Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 9. (25.2.1880)
- Date
- 1880-02-25
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift." Nr. 9. Magdeburg, den 25. Februar 1880. 11. Jahrgang. Feuilleton. Rabbi und Vagabond, oder: Schuld und Sühne. Historisch-romantische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. Der Hund stand jetzt allein auf dem Felsenplateau und ließ ein langgezogenes klägliches Geheul ertönen. Da plötzlich wurde wieder über des Abgrundes Rand ein Kopf sicht» bar und schon hob der Hund mit riesiger Kraft den ganzen Körper empor. Es war der junge Oberst, der beim Sturze eine aus dem Gesteine vorspringende Haumwurzel erfaßt hatte und dieselbe krampfhaft umklammerte, während sein Feind durch den plötzlichen Sturz von ihm getrennt in die Tiefe hinabgestürzt war. Blutig und zum Tode erschöpft eilt er jetzt schnell den Weg, den er gekommen, zu seinen Leuten zurück, um ihnen die Kunde von dem beabsichtigten Ueberfalle der Tscherkesien zu bringen, und ehe noch der Morgen graut, beginnt der Kampf. Umsonst ist der Heldenmuth der Tscherkefsen, sie müssen endlich die Waffen strecken vor dem Feinde. Die Rusien haben den Stamm der Tscherkesien besiegt, und dieser muß sich ihnen jetzt auf Gnad und Ungnad unterwerfen. Laut jubeln die Sieger und umringen den jungen Oberst, der ihnen allein diesen Sieg verschafft. Der Kommandant der Russen drückt den jungen Helden an seine Brust und verheißt ihm Würden und Auszeichnung. Aus dem Thale herauf steigt Rauch und die Flammen aus dem brennenden Lager der Tscherkesien beleuchten die schneeigen Felsen des Kaukasus. 9. Vereint. Vorbei war der KriegSlärm. Die Krieger hatten sich in ihre Quartiere zurückgezogen, pflegten der Ruhe nach den Strapazen der Nacht. Zwei müde Wanderer schritten auf dem schmalen schneeigen Gebirgspfade, der nach abwärts führte in das kleine Tscherkesiendörfchen, dahin. Sie mußten eine lange beschwerliche Reise zurückgelegt haben. Man sah es ihnen gar deutlich an. Der Eine von ihnen war eine hohe Gestalt in vorgerückten Jahren, der andere dagegen ein Jüngling. „Wie kann ich Euch vergelten, Rabbi", sagte der Jüngere, „all diese Leiden und Mühseligkeiten, die Ihr erduldet. Ihr habt meine Wunde geheilt, habt väterlich für mich gesagt, und als ich hergestellt, da ließet ihr mich nicht allein ziehen. Ich will mit Dir gehen, sägtet Ihr, will mit Dir die Tochter meines Freundes suchen und so Gott will auch finden." „Ja, das habe ich. Doch all' die Beschwerden, all' die Mühseligkeiten der Reise waren bis jetzt vergebens. Die Richtung, die wir einschlugen, und der Weg, den wir verfolgten, waren immer dieselben, welche die Beiden genommen, und dennoch, wenn wir glauben, sie erreicht zu haben, dann entschlüpfen sie uns gleich einem Jrrlichte. Und jetzt, wenn wir sie nicht hier finden, dann war all' unser Mühen umsonst, dann finden wir sie nicht wieder, denn diese Berge geben Schlupfwinkel, die zu erforschen nicht in unserer Macht gelegen." „O, nicht doch! nicht doch, Rabbi!" sagte der Jüngere (eS war der bleiche Bocher aus Florianow), „ich habe es geschworen, sie zu finden, und sollte ich bis an's Ende der Welt gehen muffen." „Du hast Recht, Benjamin, doch im anderen Sinne. Wenn Du noch weiter suchst, wenn Du noch weiter diese Anstrengungen erträgst, dann wirst Du erliegen müssen. Dein Gesundheitszustand ist arg angegriffen, Du brauchst Erholung dringend nothwendig, glaube es mir Benjamin, mir, dem