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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-02-18 · N° 8. (18.2.1880) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 8. (18.2.1880)
Date
1880-02-18
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift." 8. Magdeburg, den 18. Februar 1880. u Jahrgang. Feuilleton. Rabbi und Vagabond, oder: Schuld und Sühne. Historisch-romantische Erzählung von Ad. v. Z e m l i n s z k y. (Fortsetzung.) Zu Hause angelangt, fand der Arzt abermals einen Verwundeten vor. Es war ein junger Mann. Man hatte ihn durch Zufall draußen vor dem Städtchen im Schnee liegend gefunden. Ohne Zweifel war hier ein Mord beabsichtiget. Der Schnee war ringsum aufgewühlt. Einer breiten Wunde, offenbar von einem Messerstich herrührend, entquoll das Blut, welches sich mit dem Schnee vermengt hatte. Die Leute, welche ihn fanden, nahmen den Leblosen auf ihr Schultern und trugen ihn nach dem Hause des Reb Calmi. Schnell ordnete dieser das Nöthige an, und gar bald gelang es ihm auch den Bewußtlosen in's Leben zurückzurufen. Die Wunde hatte der Arzt mit geschickter Hand verbunden. Und erstaunt schlug der junge Mann jetzt die Augen ans. „Wo bin ich denn?" frug er mit leiser Stimme. „Geborgen in sicherer Obhut," antwortete Reb Calmi freundlich. „Ich danke Euch, Herr; doch, ich muß krank gewesen sein, war ist mit mir geschehen? sagt doch, ich bitte Euch darum!" „Was soll ich Euch sagen. Vor wenigen Stunden hat man Euch zu mir in mein HauS gebracht, leblos, blutend. Draußen auf dem Felde im hohen Schnee wurdet Ihr gefunden. Doch jetzt ruhig, regt Euch nicht weiter auf." „Leblos, blutend, draußen auf dem Felde, sagt Ihr? Nicht wahr, so habt Ihr doch gesagt, und ich erinnere mich nicht daran, wieso ich in diese Lage gekommen. Mein Gott, jetzt wird es Licht, Licht mit einemmale in meinem Gehirn. Hilfe! schafft Hilfe! Sarah, wo ist Sarah!" „Beruhigt Euch, junger Mann," sagte Reb Calmi, „man wird Hilfe schaffen". „Ihr glaubt wohl, ich rede im Fieber? Hört, ich bitte Euch darum und dann, dann entscheidet. Doch sagt mir früher, wo befindet sich Reb Calmi Gerson?" „Ihr seid in seinem Hause, junger Freund, er steht an Eurem Bette." „Wie, so wäret Ihr Reb Calmi? das ist Gottes Fügung, und Dank sei ihm dafür, und sein Name sei gelobt in alle Ewigkeiten!" „Ich komme aus Florianow!" begann der Verwundete wieder nach einer Pause, „komme aus dem Hause meines Lehrers Rabbi Josua." „Des Rabbi Josua aus Florianow?" „Schweres Unglück hat ihn getroffen und er hat eS standhaft getragen. — Habt Ihr Sarah gekannt, Reb Calmi? die Tochter des Rabbi Josua? Sie wurde krank, geisteskrank!" „Geisteskrank?" „Ja wohl, geisteskrank! und in diesem Zustande war ste plötzlich aus dem Hause ihres Vaters verschwunden. O! Ihr wißt es nicht, was ich in dieser Zeit gelitten. Ich bin der Schüler des Rabbi, Benjamin Levi, und als ich erfahren, daß Sarah fort, da duldete es mich nimmer zu Hause, und ich folgte ihrer Spur, immerfort, immerfort. Ich hatte in Erfahrung gebracht, daß sich Sarah in der Gesellschaft eines wild aussehenden Mannes befände, und diese Nachricht halte nicht getrogen. Seit mehr als zwei Monaten folge ich nun den Beiden, und gestern, gestern habe ich ne endlich erreicht. Es war nur wenige Stunden von hier entfernt, in dem kleinen Dorfe. Fast verzweifelt, keine Nachricht dem trostlosen -Rabbi heimschicken zu können, müde, zum Tode erschöpft, wollte ich dort auSruhen, mich stärken für meine weitere Wan derung. Ich warf mich auf's