Ich fürchtete entdeckt zu werden, da Ihr das Mädchen erkannt hattet und ich entfloh aus dem Städtchen, konnte meinen gebrochenen Arm nicht weiter pflegen und er ist jetzt lahm geworden. Und hier muß ich sterben, auf fremder Erde. Ich sehe darin Gottes Fügung. Damals als ich krank darniedergetegen, fragtet Ihr mich, ob ich Jude sei, ich antwortete mit Nein! Ich wollte jeder andern Frage, deren Beantwortung mich vielleicht verrathen hätte, Vorbeugen. Und dennoch bin ich Jude! Jude, wenigstens dem Namen nach. Ich fühle, daß es mit mir aus ist; vielleicht nur wenige Augenblicke habe ich noch zu leben. Diese Zeit möchte ich noch benützen, mich mit Gott zu versöhnen, dem ich Jahre lang ungetreu gewesen, mit meinem Gott, den ich vergessen, mit meiner Religion, der ich zuwider gehandelt. Kann ich das Rabbi, ist es nicht schon zu spät?" „Ihr könnnt es," sagte der Rabbi sanft, „niemals ist es zum Guten zu spät, Gott wird Euch gewiß all' Eure Fehler und Verirrungen verzeihen, wenn Ihr reumüthig zu ihm zurückkehrt." „Ich bitte Euch Rabbi, hört mich an; ich will Euch erzählen, wieso ich der Vagabond geworden, der ich heute bin. Weit ausholen muß ich dazu. Zwanzig Jahre sind es beiläufig, daß ich in Florianow ansässig gewesen. Ich hatte ein gutes braves Weib und einen kleinen zweijährigen Knaben. Ich war glücklich, mein Geschäft ging gut, ich hatte zu leben ohne Sorgen. Da kam plötzlich eine Zeit, aus der all das Elend stammt, das ich über mich und Andere gebracht. Der Rabbi Josua hatte eine Tochter, Deborah hieß sie, jung und schön wie eine aufblühende Rose. Schöner, üppiger noch als Sarah. Eine heftige Leidenschaft für sie überkam mich, ich konnte mich ihrer nicht erwehren." „Ich vernachläsiigte mein Geschäft, vernachläffigte mein Haus, meine Familie. Wollte nur dort athmen wo sie war. Der Rabbi hatte keine Ahnung davon, lebte nur seinen Büchern, und auch sie, sie war eine treue Tochter, ohne jeden Fehl. Ich erst habe sie auf dem Gewissen. Eines Tages gestand ich ihr meine glühende Neigung zu ihr, bat sie in beredeten Worten um Gehör. Sie mußte mir schwören, keinem Andern je anzugehören außer mir. Sie that es und sie hat ihr Wort gehalten. Sie ahnte ja nicht, daß ich bereits Weib und Kind hatte. Sie schlug die glänzendsten Parthien aus, die ihr angetragen wurden. Da erhielt ihr Vater, ein Muster von Sittenstrenge, Kenntniß von ihrem Verhältniß zu mir; er forderte den Abbruch desselben. Als Deborah standhaft erklärte, sie könne von mir nicht lasten, wies er sie bei Nacht und Nebel aus seinem Hause. Wir beschlossen zu fliehen. Schon früher hatte ich im Geheimen Alles was mein war zu Geld gemacht, und dieses trug ich verborgen in meinen Kleidern mit mir herum. In jener Nacht verließ ich mein Weib, mein Kind, und nimmer sah ich sie wieder." (Fortsetzung folgt.) Aus Adolphe Cremieux' Leben erzählt ein Pariser Blatt Folgendes: Einer kleinen katholischen Gemeinde war von einem wohlhabenden Mitbürger ein gekreuzigter Heiland geschenkt worden, mit der Bemerkung, daß die Gemeinde das Crucifix an einem geeigneten Ort in der Nähe des Altars aufstellen möge. Als die Gabe in der Kirche untergebracht war, protestirte der Geber und ließ sich sein Geschenk vom Pfarrer wieder herausgeben, unter dem Vorwand, daß man seinem Bilde des Heilands nicht den Platz angewiesen habe, welcher einem Kunstwerk von so hohem Range gebühre. Die kleine Dorfgemeinde war entrüstet über das Benehmen des Gemeindemitglieds und wandte sich an Cremieux in Paris mit der Bitte, er möge die Sache der Gemeinde führen und den wankelmüthigen Geber zur Wiederherausgabe des Crucifixes zwingen. Nach wenigen Tagen schon erhielt der Pfarrer