Arzte." „O! ich weiß es ja, Rabbi; ich fühle es, wie weine Kräfte abnehmen, wie das Fieber in meinen Gliedern tobt. Ich weiß es ja, ich weiß es, und eben diese Ueberzeugung, eben diese Gewißheit ist es, welche mich zu neuer Thätigkeit anspornt, denn wenn ich diesen Anwandlungen der Schwäche nachgebe, dann bin ich verloren, und dann wartet mein väterlicher Lehrer vergebens auf Nachricht von seinem Kinde." „Und darum mußt Du ruhen, Benjamin, mußt Dich erholen, und dann wollen wir weiter suchen." „Ihr Hab! ja doch immer Recht, Rabbi! ja, ich will thun, wie Ihr sagt, Gott wird Alles zum Guten wenden." Und die beiden müden Wanderer stiegen vollends hinab in das Thal der Argua. Hoch oben zwischen den schneebedeckten Gipfeln, den unabsehbaren Gletschern und Eisfeldern des Kaukasus sehen wir inzwischen zwei Personen, einen Mann und ein Mädchen, über steile Felsen klettern. Arg herabgekommeu sind Beide. Elend und Entbehrung haben sie gezeichnet. Ein Wunder muß eS genannt werden, daß dieser schwache Mädchenkörper diesen riesigen Anstrengungen der Reise wiederstehen konnte. „Bin ihnen doch wieder entkommen," brummte der Vagabond — denn er war's — vor sich hin, und jetzt werde ich hoffentlich vor iünen Ruhe haben- Ruhe? — habe ich denn überhaupt seit zwanzig Jahren nur einen Tag, nur eine einzige Stunde Ruhe gehabt, wurde ich nicht immer und immer von meiner Rache gehetzt? Bah! jetzt sind wir geborgen, nur wenige Tage bedürfen wir der Erholung und all' die Mühseligkeiten sind spurlos verschwunden. Bin ich einmal nur bei den Rusien unten." Sarah ging mechanisch an seiner Seite einher, ohne ein Wort zu sprechen, und allmählich gelangten sie nach abwärts und erreichten das Thal der Argua. Doch plötzlich mußte er inne halten. Russische Soldaten hatten sich ihm in den Weg gestellt. „Wohin des Weges?" fragte ihn einer von ihnen. „Zu Eurem Commandanten." „Kommt man nicht so leicht, als Ihr Euch wohl vorstellen möchtet. Denkt Ihr denn, unser Commandant sei nur für landstreichendes Gesindel da?" „He, guter Freund! wen nennt Ihr denn eigentlich Gesindel!" „Der Teufel ist sein guter Freund! nicht ich! Macht mir die Ehre solcher Freundschaft wirklich verbeten haben sie schmeckt zu sehr nach Vagabondenthum." „Ihr habt Recht, Herr!" sagte der Vagabond, während ein Blick des tödtlichsten Haffes den Sprecher traf, „doch bitte, sagt mir, wäre es nicht möglich Euren Commandanten zu sprechen? Wir haben eine weite Reise zurückgelegt. Hunger und Elend waren unsere ständigen Begleiter. Wir wollen euren Commandanten bitten, hier Obdach nehmen zu dürfen. Die Kälte sitzt uns in den Gliedern, und können wir uns nicht erholen, so ist es um uns geschehen. Seht das arme Geschöpf hier, es ist dem Tode nahe. Hilfe, schnelle Hilfe thut norh, soll es nicht zu Grunde gehen." „Ihr habt Recht," sagte jetzt der frühere Sprecher, „da muß geholfen werden. Armes Mädchen! Ich will Euch beim Commandanten melden. Doch nicht nöthig, dort kommt der Oberst." Der junge Oberst, den wir bereits kennen, durchschritt, von einigen Offizieren begleitet, die schmale Straße. „Was giebt es hier?" fragte er auf die Gruppe der Soldaten zutretend, welche die Beiden umringt hatten. „Ein armer Mann, Oberst, in Begleitung eines Mädchens. Sie suchen hier Obdach." „Man weise ihnen ein solches an, und wenn sie sich erholt, bringe man sie zu mir." Der junge Oberst wendete sich um. seinen Weg fortzusetzen. Da ertönte plötzlich ein lauter Schrei.