Bett, angezogen, wie ich war. Die Erschöpfung schloß mir die Augen. Da weckte mich ein Geräusch auf der Straße. Ich öffnete das Fenster und sah hinab. O, mein Gott, was mußten meine Augen sehen? Auf der Straße, gerade unter meinem Fenster stand der Vagabond, dem ich von Florianow aus gefolgt war, und neben ihm,— es war schrecklich — neben ihm stand Sarah, mit nackten Füßen, in zerlumpten Kleidern und sang, sang so lieblich, so herzergreifend. Und die Leute, die vorübergingen, sie legten Almosen in die Hand der Sängerin. Das Blut war mir nach dem Kopfe gedrungen, ich wollte hinabeilen, doch meine Glieder versagten mir den Dienst. Da plötzlich, plötzlich sah ich beide ihren Platz unten verlaffen, und ich. mein Gott! mein Gott! ich konnte ihnen nicht folgen. Die Straße erschien mir wie ein Feuermeer und immer größer und größer werdende Feuerringe zogen vor meinen Augen vorüber. Und endlich verließ mich dieser schreckliche Zustand, doch zu spät, zu spät, nirgends eine Spur von Sarah. Doch dieser fürchterliche Anblick, der mir geworden, hatte meine Glieder zu neuer Anstrengung gestählt und ich folgte der Richtung, die Beide eingeschlagen. Draußen vor der Stadt, auf dem Felde hatte ich sie doch wieder erreicht. Sarah konnte nicht mehr vorwärts. Ich sah aus der Ferne, wie sie zeitweilig im Gehen innehielt. Und näher gekommen hörte ich die Scheltworte ihres Begleiters, und endlich sah ich den Elenden die Hand aufheben, und der Stock, den er in derselben hielt, sauste nieder auf den Rücken Sarah'S. Reb Calmi, als ich dies sah. übermannte mich die Verzweiflung. In wenigen Sprüngen hatte ich beide erreicht und dem Manne den Stock entrissen. Und dann ließ ich den bleiernen Knopf desselben mit voller Wucht auf den Elenden niederfallen. Nur dunkel kann ich mich noch erinnern, plötzlich einen heftigen Schmerz in der Brust verspürt zu haben, dann schwanden mir die Sinne. Und nun sind sie abermals entkommen." „Beruhigt Euch junger Mann," sagte jetzt Reb Calmi, der der Erzählung des Bocher mit lebhaftem Jntereffe gefolgt war, „ich weiß, wo die Tochter meines Freundes ist, ich werde sie holen." „Ihr wißt und wie dies?" In wenigen Worten erzählte nun der Arzt dem Kranken seinen Besuch bei dem verwundeten Vagabonden. „Ja, ja, er ist es! O, geht Reb! ich bitte Euch, geht und holt Sarah." In Begleitung mehrerer Männer begab sich jetzt Rabbi Calmi eiligst nach dem verfallenen Hause zurück. Doch zu spät. Der Vagabond hatte dasselbe bereits vor mehreren Stunden mit der armen Sarah verlassen. 8. Im Kaukasus. Wild jagt der Sturm die Schnee-Lawinen vor sich her über die unergründlichen Schluchten des Kaukasus. Dort oben, hoch auf einem kleinen Felsenplateau, ringsum vsn kahlem Gestein umgeben, tief eingehüllt in seinen Mantel steht ein junger Offizier der Russen. Seine linke Hand streichelt liebevoll den Kopf eines großen zottigen Bernhardinerhundes, der mit seinen klugen Augen gar zutraulich zu dem Krieger aufblickt, während seine Rechte den Knauf seines Schwertes fest umklammert hält. Tiefer unten aus den verschiedenen Abhängen des Kaukasus glühen die Wachtfeuer der russischen Krieger gleich Glühwürmchen zu ihm empor. Nach Osten hin wendet sich des jungen Kriegers Blick, dorthin nach jenem Thalkessel, in dem sich die Tscherkeffen versammelt haben, sich rüsten, um die Ruffen zu schlagen Große Gefahr droht den Ruffen, denn den Tscherkeffen ist' t jeder Pfad im Kaukasus zu gut bekannt. Darum halte sich

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