des Orts Antwort auf das Gesuch. Cremieux schrieb, er danke für das Vertrauen, welches ihm die Gemeinde bewiesen, und er glaube, die Sache derselben am Besten zu führen, wenn er zum Frieden rathe. Der Proceß werde viel Geld kosten, viel Haß erregen und sehr lange dauern. Als Sachwalter der Gemeinde wolle er den Ausfall decken. Jüngst habe er bei einem Antiquar ein Crucifix aus der Blüthezeit der Renaissance gesunden und es um des Kunstwerthes willen gekauft. Dieses Crucifix werde wohl einen schönen Altarschmuck abgeben und einen würdigen Ersatz für jenes Christusbild darstellen. Das Packet befinde sich bereits unterwegs. Das Crucifix kam an, wurde allgemein bewundert und mit Feierlichkeit in der Kirche aufgestellt. Da man nun in dem kleinen Dorfe mit Sicherheit annahm, daß kein anderer als ein Glaubensgenosse eine so schöne Handlung begehen könne, so baten die guten Dorfbewohner ihren braven Advocaten, er möge ihnen doch auch sein Bild schenken. Crsmieux. der keine Ahnung davon hatte, was man mit seinem Bilde vorhabe, schickte sein schön ausgeführtes Bildniß den dankbaren Clienten zu und diese hingen dasselbe links vom Altar auf. Es sei hier auch an einen Brief erinnert, den Cremieux an Deutz (einen getauften Juden) gerichtet. Man weiß, daß die Herzogin von Berry im Namen ihres Sohnes, — jenes Heinrich V., der seitdem jede Gelegenheit benutzt hat, um sich und die Bourbonen zu blamiren — die Fahne der Anti-Revolution im Jahre 1832 aufpflanzte. Deutz verrieth ihren Aufenthalt und die Herzogin wurde in Nantes verhaftet und als Staatsgefangene in die Citadelle von Blaye gebracht. Der Brief nun, den Cremieux an Deutz gerichtet hat, lautet wie folgt: „Mein Herr! Jede Beziehung zwischen Ihnen und mir muß aufhören Ich habe Sie zwei Stunden mit angehört — das ist genug. Würden Sie vor das Criminal-Gericht gebracht werden, würden Sie mich als Vertheidiger anrufen, so dürfte ich Ihnen den Dienst des Advocaten nicht verweigern, denn alle Angeklagten haben auf diesen Dienst das gleiche Recht. Aber Sie meinen, ich sollte Sie in den Augen des Public ums rechtfertigen,— Sie irren sich. Frankreich ist taub für die Rechtfertigung einer Feigheit. Sie müssen die Schande schon auf sich nehmen, die der Verrath mit sich bringt. Uebrigens seheich nichts, was ein Verbrechen entschuldigen könnte, das ich verabscheue, das Sie indeß freilich vor keinen anderen Richter bringt als vor den Richterstuhl der öffentlichen Meinung. Wenn Sie auf mich als Ihren Glaubensgenossen gezählt haben, so ersuche ich Sie, Ihrem Jrrthum ein Ende zu bereiten: Sie gehören gegenwärtig zu keinem Cultus — keine Religion will Sie und Sie können keine für sich anrufen. . . ." Man kann sich denken, welchen Widerhall dieser Brief bei allen Parteien in Frankreich selbst bei dem edleren Theil der Feinde der Herzogin von Berry fand. Cremieux verdankte ihm mit einen Theil seiner außerordentlichen Popularität. Purim. In Freuden haben wir's verbracht Das Purimfest» und auch gedacht Der Herren, die so gern gesehn Es möchte doch die Zeit erstehn, Wo man die könnt' zum Galgen treiben, Die treu bei ihrem Glauben bleiben. Fürwahr es ist kein Ort so klein. Es sitzt auch so ein Haman drein, Dem's Herz vor Freude würde springen, Könnt' er's auch jetzt noch dazu bringen, Daß man uns, wenn auch nicht zuin hängen, Doch aus dem Lande möchte drängen. Ja, ja, ihr Hamans groß und klein, Es hilft euch nichts, eu'r Geisterschrei'n, Ihr könnt mit alle eurem Schreiben, Das Volk zum Galgenbau nicht treiben. Eelle. Dr. Daworsky. Ieramwortlicher Redactrur vr. Rahmer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barbp. Verlag von Robert Friese in Leipzig.